Schloss Eutin – Eine Residenz zwischen See, Garten und großer Geschichte

Wer sich Eutin nähert, begegnet Geschichte nicht erst im Museum. Sie liegt am Wasser, steht zwischen alten Bäumen und prägt das Zentrum der Stadt: Schloss Eutin, eine der bedeutendsten historischen Residenzanlagen Schleswig-Holsteins.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit – Auf einer kleinen Schlossinsel am Großen Eutiner See verbindet sich hier mittelalterliche Vergangenheit mit barocker Pracht und der scheinbaren Natürlichkeit eines englischen Landschaftsgartens. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Ensembles aus. Das Schloss ist kein Bauwerk aus einem Guss, sondern ein über Jahrhunderte gewachsenes architektonisches Gedächtnis, an dem sich politische Machtwechsel, höfisches Leben und kulturelle Blüte ablesen lassen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Seinen Ursprung hat der Ort im 12. Jahrhundert. 1156 erhielt Bischof Gerold von Oldenburg Land bei Eutin und ließ dort einen Hof errichten. Der Standort war strategisch sinnvoll: Die Lübecker Bischöfe suchten eine Residenz außerhalb der Stadt Lübeck, mit der es immer wieder Spannungen gab. Aus dem zunächst einfachen Hof entwickelte sich eine befestigte Anlage. Zwischen 1260 und 1275 entstand ein größeres steinernes Gebäude, das bis heute im Ostflügel erhalten ist. Eine Kapelle ist bereits für das Jahr 1293 belegt. Im 14. Jahrhundert wurde die Anlage angesichts weiterer Konflikte mit Lübeck befestigt und mit einem Graben versehen.

Von dieser mittelalterlichen Burg ist heute auf den ersten Blick nur wenig zu erkennen – und doch steckt sie überall im späteren Schloss. Türme, Mauern und einzelne Gebäudeteile wurden immer wieder erweitert, miteinander verbunden und verändert. Zwischen 1439 und 1486 entstanden weitere Bauten, darunter der Kern des heutigen Torturms. Im 16. Jahrhundert wuchsen die bis dahin eher unabhängig stehenden Gebäude zu einem Renaissanceensemble zusammen. Wer heute durch das Schloss geht, bewegt sich deshalb gewissermaßen durch mehrere Bauzeiten gleichzeitig.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Einen dramatischen Einschnitt brachte das Jahr 1689. Ein großer Brand beschädigte Schloss und Stadt schwer. Statt die gewachsene Anlage vollständig abzureißen, entschied man sich für ihren Wiederaufbau und eine umfassende Modernisierung. Unter Fürstbischof Christian August und seinen Nachfolgern entstand Eutin schließlich als repräsentative Barockresidenz neu. Zwischen 1717 und 1727 leitete der Hofbaumeister Rudolph Matthias Dallin umfangreiche Umbauten. Er verlieh dem Schloss seine höfische Eleganz, ohne die mittelalterlichen und Renaissance-Strukturen vollständig zu beseitigen. Genau darin liegt heute eine seiner architektonischen Besonderheiten.

Wer den Schlossplatz betritt, erreicht die repräsentative Stadtseite der Anlage. Der mächtige Torturm bildet den Mittelpunkt der Fassade. Sein Kern stammt aus dem 15. Jahrhundert, später wurde er erweitert und um ein weiteres Geschoss sowie barocke Schmuckelemente ergänzt. Oberhalb des Eingangs erinnert der Eutiner Roland an die städtische Geschichte. Hinter dem Tor öffnet sich der Innenhof, dessen helle Hoffassaden einen auffälligen Gegensatz zu den vergleichsweise schmucklosen Backsteinmauern der Außenseiten bilden. Schmuckgiebel, Portale und die von Dallin hinzugefügten Loggien geben dem Hof eine repräsentative Atmosphäre.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Im Inneren setzt sich diese Vielfalt fort. Der Rittersaal im Nordflügel ist der größte Raum des Schlosses und nimmt fast die Hälfte dieses Gebäudetraktes ein. Stuckverzierte Kamine und großformatige Staatsporträts erinnern an die Zeit, als Eutin Mittelpunkt eines kleinen, aber ambitionierten Hofes war. Im Westflügel wartet mit dem Europasaal ein besonders eindrucksvoller Raum. Die Deckenmalereien greifen den Mythos vom Raub der Europa auf. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich eine ungewöhnliche Kostbarkeit des Alltagslebens: eine mit holländischen Fliesen ausgestattete Küche aus dem Jahr 1720.

