Gold aus dem Mittelmeer: Wie griechischer Thunfisch Japans Sushi-Markt antreibt – und die Meere unter Druck setzt

Von der Ägäis bis nach Tokio: Der globale Handel mit Thunfisch verbindet zwei Welten; und zeigt exemplarisch die Spannungen zwischen Wirtschaftswachstum und Naturschutz. 
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos

Aktuell/Natur & Umwelt – Wenn in den frühen Morgenstunden auf den berühmten Fischmärkten Tokios ein tonnenschwerer Blauflossen-Thunfisch unter den Hammer kommt, richtet sich die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit regelmäßig auf spektakuläre Rekordpreise. Anfang 2026 erzielte ein einzelner Fisch mit 243 Kilogramm Gewicht einen Preis von rund 2,78 Millionen Euro; ein symbolträchtiger Höhepunkt eines globalen Geschäfts, das längst nicht mehr nur Japan betrifft. Millionenbeträge für ein einziges Tier sind dabei weniger Ausdruck seines tatsächlichen Marktwerts als vielmehr Symbol für Prestige, Qualität und die enorme Bedeutung, die Thunfisch – insbesondere für Sushi und Sashimi – in Japan besitzt. Was dabei oft im Hintergrund bleibt, ist die globale Lieferkette, die diesen Fisch überhaupt erst auf den japanischen Markt bringt. Ein bedeutender Teil dieser Kette beginnt im Mittelmeer, genauer gesagt vor den Küsten Griechenlands.

Thunfisch auf einem Fischmarkt in Japan – Foto: Hellas-Bote

Griechenland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen Akteur im internationalen Thunfischhandel entwickelt. Gemeinsam mit anderen Mittelmeerländern wie Spanien, Italien und Frankreich nutzt das Land die natürlichen Wanderrouten des Atlantischen Blauflossen-Thunfischs, der auch durch das Mittelmeer zieht, um ihn gezielt zu fangen. Besonders im östlichen Mittelmeer, in der Ägäis und im Ionischen Meer, operieren spezialisierte Fangflotten, die mit modernen Methoden arbeiten. Häufig kommen sogenannte Ringwadennetze zum Einsatz. Große Netze, die ganze Fischschwärme umschließen und so eine effiziente, aber auch umstrittene Fangmethode darstellen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells ist jedoch nicht nur der Fang selbst, sondern die anschließende Weiterverarbeitung in sogenannten Mastanlagen, dem „Tuna Ranching“. Dabei werden lebende Thunfische nach dem Fang in große Netzgehege im Meer überführt und über mehrere Monate hinweg gefüttert. Ziel ist es, den Fettgehalt des Fleisches gezielt zu erhöhen, da insbesondere der stark marmorierte Thunfisch auf dem japanischen Markt Höchstpreise erzielt. Diese Praxis erlaubt es, den Wert eines einzelnen Fisches erheblich zu steigern; ein wirtschaftlicher Vorteil, der Griechenland zu einem wichtigen Exporteur im Premiumsegment gemacht hat.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Handels ist für Griechenland nicht zu unterschätzen. In strukturschwachen Küstenregionen schafft die Thunfischindustrie Arbeitsplätze, sowohl direkt in der Fischerei als auch indirekt in Verarbeitung, Logistik und Export. Gleichzeitig bringt der Export von hochwertigem Thunfisch wichtige Devisen ins Land. Japan gilt dabei als mit Abstand wichtigster Absatzmarkt: Schätzungen zufolge werden rund 80 Prozent des weltweit gehandelten Blauflossen-Thunfischs dort konsumiert. Für griechische Produzenten bedeutet das eine stabile Nachfrage … allerdings auch eine starke Abhängigkeit von einem einzelnen, anspruchsvollen Markt.

Global betrachtet hat sich der Thunfischfang in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch ausgeweitet. Während um die Mitte des 20. Jahrhunderts jährlich etwa 600.000 Tonnen Thunfisch gefangen wurden, liegt die heutige Fangmenge bei über sechs Millionen Tonnen pro Jahr. Diese enorme Steigerung spiegelt nicht nur technologische Fortschritte wider, sondern vor allem die stark gestiegene Nachfrage, die durch die weltweite Popularität der japanischen Küche zusätzlich angeheizt wurde. Sushi ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern ein globaler Trend; mit direkten Auswirkungen auf die Fischbestände der Weltmeere.

