Wenn sich das Licht der Ägäis in den Fluten der Straße von Messina spiegelt und die Hafenstadt in Siziliens Nordosten in sanften Blau- und Goldtönen schimmert, dann hallen uralte Namen durch die Zeit: Zankle nannten die Griechen diesen Ort, der sich wie eine Sichel in das tyrrhenische Meer legte – ein strategisches Juwel, von den Wellen umspült und von Mythen umrankt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Messina, heute mit über 217.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Siziliens, war einst ein Zentrum griechischer Kultur und Macht. Schon im 8. Jahrhundert v. Chr. siedelten ionische Kolonisten aus Kyme an dieser schmalen Meerenge, nur drei Kilometer vom italienischen Festland entfernt. Sie gaben der Stadt den Namen Zankle – abgeleitet vom griechischen Wort ζάγκλον, das „Sichel“ bedeutet, ein poetisches Bild für die natürliche Hafenbucht.
Die Spuren der griechischen Gründung sind tief in das Stadtbild und das kulturelle Gedächtnis Messinas eingebrannt. Unter der Herrschaft von Anaxilas, des Tyrannen von Rhegion, wurde Zankle im 5. Jahrhundert v. Chr. in Messene umbenannt – zu Ehren seiner Heimatstadt auf der Peloponnes. In dieser Umbenennung steckt mehr als nur Nostalgie: Sie war ein Symbol für die politische Machtübernahme und für das griechische Selbstverständnis, das diesen Ort über Jahrhunderte hinweg prägen sollte.

Von den griechischen Siedlern stammt nicht nur die Idee der Stadtanlage, sondern auch die Vorstellung von Messina als „Tor“ – zu Sizilien, zu Italien, zu Europa. Selbst der mythische Stadtgründer, Orion, verewigt auf dem Orionbrunnen am Domplatz, verweist auf die Götter- und Heldengeschichten der Hellenen. Und der Neptunbrunnen, geschaffen von Montorsoli im 16. Jahrhundert, greift mit Skylla und Charybdis zentrale Gestalten der griechischen Mythologie auf – Meerungeheuer, die der Legende nach die Straße von Messina bewachten.
396 v. Chr. plünderten die Karthager die Stadt, bis sie von Dionysios I. von Syrakus, einem der großen hellenistischen Herrscher, zurückerobert wurde. Es war auch ein Akt der Rückführung in den griechischen Einflussbereich. Doch die friedlichen Zeiten währten nicht lange: 288 v. Chr. nahmen kampanische Söldner, die Mamertiner, die Stadt ein und trieben Messina in den Konflikt zwischen Karthago und Rom – der Ausgangspunkt der ersten Punischen Kriege. Die Geschichte Messinas ist damit direkt verbunden mit den weltgeschichtlichen Auseinandersetzungen, die das klassische Altertum formten.
Mit dem römischen Sieg wurde Messina Teil des Imperiums, doch die griechische Kultur blieb lebendig – in den Münzen, der Sprache, den Mythen, den Tempeln. Noch heute erzählt eine Drachme aus Zankle, ausgestellt im Numismatischen Museum in Athen, von der kulturellen Strahlkraft dieser Kolonie.
Der zyklische Rhythmus von Zerstörung und Wiedergeburt begleitet Messina seit der Antike. Die verheerenden Erdbeben von 1783 und 1908, das Bombardement im Zweiten Weltkrieg – sie zerstörten immer wieder die architektonischen Zeugnisse der Geschichte. Doch das griechische Erbe, so scheint es, ist unverwüstlich. Es lebt weiter in der Form der Hafenanlage, im Geist der Universität, in den Mauern der wiedererrichteten Kirchen und Museen.
Die Kirche Santa Maria Alemanna, einziges rein gotisches Bauwerk Siziliens, zeigt die Durchdringung europäischer Baustile, aber auch das Weiterwirken antiker Grundrisse. Selbst das Theater Vittorio Emanuele II, erbaut 1852, erhebt sich in klassischer Symmetrie – inspiriert von der alten Dramentradition, deren Ursprünge auf der Bühne des antiken Griechenlands liegen.
Die Universität Messina, 1548 von den Jesuiten gegründet, trägt noch immer den humanistischen Geist in sich, den schon Aristoteles in die Welt trug. Das Museo Regionale bewahrt Kunstwerke, die zwischen Renaissance und Antike vermitteln – darunter Werke von Antonello da Messina, einem der größten Söhne der Stadt, der mit seinem Malstil die Ikonographie der griechischen Welt aufgriff und transformierte.
Auch die jährlichen Volksfeste – zu Ehren der Schutzpatrone und Stadtgründer – zeugen von der Verwurzelung der Stadt in einem kulturellen Selbstverständnis, das bis in die Antike zurückreicht. Messina ist eben mehr als eine Hafenstadt am Rand Europas – sie ist ein kultureller Brückenkopf zwischen Hellas und Italien, zwischen Mythos und Moderne. Der Name Zankle mag längst Geschichte sein, doch die Sichel des Poseidon ist geblieben – als Geographie, als Symbol, als ewige Erinnerung an den griechischen Ursprung dieser Stadt. (sk)





