Die Acker-Ringelblume (Calendula arvensis) gehört zu jenen Pflanzenarten, die leicht übersehen werden, obwohl sie seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der Kulturlandschaften des Mittelmeerraums ist.
Von HB-Redakteur Panos Ventouris
Natur & Umwelt – Mit ihren kleinen, orange-gelben Blüten begleitet sie den Menschen seit der frühen Landwirtschaft, wächst auf Äckern, an Wegrändern und in Weinbergen und trotzt Hitze, Trockenheit und Bodenstörungen. Als Vertreterin der Gattung Ringelblumen (Calendula) innerhalb der Familie der Korbblütler (Asteraceae) vereint sie robuste Anpassungsfähigkeit mit bemerkenswerter morphologischer Vielfalt. Trotz ihres einst weiten Verbreitungsgebietes gilt sie heute in vielen Regionen Europas als stark gefährdet. Dieser Bericht beleuchtet die Acker-Ringelblume umfassend – von ihren vegetativen und generativen Merkmalen über Herkunft und Vorkommen, mit besonderem Fokus auf Griechenland, bis hin zu ihrer ökologischen und kulturellen Bedeutung sowie ihrer Nutzung.

Die Acker-Ringelblume gehört zur Gattung Calendula, die vor allem im Mittelmeerraum verbreitet ist. Innerhalb der Familie der Asteraceae zeichnet sie sich durch den typischen Blütenkorb aus, der aus Zungen- und Röhrenblüten zusammengesetzt ist. Im Gegensatz zur bekannteren Garten-Ringelblume (Calendula officinalis) bleibt Calendula arvensis deutlich kleiner, wirkt zierlicher und ist stärker an offene, landwirtschaftlich geprägte Standorte angepasst.
Die Acker-Ringelblume ist eine einjährige, krautige Pflanze, die meist Wuchshöhen zwischen 5 und 30 Zentimetern erreicht, in seltenen Fällen auch bis zu 40 Zentimeter. Ihr Habitus ist niedrig, locker verzweigt und häufig niederliegend oder bogig aufsteigend. Schon auf den ersten Blick fallen die dicht behaarten oberirdischen Pflanzenteile auf: Stängel und Blattunterseiten sind spinnwebig, borstig oder drüsig behaart, ein sogenanntes Indument, das vermutlich dem Schutz vor Austrocknung und Fraßfeinden dient.
Die Stängel entspringen meist direkt vom Grund aus mehreren Verzweigungen, sind gelblich-grün gefärbt und mit einem drüsig-flaumigen Haarfilz bedeckt. Die Laubblätter stehen wechselständig entlang des gesamten Stängels bis hin zu den Blütenkörben. Die grundständigen und unteren Blätter besitzen kurze Stiele, sind teilweise stängelumfassend und erreichen Längen von 3 bis 6, gelegentlich bis zu 8 Zentimetern. Ihre Form variiert von länglich und schmal-elliptisch bis verkehrt-lanzettlich oder spatelförmig. Die Spreitenbasis ist meist stumpf, der Blattrand ganzrandig oder nur entfernt stumpf gezähnt.
Die oberen Laubblätter sind sitzend und lanzettlich, mit einer seicht herzförmigen, den Stängel umfassenden Basis. Auch hier sind drüsige Trichome vorhanden, die einen aromatischen Geruch verströmen können und als weiteres Anpassungsmerkmal an trockene Standorte gelten.
Die Blütezeit der Acker-Ringelblume ist bemerkenswert lang. In Mitteleuropa reicht sie je nach Witterung von April oder Juni bis Oktober, während sie im Mittelmeerraum – und damit auch in Griechenland – überwiegend von November bis Mai blüht, in milden Regionen mitunter sogar ganzjährig.
Die Blüten stehen einzeln an relativ langen Korbschäften, die etwa 5 Zentimeter erreichen können. Die Blütenkörbchen sind mit meist 1 bis 1,5 Zentimetern Durchmesser klein, können aber unter günstigen Bedingungen bis zu 3,5 Zentimeter groß werden. Die Korbhülle ist weit glockig geformt; ihre Hüllblätter stehen in zwei, seltener drei Reihen und sind nahezu gleich lang. Diese grünen Hüllblätter sind linealisch-lanzettlich bis schmal-eiförmig, oft am oberen Ende rötlich bis purpurfarben überlaufen und dicht drüsig behaart. Auffällig ist der weißhäutige Rand, der den Blütenkorb zusätzlich betont.
Innerhalb des Blütenkorbes befinden sich 12 bis 22 Zungen- (Strahlen-) und Röhren- (Scheiben-) blüten, meist in zwei oder drei Reihen angeordnet. Die Zungenblüten besitzen eine orange-gelbe Zunge, die in drei charakteristischen Kronzähnen endet und mit 7 bis 12 Millimetern Länge meist weniger als doppelt so lang ist wie die Hüllblätter. Die Röhrenblüten sind überwiegend zitronengelb, gelegentlich gold- oder orangefarben.