Der Südflügel führt in eine andere Welt. Hier lagen die privaten Wohnräume der herzoglichen Familie und die Schlosskapelle. An ihrem heutigen Standort befand sich bereits im Mittelalter der sakrale Mittelpunkt der Anlage. Das gotische Kellergewölbe reicht in diese frühe Zeit zurück, während die sichtbare Ausstattung nach dem Schlossbrand von 1689 entstand. Der Orgelprospekt von Arp Schnitger aus dem Jahr 1693 gehört zu den bemerkenswerten Ausstattungsstücken. Im Ostflügel wiederum befanden sich Gästezimmer und repräsentative Räume. Der Gelbe Salon und das mit Wandteppichen aus einer Versailler Manufaktur geschmückte Gobelinzimmer vermitteln einen Eindruck vom höfischen Anspruch der Residenz.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Doch Schloss Eutin erzählt seine Geschichte nicht nur über Architektur. Auch seine Sammlungen geben Auskunft über die Menschen, die hier lebten und regierten. Besonders umfangreich ist die Porträtsammlung, deren Werke vom 16. bis ins 19. Jahrhundert reichen. Sie dokumentiert familiäre Beziehungen, dynastische Verbindungen und politische Allianzen. Ergänzt wird sie durch Gemälde von Künstlern wie Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Eine ganz andere Geschichte erzählen die Schiffsmodelle aus der russischen Admiralität in Sankt Petersburg. Insgesamt gelangten im 19. Jahrhundert sieben Modelle nach Eutin; zwei befinden sich heute im Altonaer Museum, während im Schloss unter anderem das Modell des russischen 100-Kanonenschiffs „Zacharias und Elisabeth“ von 1747 zu sehen ist.

Die Verbindung zum russischen Zarenhaus ist dabei kein Zufall. Der Eutiner Hof war durch verwandtschaftliche Beziehungen mit den Gottorfer und russischen Herrscherhäusern verbunden. Besonders berühmt ist die Begegnung von 1739: Im Eutiner Schlosspark traf Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, die spätere Zarin Katharina die Große, erstmals auf Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf, ihren späteren Ehemann. Ein einzelner Ort im Park wurde damit zum Schauplatz einer europäischen Familiengeschichte.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Auch die Geschichte des Gartens ist eine Reise durch die Jahrhunderte. Bereits um 1500 existierte ein Schlossgarten. Im 18. Jahrhundert entstand unter Christian August ein weitläufiger französischer Barockgarten mit streng gegliederten Beeten, Alleen, Bosketten und Sichtachsen. Figuren und Wasserspiele schmückten die Anlage, sogar eine kleine Fasaneninsel mit Lustschloss gehörte dazu. Doch die Zeiten änderten sich. Ab 1788 wurde der geometrische Barockgarten nach den Vorstellungen Herzog Peter Friedrich Ludwigs in einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild verwandelt.
An die Stelle gerader Linien trat nun die inszenierte Natur. Der Hofgärtner Daniel Rastedt bezog den Großen Eutiner See in die Gestaltung ein. Wasser, Baumgruppen, Wege, Brücken und kleine Bauwerke wurden so miteinander verbunden, dass der Park wie eine natürliche Landschaft erscheint – obwohl fast jedes Detail sorgfältig komponiert ist. Die Chinesische Bogenbrücke, ein Wasserfall, die Lindenallee und der Sonnentempel gehören zu den charakteristischen Stationen. Der Rundweg durch den Park, der sogenannte belt-walk, verbindet diese Orte und verknüpft die Gartenlandschaft zugleich mit philosophischen Vorstellungen jener Zeit.

Heute umfasst der denkmalgeschützte Schlosspark 14 Hektar. Neben dem zentralen Schlossgarten gehören die „Ländliche Gegend“, der historische Küchengarten und der Tempelgarten zu seinen unterschiedlichen Partien. Besonders der wiederhergestellte Küchengarten mit seiner alten Mauer und der historischen Orangerie vermittelt eine Vorstellung davon, wie ein großer höfischer Haushalt einst mit Obst, Gemüse und exotischen Pflanzen versorgt wurde. Die Orangerie selbst entstand bereits Mitte des 18. Jahrhunderts.
Nach dem Ende der Monarchie 1918 änderte sich die Funktion des Schlosses grundlegend. Friedrich August II. verzichtete auf den Thron, die herzogliche Familie nutzte Eutin nicht länger regelmäßig als Sommerresidenz, und ein erstes Museum entstand. Die beiden Weltkriege überstand das Schloss ohne Kriegsschäden. Die Nachkriegszeit brachte jedoch eine einschneidende Episode: Das historische Gebäude wurde zeitweise als Flüchtlingslager genutzt. Mehrere hundert Menschen lebten unter äußerst schwierigen Bedingungen in den Räumen, die zuvor dem höfischen Leben gedient hatten. Erst Anfang der 1950er Jahre endete diese Nutzung.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Seitdem wandelte sich Schloss Eutin zunehmend vom privaten Herrschaftssitz zum öffentlichen Kulturdenkmal. Restaurierungen ermöglichten eine schrittweise Wiedereröffnung. 1972 diente das Schloss sogar als Kulisse für Teile des Films „Cabaret“ mit Liza Minnelli. 1992 wurde schließlich die Stiftung Schloss Eutin gegründet, in deren Besitz Schloss und Garten übergingen. Ihre Aufgabe ist es, das Ensemble zu erhalten, wissenschaftlich zu erforschen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Heute lässt sich Schloss Eutin am besten als Gesamterlebnis entdecken: zunächst der Weg über die Brücke, vorbei an den Fabeltierfiguren, dann durch den Torturm in den Hof und weiter durch die historischen Räume. Anschließend führt der Weg hinaus in den Park, wo die strenge Architektur allmählich hinter Bäumen, Wasser und geschwungenen Wegen zurücktritt. Im Sommer verwandelt sich die „Ländliche Gegend“ zudem in eine Bühne für die Eutiner Festspiele. Seit 1951 werden dort Opern, Operetten und Musicals aufgeführt. Die neue Zuschauertribüne mit rund 2000 Plätzen wurde 2024 eröffnet. (sk)