Schatten über der Ägäis: Das vergessene Massaker von Kos 1943

Im Oktober 1943, während des Zweiten Weltkriegs, ereignete sich auf der griechischen Insel Kos ein kaum bekanntes, aber erschütterndes Kriegsverbrechen: das Massaker von Kos. Dieses Ereignis steht als düsteres Kapitel in der Geschichte der Ägäis und verdeutlicht die Grausamkeiten des Krieges.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou

Geschichte – Die Insel Kos war von 1912 bis 1943 unter italienischer Herrschaft, nachdem sie zuvor rund 400 Jahre zum Osmanischen Reich gehört hatte. Während des Zweiten Weltkriegs gewann die Insel eine strategische Bedeutung, insbesondere aufgrund eines militärisch geeigneten Flugplatzes bei Andimachia, dem heutigen Flughafen Kos. Nach der Bekanntgabe des Waffenstillstands von Cassibile am 8. September 1943 entwaffneten italienische Soldaten die wenigen auf der Insel stationierten deutschen Truppen. Kurz darauf landeten am 10. und 14. September etwa 1.500 britische Soldaten auf Kos, um die Insel zu sichern.

Ab dem 18. September wurde die Insel jedoch mehrfach von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Am 3. Oktober 1943 erfolgte ein schwerer Luftangriff, begleitet von der Landung deutscher Fallschirmtruppen. Ohne externe Unterstützung kapitulierten die italienischen und Truppen am Morgen des 4. Oktober. Die deutsche 22. Infanteriedivision unter Generalleutnant Friedrich-Wilhelm Müller nahm über 3.000 italienische und rund 1.400 britische Soldaten gefangen. Die Gefangenen wurden hauptsächlich in der Festung Neratzia in der Stadt Kos interniert.

Zwischen dem 5. und 7. Oktober 1943 wurden mehrere Dutzend italienische Offiziere der Wehrmacht heimlich in die Nähe des Dorfes Linopotis gebracht und dort erschossen. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. 1945 wurden die sterblichen Überreste exhumiert und auf dem katholischen Friedhof von Kos beigesetzt. 1954 erfolgte die Überführung nach Italien, wo sie auf dem Soldatenfriedhof in Bari ihre letzte Ruhe fanden.

Die Verantwortlichen für dieses Massaker wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. Lediglich General Friedrich-Wilhelm Müller, der auch für weitere Kriegsverbrechen verantwortlich war, wurde in Griechenland wegen seiner Taten auf Kreta angeklagt, zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet. Das Massaker von Kos bleibt ein tragisches Beispiel für die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und mahnt uns, die Schrecken des Krieges niemals zu vergessen. (sd)

Foto: Waldviertler, CC BY-SA 3.0, wikipedia.org