Mitten im pulsierenden Zentrum von Thessaloniki, dort, wo sich die Stimmen der Händler mit dem Rauschen des modernen Verkehrs verweben, erhebt sich eine Basilika, die mehr ist als nur ein Bauwerk aus Stein und Holz.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Geschichte/Reisen – Die Panagia Acheiropoietos, seit dem 5. Jahrhundert Zeugin von Umbrüchen, Kriegen, Glaubenswechseln und Wiedergeburt, trägt in jedem ihrer Kapitelle, in jeder Linie der Mosaike und in jedem leisen Schatten, der über ihr uraltes Gemäuer fällt, die unvergängliche Geschichte Griechenlands in sich. Sie ist nicht nur Kirche, sie ist ein atmendes Gedächtnis, das die Jahrhunderte überdauert hat und in dessen Mauern sich das Schicksal eines ganzen Volkes widerspiegelt.
Errichtet über den Fundamenten römischer Thermen, die bis ins späte 4. Jahrhundert das Leben der Stadt prägten, atmet die Basilika den Geist einer Ära, in der das Christentum sich anschickte, das antike Erbe zu durchdringen und zu erneuern. Ihre Entstehung, im zweiten Drittel des 5. Jahrhunderts verankert, spiegelt den Übergang von der heidnischen Welt der Götter hin zur Verehrung der Gottesmutter wider, deren Ikone – „Acheiropoietos“, nicht von Menschenhand geschaffen – ihr den Namen gab. Schon die frühen Quellen bezeichnen sie ehrfürchtig als Kirche der Theotokos, doch spätestens im 14. Jahrhundert verehrte man hier Seite an Seite mit Maria auch den Heiligen Demetrios, den Schutzpatron Thessalonikis.
Die Basilika hat gesehen, wie im Jahr 1430 die Stadt unter osmanische Herrschaft fiel und sie als erste Kirche in eine Moschee verwandelt wurde. Unter dem Namen „Eski Camii“ war sie das geistige Herz der neuen Ordnung, in der selbst Sultan Mehmed IV. 1673 in ihrer Mitte betete. Doch trotz der Umwidmung blieb die Seele dieses Ortes bestehen, verborgen vielleicht, aber niemals ausgelöscht. Mit der Rückkehr Thessalonikis in den Schoß Griechenlands im frühen 20. Jahrhundert öffneten sich ihre Tore erneut für den christlichen Glauben, und seit 1930 erklingt hier wieder das Gebet in der Sprache der Vorväter, die uralte Melodie byzantinischer Liturgie, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Ihr Inneres gleicht einem Mosaik der Jahrhunderte: antike Kapitelle, die längst vergangene Zeiten beschwören, Mosaikfragmente aus dem 5. Jahrhundert, die trotz der Zerstörungen wie funkelnde Splitter des Himmels leuchten, und Fresken aus dem 13. Jahrhundert, die die Vierzig Märtyrer von Sebaste in stiller Würde zeigen. Jeder Blick auf die zweigeschossigen Arkaden, jede Berührung der alten Steine, jedes Gebet unter dem offenen Dachstuhl ist ein Eintauchen in die ungebrochene griechische Tradition, die inmitten aller Wandlungen immer wieder neue Kraft findet.
Die Panagia Acheiropoietos ist heute nicht nur ein Gotteshaus, sondern Teil des UNESCO-Welterbes und damit eine Botschafterin Griechenlands an die Welt. Sie erinnert daran, dass dieses Land seit Jahrtausenden nicht nur Schauplatz von Kriegen, Eroberungen und Machtwechseln war, sondern vor allem ein Hort von Glauben, Kultur und unerschütterlicher Identität. (mv)