Foto: Hellas-Bote

Gerade der Blauflossen-Thunfisch, der im Zentrum des Handels zwischen Griechenland und Japan steht, ist dabei besonders sensibel. Er wächst vergleichsweise langsam, erreicht erst spät die Geschlechtsreife und ist daher anfällig für Überfischung. Tatsächlich gingen die Bestände im Mittelmeer gegen Ende des 20. Jahrhunderts drastisch zurück; Schätzungen zufolge brach die Biomasse innerhalb von zwei Jahrzehnten um bis zu 80 Prozent ein. Diese Entwicklung führte zu internationalen Gegenmaßnahmen, darunter strengere Fangquoten, Kontrollen und Schutzprogramme, die in den letzten Jahren zumindest eine teilweise Erholung der Bestände ermöglicht haben.

Dennoch bleibt die Situation angespannt. Die hohe Nachfrage nach hochwertigem Thunfisch setzt weiterhin starke wirtschaftliche Anreize, möglichst große und besonders wertvolle Tiere zu fangen. Kritiker bemängeln zudem, dass das „Tuna Ranching“ keine echte Aquakultur im klassischen Sinne darstellt, da die Fische nicht gezüchtet, sondern wild gefangen werden. Oft handelt es sich um noch nicht geschlechtsreife Tiere, die dem natürlichen Fortpflanzungskreislauf entzogen werden. Hinzu kommt der enorme Futterbedarf: Um einen Thunfisch zu mästen, werden große Mengen anderer Fische benötigt, was den Druck auf marine Ökosysteme zusätzlich erhöht.

Auch die Fangmethoden selbst stehen in der Kritik. Ringwadennetze und Langleinen können zu erheblichem Beifang führen, bei dem neben Thunfischen auch andere Meeresbewohner wie Haie, Meeresschildkröten oder Seevögel gefangen und oft getötet werden. Darüber hinaus können die Mastanlagen lokale Umweltprobleme verursachen, etwa durch Futterreste und Ausscheidungen, die das ökologische Gleichgewicht in Küstengewässern beeinträchtigen.

Auf der anderen Seite gibt es durchaus Fortschritte im Bereich der Regulierung. Internationale Organisationen und Abkommen haben in den vergangenen Jahren strengere Kontrollen eingeführt, Fangquoten reduziert und die Rückverfolgbarkeit verbessert. Tatsächlich gelten heute nur noch wenige der kommerziell genutzten Thunfischbestände als akut überfischt; ein Zeichen dafür, dass nachhaltige Fischerei zumindest in Ansätzen möglich ist. Dennoch bleibt der Blauflossen-Thunfisch aufgrund seines hohen Marktwerts und seiner biologischen Besonderheiten ein Risikofaktor.

Für Griechenland bedeutet all dies einen komplexen Balanceakt. Einerseits bietet der Thunfischhandel erhebliche wirtschaftliche Chancen und stärkt die Position des Landes im globalen Seafood-Markt. Andererseits steht er exemplarisch für die Herausforderungen moderner Fischerei: die Vereinbarkeit von wirtschaftlichem Nutzen und ökologischer Verantwortung. Die Zukunft dieses Handels wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, nachhaltige Fangmethoden konsequent umzusetzen und gleichzeitig die Nachfrage auf einem Niveau zu halten, das die natürlichen Bestände nicht überfordert.

Der Weg eines Thunfischs von den Gewässern der Ägäis bis auf einen Teller in Tokio ist damit weit mehr als nur eine logistische Leistung. Er erzählt eine Geschichte von globaler Vernetzung, wirtschaftlichen Interessen und ökologischen Grenzen. In diesem Spannungsfeld entscheidet sich, ob der Thunfisch auch in Zukunft noch als „Gold des Meeres“ gehandelt werden kann oder ob er zum Symbol für die Übernutzung unserer natürlichen Ressourcen wird. (jk)

Foto: Hellas-Bote