Wer heute die raue Schönheit Ostkretas entdeckt, spürt sofort die tiefe Verbindung dieser Landschaft mit ihrer bewegten Vergangenheit. Einer dieser Orte, der Besucher zugleich bewegt, erschüttert und fasziniert, ist die Höhle von Milatos in der Gemeinde Agios Nikolaos.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Wer den kurzen Weg vom Dorf Milatos hinauf zur Höhle geht, spürt schon beim Betreten des schmalen Pfades, dass dies kein gewöhnlicher Ort ist. Es ist ein Platz voller Mythen, voller Leid, aber auch voller unerschütterlichem Widerstandsgeist, der bis heute in den Felsen nachhallt.

Die Geschichte der Höhle von Milatos reicht bis in die Jungsteinzeit zurück, wie archäologische Funde beweisen. Doch ihre Bekanntheit verdankt sie einem dramatischen Kapitel der griechischen Geschichte. Während der Griechischen Revolution gegen das Osmanische Reich wurde die Höhle 1823 Schauplatz einer tragischen Belagerung. Mehrere tausend Christen aus Neapoli und den umliegenden Dörfern suchten hier Schutz vor den ägyptisch-türkischen Truppen Hassan Paschas. Tage- und wochenlang harrten Männer, Frauen und Kinder in der Dunkelheit aus, während draußen Artilleriefeuer den Höhleneingang erschütterte. In einem verzweifelten Kampf versuchten kretische Kämpfer, die Belagerung zu durchbrechen, und fügten den Angreifern zunächst schwere Verluste zu. Doch am Ende siegte die Übermacht: Viele der Eingeschlossenen wurden getötet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft, Priester auf grausame Weise hingerichtet. Die Höhle wurde so zu einem stillen Mahnmal für das Leid und den Mut der kretischen Bevölkerung.
Wer heute die Höhle besucht, findet nicht nur eine beeindruckende Naturformation mit 2100 Quadratmetern Fläche, einer Tiefe von 73 Metern und einer Breite von bis zu 63 Metern, sondern auch ein Stück lebendige Erinnerung. Ein Teil des Höhleninneren wurde 1935 zu einer kleinen Kirche zu Ehren des Apostels Thomas umgestaltet. Besonders bewegend ist die Ikonostase, die dem Besucher sofort ins Auge fällt. Daneben liegt ein Schrein, in dem die Knochen der Opfer ruhen – stumme Zeugen eines fast 200 Jahre zurückliegenden Massakers. Schon am Eingang erinnert eine steinerne Inschrift an die grausamen Ereignisse von 1823 und macht deutlich, dass die Höhle nicht nur ein Ausflugsziel, sondern auch ein Ort der Besinnung ist.
Der Weg dorthin ist gut erreichbar: Von Milatos führt eine kleine Straße Richtung Kounali, nach etwa 2,5 Kilometern erreicht man eine Raststätte mit Parkmöglichkeiten. Von dort sind es nur noch wenige Gehminuten durch die karge Landschaft bis zum Höhleneingang. Besonders in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne über den Bergen aufgeht und das Tal in goldenes Licht taucht, entfaltet die Umgebung eine beinahe mystische Atmosphäre.
Die Höhle von Milatos ist damit nicht nur eine Sehenswürdigkeit für geschichtsinteressierte Reisende, sondern auch ein spiritueller Ort, der Emotionen weckt und die Vergangenheit lebendig hält. Wer Kreta besucht, sollte sich diesen Ort der Erinnerung und der Stille nicht entgehen lassen – ein Platz, an dem Geschichte, Natur und Gedenken auf einzigartige Weise miteinander verschmelzen. (sk)





