Wer heute durch das stille Amari-Becken auf Kreta wandert, spürt unweigerlich den Atem der Vergangenheit. Umgeben von Olivenhainen, eingerahmt von den majestätischen Höhenzügen des Psiloritis und erfüllt von der Melodie plätschernder Wasserläufe liegt eine Landschaft, die seit Jahrtausenden Lebensraum, Kultstätte und politisches Zentrum war.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen – Wo heute kleine Bergdörfer wie Thronos oder Agia Fotini friedlich wirken, befand sich einst eine der bedeutendsten Städte der Insel: Sybrita. Ihre Geschichte reicht von der minoischen Zeit über die Blüte der hellenistischen Epoche bis zur endgültigen Zerstörung während der arabischen Invasion im 9. Jahrhundert. Und doch sind es gerade die Überreste von Mauern, Münzen, Tempeln und Basiliken, die Sybrita zu einem einzigartigen Fenster in die Vergangenheit machen und Reisende in ein Kreta entführen, das so ursprünglich wie geheimnisvoll ist.

Die Gründung der Stadt fällt in die spätminoische Zeit um 1400 v. Chr., in jene Epoche, als die Mykener über die Insel herrschten. Schon früh war Sybrita in den Linear-B-Schriftstücken von Knossos als Su-ki-ri-ta verzeichnet – vermutlich die „Stadt des wilden Ebers“. Auf dem Hügel Kefala, 618 Meter über dem Meer, thronten die ersten Gebäude aus dem 12. Jahrhundert v. Chr., von denen heute noch Grundmauern zeugen. Von hier aus breitete sich die Siedlung über die Jahrhunderte aus, überstand die sogenannten Dunklen Jahrhunderte Griechenlands und entwickelte sich in archaischer und klassischer Zeit zu einem Zentrum im Amari-Becken.
Besondere Bedeutung gewann Sybrita während der hellenistischen Epoche. Die Stadt erlebte Wohlstand, prägte als eine der ersten kretischen Poleis eigene Münzen mit den Göttern Dionysos, Hermes und Zeus und errichtete mächtige Befestigungsmauern. Politische Allianzen, etwa mit der ionischen Stadt Teos oder im Bündnis mit dem König von Pergamon, belegen ihren Einfluss. Doch auch das religiöse Leben war geprägt von tiefer Verwurzelung in Mythos und Natur: In einer Höhle bei Patsos, nur wenige Kilometer entfernt, befand sich ein Heiligtum des Hermes Kranaios, das über viele Jahrhunderte hinweg verehrt wurde.
Als Kreta römisch wurde, verlor Sybrita keineswegs an Bedeutung. Ganz im Gegenteil: Durch seine Lage zwischen Gortyn, Eleutherna und der Hafenstadt Soulia an der Südküste profitierte die Stadt von Handel und Verbindungen. In der Tabula Peutingeriana, der großen römischen Straßenkarte, wird Sybrita ausdrücklich erwähnt. Öffentliche Gebäude, eine gepflasterte Rampe und monumentale Bauten belegen diesen Glanz. Spuren römischer Grabanlagen, Inschriften und Mosaike sind bis heute stille Zeugen einer Epoche, in der Sybrita kulturell und wirtschaftlich blühte.
In byzantinischer Zeit war Sybrita sogar ein Bischofssitz. Eine frühchristliche Basilika, deren Grundmauern noch sichtbar sind, bezeugt das geistliche Leben der Stadt. Auf ihren Ruinen entstand im 14. Jahrhundert die Marienkirche von Thronos, die noch heute Besucher empfängt und so eine Brücke zwischen Antike und Gegenwart schlägt. Erst mit der arabischen Eroberung Kretas im Jahr 824 endete die Geschichte der Stadt abrupt – doch in den Dörfern des Amari-Beckens lebt ihre Erinnerung fort.
Die wissenschaftliche Wiederentdeckung begann im 19. Jahrhundert, als der britische Forscher Spratt die Stätte lokalisierte. Italienische und britische Archäologen gruben später die ersten Siedlungsspuren aus, und seit den 1980er-Jahren fördern systematische Grabungen wertvolle Funde zutage. Vasen, Statuetten, Metallobjekte und die berühmten Münzen sind heute im Archäologischen Museum von Rethymno zu bewundern. Doch der eigentliche Schatz bleibt die Landschaft selbst: der Blick vom Hügel Kefala über das grüne Amari-Becken, das im Frühling voller Blüten steht, während am Horizont der Schnee des Psiloritis glitzert. (dt)





