Ein grauer Wintermorgen lag über dem Hariksee. Schnee bedeckte das Ufer, das Wasser wirkt schwer und unbewegt, feiner Nebel stieg aus der Kälte auf. In dieser stillen Kulisse versammelten sich gestern zahlreiche griechisch-orthodoxe Christinnen und Christen aus Mönchengladbach und dem Kreis Viersen zu einer Zeremonie, die älter ist als viele der heutigen christlichen Feste: der Großen Wasserweihe.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker und Sakis Tsivalidis
Aktuell/Kreis Viersen/Mönchengladbach – Der 6. Januar trägt in allen christlichen Konfessionen den Namen „Theofania (Epiphanias) – Fest der Erscheinung des Herrn“. Während in katholischen und evangelischen Gemeinden an diesem Tag die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland im Mittelpunkt steht und Sternsinger durch die Straßen ziehen, richtet sich der Blick der orthodoxen Kirchen auf ein anderes Ereignis: die Taufe Jesu im Jordan. Sie markiert nach orthodoxem Verständnis den Beginn seines öffentlichen Wirkens als erwachsener Mann.

Die orthodoxe Christenheit kennt dabei unterschiedliche Kalendertraditionen. Russisch- und serbisch-orthodoxe Kirchen feiern Weihnachten nach dem julianischen Kalender erst am 6. oder 7. Januar. Griechisch-orthodoxe Gemeinden hingegen begehen das Weihnachtsfest – wie die westlichen Kirchen – bereits am 25. Dezember. Der 6. Januar bleibt dennoch ein zentraler Feiertag, an dem die Taufe Christi liturgisch gefeiert wird.
Am Hariksee wurde dieses Fest ein wenig versprätet, am gestrigen 10. Januar, in einer besonders eindrucksvollen Form begangen. Pater Konstantinos von der griechisch-orthodoxen Pfarrei Άγιος Νικόλαος – Sankt Nikolaus Mönchengladbach leitete die Zeremonie der Großen Wasserweihe (Megalos Agiasmos). Diese Tradition ist seit dem vierten Jahrhundert belegt und gilt als eines der ältesten durchgängig überlieferten Rituale der Kirche.

Mit Gebeten und Gesängen wandte sich der Geistliche dem See zu. In einer feierlichen Handlung warf er ein Kreuz dreimal in das kalte Wasser. Beim dritten Eintauchen kam Bewegung in die Menge: Acht Gläubige lösten sich vom Ufer und sprangen entschlossen in den eisigen See, um das Kreuz zurückzuholen. Das Eintauchen des Kreuzes ist in der orthodoxen Theologie von zentraler Bedeutung. Es erinnert an die Taufe Jesu im Jordan und steht zugleich für die Segnung der gesamten Schöpfung. Wasser gilt dabei als Träger des göttlichen Segens, als Element der Reinigung und Erneuerung. Wer dem Kreuz ins Wasser folgt, tut dies in der Hoffnung auf Gesundheit und die symbolische Abwaschung von Sünden.
Für die Gemeinde war der Ort selbst von besonderer Bedeutung. Erstmals fand die Große Wasserweihe der griechisch-orthodoxen Gläubigen der Region am Hariksee im Kreis Viersen statt. Der See wurde so für einen Tag zum liturgischen Raum unter freiem Himmel. Nach orthodoxem Verständnis endet der Segen nicht am Ufer: Von hier aus soll er weitergetragen werden – in die umliegenden Orte, in den Alltag der Menschen, in die Region. Die Große Wasserweihe gehört für viele orthodoxe Gläubige zu den wichtigsten Momenten des Kirchenjahres. Sie verbindet Glauben, Natur und Gemeinschaft in einer Handlung, die seit Generationen weitergegeben wird. Am Hariksee wurde diese Verbindung sichtbar: im kalten Wasser, im Kreuz, in den Gebeten und in der stillen Entschlossenheit derer, die dem Ritual folgten. (nb)

