Im Schatten der Akropolis, dort, wo der Geist der Antike zwischen Marmorsäulen und Olivenhainen noch immer zu wandeln scheint, wurde im September 1846 ein Kapitel europäischer Kulturgeschichte aufgeschlagen, das bis heute fortwirkt: die Gründung der École française d’Athènes, der Französischen Schule Athen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Aktuell – Es war nicht nur die Geburt eines archäologischen Instituts, sondern der Beginn einer wissenschaftlichen Liebeserklärung Frankreichs an Griechenland – ein Echo der Aufklärung, getragen von Staunen, Systematik und einer tiefen Ehrfurcht vor der Wiege Europas.
Mit der École française d’Athènes trat Frankreich als erste Nation in eine institutionalisierte, archäologisch-wissenschaftliche Beziehung zum antiken Erbe Griechenlands. Unter dem klaren Licht Attikas wurde das Institut zu einer Brücke zwischen zwei kulturellen Giganten – der französischen Gelehrsamkeit und der griechischen Geschichte. Bereits wenige Jahre nach der Gründung erweiterten die Sektionen Beaux-Arts (1859) und Étrangère (1900) den Horizont der Forschung. Ab 1850 unterstand die Schule der renommierten Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, was ihren akademischen Stellenwert unterstrich und sie endgültig als wissenschaftliche Institution etablierte.
Die ersten archäologischen Unternehmungen fanden an symbolträchtigen Orten statt – Charles Ernest Beulé grub am Fuße der Akropolis, während Paul Foucart das Orakelheiligtum in Delphi untersuchte. Damit begann eine Tradition französischer Feldforschung, die sich tief in den Boden Griechenlands eingrub. In Makedonien wirkten Léon Heuzey und Honoré Daumet bereits 1861, wobei ihre Arbeit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch diplomatisch von Bedeutung war: Zum ersten Mal fanden griechische Funde ihren Weg in den Louvre – eine Geste, die die Verbundenheit beider Länder besiegelte.
Die Gründung der Athener Zweigstelle des Deutschen Archäologischen Instituts 1874 bedeutete nicht etwa Konkurrenz, sondern eine neue Ära der internationalen Zusammenarbeit im Dienste der Vergangenheit. Die École française d’Athènes antwortete mit Gründlichkeit: 1875 entstand das angegliederte Institut de Correspondance Hellénique, das bald darauf das Bulletin de Correspondance Hellénique veröffentlichte – eine heute noch anerkannte Plattform archäologischer Publikationen.
Von Delos bis Philippi, von Argos bis Thasos – die École française d’Athènes war in nahezu allen Regionen Griechenlands tätig, wo Steine sprechen und Ruinen erzählen. Die großangelegten Ausgrabungen auf Delos ab 1873 markierten den Beginn einer systematischen Erschließung bedeutender Heiligtümer, die sich in Delphi (1892–1903), Argos (1902–1913) und Philippi (1914) fortsetzte. Diese Arbeiten stellten nicht nur archäologische Meilensteine dar, sondern offenbarten auch ein tiefes Verständnis der sozialen, politischen und religiösen Dynamiken des antiken Griechenlands.
Der Erste Weltkrieg brachte 1916 bis 1922 eine Zäsur, ebenso der Zweite Weltkrieg. Doch wie ein Phönix aus der Asche nahm das Institut seine Arbeiten wieder auf – in Philippi (ab 1944), in Argos (ab 1952) und später in Dikili Tash sowie auf Kreta, wo das Quartier Mu bei Malia (1966–1991) ausgegraben wurde. Der Name der Schule wandelte sich mit der Zeit – 1928 wurde sie zur École française d’Archéologie d’Athènes –, doch ihr Auftrag blieb derselbe: das griechische Erbe zu bewahren, zu deuten und mit der Welt zu teilen.
Die Schule wurde Zeugin nicht nur der klassischen Antike, sondern auch der hellenistischen, byzantinischen und mittelalterlichen Vergangenheit. Die Reformen von 1985 verliehen ihr eine neue Struktur – ein Verwaltungs- und ein Wirtschaftsrat traten hinzu, und die Forschung wurde auf byzantinische und moderne Aspekte Griechenlands ausgeweitet. Damit schloss sich ein Kreis: Aus einer klassizistisch geprägten Institution war ein multidisziplinäres Zentrum geworden, das das gesamte Spektrum griechischer Geschichte umfasste – von mykenischer Palastarchitektur über hellenistische Urbanistik bis hin zur osmanischen Zeit und dem neogriechischen Staat. (sk)





