Zwiegespräch am Rand des Himmels

Nach einem langen Regen saß Kostas vor seinem kleinen Haus aus hellem Stein. Die Olivenbäume tropften noch, und aus der Erde stieg jener dunkle Duft auf, den nur der Sommerregen hervorbringen kann. Über den Hügeln spannte sich ein Regenbogen, klar und still, als hätte der Himmel selbst für einen Augenblick seine Gedanken sichtbar gemacht.
Von Autorin Maria Papadaki

Literarisches – Kostas, dessen Hände vom Salz des Meeres und von den Jahren gezeichnet waren, stützte sich auf seinen Stock und sprach leise:

  • Immer wieder erscheinst du, und doch verstehe ich dich nicht.

Da bewegte sich das Licht im Bogen. Aus den Farben trat eine Gestalt hervor — leicht wie Morgenwind, mit Gewändern aus schimmerndem Blau und Gold. Ihre Augen trugen den Glanz ferner Horizonte.

Es war Iris, die geflügelte Botin der griechischen Götter.

  • Wenn die Menschen mich ganz verstünden, Kostas, würden sie vielleicht aufhören, zum Himmel aufzublicken.
  • Dann bist du also wirklich die Botin der Götter?
  • Ich bin der Weg zwischen den Welten. Die Stimme des Übergangs. Dort, wo Regen und Licht einander berühren, erscheine ich.

Kostas nickte langsam.

  • Als Kind glaubte ich, am Ende des Regenbogens beginne das Reich der Götter.
  • Und heute?
  • Heute glaube ich, dass alte Männer nur noch an Erinnerungen glauben.

Iris lächelte traurig.

  • Erinnerungen sind nichts anderes als Regenbogen der Seele. Auch sie bestehen aus Licht und vergangenem Sturm.

Der Wind strich durch die Olivenzweige. Für einen Augenblick schien das ganze Tal still zuzuhören.

  • Warum bist du immer nur kurz hier? Kaum hebt das Herz sich zu dir, verschwindest du wieder.
  • Weil Dauer die Augen ermüdet. Die Schönheit muss flüchtig sein, damit der Mensch sie bewahrt.
  • Das sagen die Götter leicht. Ihr verliert nichts.

Da wurde Iris ernst, und ihre Farben verdunkelten sich wie Himmel vor der Nacht.

  • Du irrst dich, Kostas. Selbst die Unsterblichen verlieren. Wir sehen Tempel zerfallen, Namen vergessen, Opferfeuer verlöschen. Die Menschen sterben nur einmal. Die Götter sterben langsam — in der Erinnerung der Welt.

Kostas sah lange zu ihr hinauf.

  • Dann fürchtest auch du das Vergessen?
  • Ja. Jeder Ruf aus einem menschlichen Herzen hält uns lebendig.

Der alte Mann lachte leise.

  • Dann habe ich dir heute wohl ein wenig Leben geschenkt.
  • Und du mir Bedeutung.

Sie trat näher, und ihre Gestalt schimmerte wie Licht auf Wasser.

  • Sag mir, Kostas — was siehst du wirklich, wenn du einen Regenbogen betrachtest?

Kostas dachte lange nach.

  • Ich sehe etwas, das bleibt, obwohl es vergeht.
    Etwas, das man nicht berühren kann und das einen trotzdem berührt.

Iris senkte den Blick, als habe selbst eine Göttin in diesen Worten einen verborgenen Schmerz erkannt.

  • Vielleicht bist du weiser geworden als viele Priester.
  • Nein. Nur älter.
  • Das ist oft dasselbe.

Der Regenbogen begann bereits blasser zu werden. Die Farben lösten sich langsam im Abendlicht auf.

Kostas hob die Hand.

  • Wirst du wiederkommen?

Iris lächelte, und für einen Augenblick leuchtete der ganze Himmel heller.

  • Immer dann, wenn ein Mensch nach dem Sturm noch den Mut hat, nach oben zu sehen.

Dann verschwand sie im Licht.

Kostas blieb allein zurück. Doch die Welt schien ihm plötzlich weniger schwer, als hätte jemand für einen flüchtigen Moment eine unsichtbare Tür zwischen Himmel und Erde geöffnet. (mp)

Foto: Hellas-Bote