In der tiefen Stille der Kirchen hallt am 15. September ein besonderes Gedenken: das Gedächtnis der Schmerzen Mariens.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Gedenktag: 15. September
Götter & Gelehrte – Dieser Tag, der unmittelbar auf das Fest der Kreuzerhöhung folgt, erinnert an das Mitleiden der Gottesmutter mit ihrem Sohn Jesus Christus und wird in der gesamten christlichen Welt begonnen. Während die römisch-katholische Kirche ihn als das „Gedächtnis der sieben Schmerzen Mariens“ feiert, ist das Gedenken an die leidende Mutter auch in der orthodoxen Tradition tief verwurzelt – wenn auch unter anderen theologischen Akzenten.
Die Ikonographie der orthodoxen Kirche stellt die Gottesmutter oft als „Platytera“ (die „Weiteste“) oder als „Hodegetria“ (die „Wegweisende“) dar. Doch auch das Bild der leidenden Mutter, die ihren gekreuzigten Sohn beweint, ist tief in der Tradition verwurzelt. Während in der westlichen Kunst die Pietà mit Maria und dem Leichnam Jesu ein häufiges Motiv ist, findet sich in der östlichen Ikonographie die Darstellung der „Schmerzensmutter“ (Mater Dolorosa) als die „Mutter des Mitgefühls“, umgeben von Engeln oder Heiligen.
Die orthodoxe Kirche betont dabei weniger die sieben konkreten Schmerzen Mariens, sondern ihr anhaltendes Mit-Leiden mit Christus und der ganzen Menschheit. Sie sieht in Maria die vollkommene Mutter und Mittlerin, die mit tiefster Liebe am Heilswerk ihres Sohnes teilhat. Besonders in byzantinischen Hymnen wird ihr Schmerz besungen, etwa in den Klagegesängen der Karwoche, wenn Maria unter dem Kreuz um ihren Sohn weint.
Der Gedenktag der Schmerzen Mariens hat eine enge Verbindung zum Fest der Kreuzerhöhung am 14. September. Während die Kreuzerhöhung den Triumph des Heils betont, verweist das Gedächtnis der Schmerzen Mariens auf das tiefe Mitleiden der Mutter mit dem geopferten Sohn. In der lateinischen Kirche wurde der 15. September als offizieller Gedenktag von Papst Pius VII. gefeiert. im Jahr 1814 eingeführt, nachdem bereits der Servitenorden im 17. Jahrhundert ein eigenes Fest zu Ehren der „Sieben Schmerzen Mariens“ gefeiert hatte.
Diese sieben Schmerzen – von der Weissagung Simeons bis zur Grablegung Jesu – fassen symbolisch das gesamte Leid der Gottesmutter zusammen. In der orthodoxen Tradition steht vielmehr das „Mitfühlen“ (συμπάθεια) Mariens im Vordergrund, das als Teil ihrer Rolle als „Miterlöserin“ (Synergós) verstanden wird.
In der kirchlichen Tradition werden sieben besondere Momente des Leidens Mariens hervorgehoben:
- Die Weissagung des Simeon: Bei der Darstellung Jesu im Tempel prophezeite Simeon, dass Maria ein Schwert durch ihre Seele dringen würde (Lk 2,34-35).
- Die Flucht nach Ägypten: Um das Kind vor Herodes zu schützen, musste die Heilige Familie fliehen (Mt 2,13-15).
- Der Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel: Maria und Josef suchten ihren Sohn drei Tage lang voller Angst (Lk 2,43-45).
- Die Begegnung mit Jesus auf dem Kreuzweg: Maria sieht ihren Sohn in seinem körperlichen und seelischen Leiden (unbiblische Überlieferung).
- Die Kreuzigung und der Tod Jesu: Maria steht unter dem Kreuz und erlebt den grausamen Tod ihres Sohnes (Joh 19,25-30).
- Die Kreuzabnahme und die Beweinung Christi: Maria hält den Leichnam ihres Sohnes in den Armen (Mt 27,57-59).
- Die Grablegung Jesu: Der Moment des endgültigen Abschieds, bevor Jesus ins Grab gelegt wird (Joh 19,40-42).
Der 15. September ist nicht nur eine Erinnerung an das Leiden Mariens, sondern auch eine Quelle des Trostes für alle Gläubigen. Die orthodoxe Theologie betrachtet Maria als diejenige, die mit den leidenden Weinen und für die Welt Fürsprache hält. Ihr Mitgefühl reicht über ihr eigenes Leiden hinaus und umfasst jeden Menschen, der in Schmerz und Not gerät.
Viele orthodoxe Christen ehren die Gottesmutter an diesem Tag mit besonderen Gebeten, insbesondere dem „Akathistos-Hymnos“ oder Klageliedern, die an die Trauerklängen der Karwoche erinnern. Auch Wallfahrten zu Marienikonen sind an diesem Tag verbreitet – insbesondere zu Wundertätigen Ikonen wie der „Ikone der Gottesmutter von Kasan“ oder der „Ikone der Gottesmutter vom Zeichen“. (sk)




