Marmor, Mythen und Magna Graecia – Griechenlands leiser Widerhall in Lokroi

An der zerklüfteten Küste Kalabriens, wenige Kilometer südwestlich der heutigen Gemeinde Locri, liegt ein Ort, der mehr ist als nur ein archäologisches Relikt: Lokroi Epizephyrioi, das westlichste Echo der griechischen Antike auf italienischem Boden.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Gegründet im 7. Jahrhundert v. Chr. von Kolonisten aus dem ostlokrischen Opous und unterstützt von Sparta, entwickelte sich Lokroi zu einem kulturellen und politischen Leuchtturm der Magna Graecia.

Die Verbindung zu Griechenland ist hier nicht bloße Erinnerung – sie durchdringt jeden Stein, jede Tonscherbe, jede mythologisch aufgeladene Darstellung auf den berühmten „Pinakes“. Diese bemalten Tonreliefs, die in einem Persephone-Heiligtum entdeckt wurden, sind mehr als nur Votivgaben – sie sind eindrucksvolle Zeugnisse eines tief verwurzelten Glaubenssystems, das den Übergang vom Mädchen zur Frau zelebrierte und so eine ganz eigene Interpretation der griechischen Götterwelt offenbarte.

Foto: Sandro Baldi, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org

Besonders eindrucksvoll ist der rekonstruierte Zeustempel im ionischen Stil – eine architektonische Geste griechischer Ingenieurskunst, beeinflusst von den Baumeistern des befreundeten Syrakus. Selbst das Theater von Lokroi, das mehr als 4500 Besucher fasste, scheint in seinem halbrunden Schwung das Echo attischer Tragödien widerhallen zu lassen.

In der hellenistischen Epoche wurde Lokroi zur Zuflucht des Tyrannen Dionysios II. von Syrakus, der hier zehn Jahre herrschte. In dieser Zeit erlebte die Stadt eine Blüte von Philosophie und Kunst – ein kulturelles Erbe, das noch heute im Museo Archeologico Nazionale di Reggio Calabria erlebbar wird.

Nicht zuletzt verdankt die Stadt ihrem Gesetzgeber Zaleukos – dem wohl ersten schriftlich überlieferten Gesetzgeber Europas – ihren legendären Ruf. Seine Gesetzgebung wirft ein frühes Licht auf griechische Ideen von Recht und Ordnung, die später Rom und Europa prägen sollten.

Der griechische Einfluss in Lokroi ist nicht nur in Artefakten spürbar – er lebt fort in der Struktur der Stadt, in der Tiefe der Mythen und in der Sprache der Steine. Lokroi ist nicht nur Ruine – es ist ein Ort, an dem Griechenland weiteratmet. (sk)

Foto: Sandro Baldi, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org