Tief verborgen in den Kalksteinfelsen der Mittelmeerküsten lebt ein faszinierendes und uraltes Meerestier: die Steindattel (Lithophaga lithophaga), auch bekannt als Meerdattel, Meeresdattel oder Dattelmuschel. Schon ihr Name verrät ihre außergewöhnliche Lebensweise – sie lebt eingebohrt im Stein, unsichtbar für das bloße Auge.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Natur & Umwelt – In Griechenland, wo sie als Petrosolina bekannt ist, war sie jahrhundertelang eine begehrte Delikatesse. Doch die Gewinnung dieser Muschel hat katastrophale Folgen für das Ökosystem. Ihr verborgenes Leben, ihre langsame Entwicklung und ihre ökologische Bedeutung machen sie zu einem der bemerkenswertesten, aber auch gefährdetsten Bewohner des Mittelmeers.
Die Steindattel gehört zur Familie der Miesmuscheln (Mytilidae) und zeigt ein für diese Familie ungewöhnlich schlankes, längliches Gehäuse. Mit einer Länge von bis zu 95 Millimetern, in Ausnahmefällen sogar 110 Millimetern, und einer Höhe von rund 32 Millimetern besitzt sie eine elegante, fast zylindrische Form. Ihre Schale ist gelblich bis bräunlich, innen jedoch weißlich-irisierend mit einem zarten violettrosafarbenen Schimmer – ein faszinierendes Farbspiel, das besonders bei frischen Exemplaren sichtbar ist.
Die Oberfläche des Gehäuses ist weitgehend glatt, nur gelegentlich durch kräftige Anwachsstreifen unterbrochen. Das Schloss ist zahnlos, was sie von vielen anderen Muschelarten unterscheidet. Das Tier selbst ist getrenntgeschlechtlich, also männlich oder weiblich, und gibt Eier und Spermien frei ins Meerwasser ab. Diese Fortpflanzungsweise ist typisch für viele marine Weichtiere, führt aber bei der Steindattel zu einer besonders langen Entwicklungszeit.
Die Steindattel bewohnt bevorzugt Kalkstein- oder Korallenküsten, in die sie sich mit Hilfe eines speziellen Sekrets ihres Mantels einbohrt. Dieses Sekret löst den Stein chemisch an, während sich das Tier gleichzeitig langsam vorarbeitet – ein Prozess, der viele Jahre dauert. So entstehen die typischen keulenförmigen Bohrlöcher, die man entlang der Felsküsten unterhalb der Wasserlinie findet. Diese Bohrlöcher reichen von der Niedrigwasserlinie bis in Tiefen von etwa 100 Metern.
Das natürliche Verbreitungsgebiet der Art umfasst den gesamten östlichen Atlantik, von der Iberischen Halbinsel bis nach Senegal, sowie die Küsten des Mittelmeeres und sogar das Rote Meer. Besonders reichlich kommt sie in den felsigen Küsten Griechenlands vor – etwa auf den Kykladen, dem Peloponnes oder den Ionischen Inseln. Hier findet die Petrosolina ideale Bedingungen: warmes Wasser, reich an Plankton, und kalkreiche Gesteinsformationen.
Einmal im Stein verankert, verlässt die Steindattel ihre Höhlung nie wieder. Sie filtert mit Hilfe ihrer Kiemen winzige Planktonorganismen aus dem Meerwasser und lebt damit ein sessiles (festsitzendes) Leben. Ihre Lebensweise ist extrem langsam – das Wachstum beträgt nur etwa 0,2 Zentimeter pro Jahr. Daher kann es über 50 Jahre dauern, bis eine Steindattel eine Größe erreicht, die sie für den Menschen interessant macht. Diese ungewöhnlich lange Lebensdauer macht sie zugleich zu einem empfindlichen Indikator für die Stabilität mariner Ökosysteme.
Die Steindattel erreicht ihre Geschlechtsreife nach etwa zwei Jahren, wenn sie rund 2 bis 3 Zentimeter groß ist. In einer Fortpflanzungssaison kann ein erwachsenes Tier zwischen 120.000 und 4,5 Millionen Eier produzieren. Diese werden im Sommer – vor allem im östlichen Mittelmeer ab Juli – ins freie Wasser abgegeben, wo die Befruchtung stattfindet.
Die Entwicklung verläuft schnell: Schon nach wenigen Minuten bilden sich erste Zellstadien (Blastula, Gastrula), und nach etwa 15 Stunden entsteht die Trochophora-Larve. Nach weiteren Stunden entwickelt sich daraus die Veliger-Larve, die allmählich das typische Muschelgehäuse ausbildet. Die winzigen Larven treiben zunächst im Meer, bis sie sich an geeigneten Felsen anheften und mit dem Bohrprozess beginnen. Von diesem Zeitpunkt an leben sie für immer im Gestein – ein einzigartiger Lebensstil unter den Muscheln.
In Griechenland ist die Steindattel seit der Antike bekannt und galt lange als exquisite Meeresfrucht. Besonders auf den Ägäischen Inseln und in den Küstenregionen des Peloponnes wurde sie traditionell gesammelt und roh oder gekocht verzehrt. Der griechische Name Petrosolina bedeutet wörtlich „kleine Steinmuschel“ und verweist auf ihre Lebensweise.
Doch der Fang dieser Tiere ist äußerst zerstörerisch. Da sie tief im Kalkstein lebt, müssen Taucher die Felsen mit Hämmern oder Kompressoren aufbrechen, um an die Muscheln zu gelangen. Dabei werden ganze Küstenabschnitte zerstört, Algen- und Schwammgesellschaften vernichtet und das ökologische Gleichgewicht gestört. Da die Steindattel extrem langsam wächst, kann sich der Bestand kaum erholen.
Trotz des Verbots ist der illegale Handel mit Steindatteln in Griechenland weit verbreitet. Organisationen wie das Archipelagos Institute haben bei der Berner Konvention und der EU-Kommission für Maritime Angelegenheiten Beschwerden eingereicht, um auf diese Zerstörung aufmerksam zu machen und strengere Kontrollen zu erzwingen. Der Schutz dieser Art ist daher nicht nur eine ökologische, sondern auch eine kulturelle Verantwortung – sie steht sinnbildlich für das empfindliche Gleichgewicht des Mittelmeers.
Auch für die Geowissenschaften ist die Steindattel von großem Interesse. Ihre fossilen Bohrlöcher werden als Gastrochaenolites bezeichnet und dienen als präzise Indikatoren für frühere Meeresspiegelstände. Da die Tiere ihre Höhlen nur wenige Meter unterhalb der Wasserlinie anlegen, können Geologen anhand fossiler Bohrspuren Rückschlüsse auf die Lage antiker Küstenlinien ziehen. Diese Strukturen finden sich in Kalksteinen vieler Mittelmeerregionen und dokumentieren somit auch die geologische Geschichte der Meeresküsten über Jahrtausende hinweg. (jk)