Früchte und Samen
Zur Fruchtzeit neigt sich der gesamte Blütenkorb nach unten. Die Früchte, sogenannte Achänen, sind besonders interessant, da sie innerhalb eines einzigen Blütenkorbes in drei unterschiedlichen Formen auftreten (Trimorphie). Die äußeren Achänen – die sogenannten Hakenfrüchte – sind stark gekrümmt, dornig und enden in einem zweischneidigen Schnabel. Sie erreichen Längen von 8 bis 10 Millimetern. Die mittleren Achänen, Kahnfrüchte genannt, sind schwach kahnförmig und etwa 6 bis 8 Millimeter lang. Die inneren, ringförmig eingerollten Larvenfrüchte sind mit 4 bis 5 Millimetern die kleinsten und weisen quergeriefte Rücken auf. Ein Pappus fehlt vollständig.
Diese Vielfalt an Fruchtformen erhöht die Ausbreitungschancen erheblich: Die Achänen können sich im Fell von Tieren festsetzen (Epichorie), durch Anhaften an Oberflächen verbreitet werden oder durch Windverfrachtung neue Standorte erreichen.
Die Acker-Ringelblume besitzt eine Chromosomengrundzahl von x = 7 und liegt meist hexaploid mit 2n = 42 oder 44 Chromosomen vor. Ökologisch handelt es sich um einen mesomorphen, annuellen Therophyten, der seinen Lebenszyklus vollständig innerhalb eines Jahres abschließt und ungünstige Zeiten als Samen überdauert.
Die Art ist monözisch, trägt also männliche und weibliche Blüten auf derselben Pflanze. Die Blüten sind proterandrisch, was bedeutet, dass zunächst die männlichen Blütenorgane reifen. Häufig kommt es zur Selbstbestäubung, entweder innerhalb einer Blüte oder zwischen benachbarten Blüten (Geitonogamie). Dennoch spielen Insekten als Bestäuber eine wichtige Rolle, sodass auch Fremdbestäubung möglich ist. Insgesamt gilt Calendula arvensis als fakultativ autogam.
Das ursprüngliche Hauptverbreitungsgebiet der Acker-Ringelblume liegt im Mittelmeerraum und in Makaronesien. Von dort aus hat sie sich seit der Antike mit der Landwirtschaft ausgebreitet. Heute existieren natürliche oder alteingebürgerte Vorkommen in Südeuropa, Nordafrika, Vorderasien und Teilen Mitteleuropas. Darüber hinaus tritt sie in zahlreichen Regionen der Welt als Neophyt auf, unter anderem in Teilen Afrikas, Asiens, Australiens, Neuseelands sowie in Nord- und Südamerika.
Griechenland nimmt innerhalb des Verbreitungsgebietes der Acker-Ringelblume eine besondere Stellung ein. Das Land bietet mit seinem mediterranen Klima, den kalkreichen Böden und der jahrtausendealten Agrartradition ideale Bedingungen. Calendula arvensis kommt auf dem griechischen Festland, auf zahlreichen Inseln der Ägäis sowie auf Kreta vor. Typische Standorte sind Olivenhaine, Weinberge, Getreidefelder, Brachflächen und Wegränder.
Vor allem in extensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften kann die Art noch relativ häufig beobachtet werden. Ihre Blütezeit fällt hier oft in den Winter und das zeitige Frühjahr, wenn viele andere Pflanzen ruhen, was sie zu einer wichtigen Nahrungsquelle für frühe Insekten macht. Dennoch ist auch in Griechenland ein Rückgang zu verzeichnen, bedingt durch Intensivierung der Landwirtschaft, Herbizideinsatz und den Verlust traditioneller Bewirtschaftungsformen.
Im Gegensatz zur Garten-Ringelblume spielt die Acker-Ringelblume in der modernen Phytotherapie nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch wurde sie regional traditionell genutzt, etwa als Zierpflanze in Bauerngärten oder gelegentlich in der Volksmedizin, ähnlich wie andere Ringelblumenarten, beispielsweise bei Hautproblemen oder als mild entzündungshemmende Pflanze. Ihre größte Bedeutung liegt heute jedoch im ökologischen Bereich: Als Begleitpflanze traditioneller Äcker ist sie ein Indikator für naturnahe, wenig intensiv genutzte Agrarökosysteme.
In vielen Teilen Mitteleuropas gilt Calendula arvensis als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. In Deutschland ist sie nur noch in wenigen Weinbaugebieten regelmäßig anzutreffen, in der Schweiz wird sie als „verletzlich“ eingestuft. Die Hauptursachen sind der Verlust geeigneter Lebensräume, intensive Bodenbearbeitung und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Der Erhalt extensiver Landwirtschaftsformen und der Schutz traditioneller Ackerwildkrautgesellschaften sind entscheidend für ihr langfristiges Überleben. (pv)





