Thessaloniki setzt auf das gedruckte Wort

Mit einem ungewöhnlich dichten Programm, viel internationalem Publikum und dem Anspruch, Literatur nicht nur als Kulturereignis, sondern auch als Arbeitsfeld zu zeigen, ist in Thessaloniki am Donnerstag die 22. Internationale Buchmesse eröffnet worden.
Von HB-Redakteurin Vangelis Makris

Thessaloniki – Bis morgen können Besucher die Messe noch im Thessaloniki International Exhibition Center erleben; schon am ersten Tag zeigte sich, dass die Veranstaltung weit über die Stadt hinaus ausstrahlt. Zwischen den Ständen und Bühnen mischten sich griechische Leser mit Gästen aus dem Ausland, Verleger mit Übersetzern, Autorinnen mit Illustratoren, Studierende mit Fachleuten aus der Branche. Unter den ausländischen Teilnehmern war auch der Kater Literaturverlag aus Deutschland vertreten, der mit seiner deutsch-griechischen Reihe auf ein Publikum traf, das an literarischen Verbindungen zwischen beiden Ländern sichtbar interessiert war.

Foto: Hellas-Bote

Die Messe zählt in diesem Jahr rund 400 Aussteller aus Verlagen und Institutionen, darunter 30 Häuser, die erstmals in Thessaloniki dabei sind. Hinzu kommen 25 Autoren aus verschiedenen Ländern, die ihre Werke präsentieren, sowie ein Programm mit 330 Veranstaltungen für Erwachsene und 104 für Kinder und Jugendliche. Dass die Veranstaltung zugleich Messe, Festival und Fachtreffpunkt sein will, war bereits am Eröffnungstag nicht zu übersehen. In den Hallen und Nebenräumen wurde gelesen, diskutiert, signiert, übersetzt und vernetzt; der Charakter einer reinen Publikumsmesse trat neben den professionellen Austausch, der sich im Hintergrund ebenso wichtig zeigte wie auf den Podien.

Das diesjährige Motto lautet „Generation der Leser/Buchschöpfer“; die Organisatoren knüpfen damit an das von der Hellenischen Stiftung für Buch und Kultur ausgerufene Jahr der Liebe zum Lesen 2026/27 an. Bulgarien ist Ehrengastland – eine Konstellation, die nicht nur symbolischen Wert hat, sondern die Messe auch politisch und kulturell erweitert. Nach 27 Jahren kehrt das Land in dieser Rolle auf die internationale Buchmesse zurück. Für die Veranstalter ist das mehr als ein Gastland-Auftritt: Es ist ein Signal für die regionale und europäische Dimension der Messe, die sich nicht mit dem griechischen Markt begnügt, sondern ihre Rolle als Schnittstelle im südosteuropäischen Kulturraum betont.

Die Organisation liegt bei ELIVIP in Zusammenarbeit mit TIF-HELEXPO, griechischen Verlagen und der Gemeinde Thessaloniki; unterstützt wird sie vom Kulturministerium und der Region Zentralmazedonien. Dass die Messe in diesem Jahr spürbar gewachsen ist, wurde schon beim Betreten des Geländes deutlich. Die Flächen im Thessaloniki International Exhibition Center, aber auch zusätzliche Räume des MoMUS und der Stadtbibliothek wurden einbezogen. Die Folge ist ein offeneres, räumlich ausgreifenderes Format, das mehr Veranstaltungen zulässt, zugleich aber höhere Anforderungen an Logistik und Taktung stellt.

ELIVIP-Präsident Nikos Bakounakis sprach von einer besonderen Leistung, wenn eine Messe dieser Größenordnung über 22 Jahre hinweg nicht nur überdauert, sondern sich weiterentwickelt. Er verwies auf das hybride Modell der diesjährigen Ausgabe, das kommerzielle, professionelle und kulturell-künstlerische Elemente miteinander verbinde. Zugleich nannte er mehrere Neuerungen, darunter die Neugestaltung der Tribünen und die elektronische Erfassung der Besucherzahl, die erstmals ein genaueres Bild des Publikums liefern soll. Das Interesse an Literatur, so Bakounakis, sei eines der großen Themen unserer Zeit; die Messe versuche, diesem Interesse nicht nur Fläche, sondern auch eine Ordnung zu geben, die Gespräche, Geschäfte und Entdeckungen gleichermaßen ermögliche.

Foto: Hellas-Bote

Auch der Präsident von TIF-HELEXPO, Christos Tsentemeidis, rückte den kulturellen Anspruch der Veranstaltung in den Mittelpunkt. Die Buchmesse bringe griechische und ausländische Autoren, Fachleute und Leser in einer Stadt zusammen, die seit Jahren als Schnittstelle zwischen Balkan, Mittelmeerraum und Mitteleuropa gelte. Gerade in einer unruhigen Gegenwart könnten Bücher, so Tsentemeidis, einen Raum eröffnen, in dem man innehalte statt zu beschleunigen. Dieses Motiv prägte viele Gespräche des Tages: das Buch als Gegenmittel zur Geschwindigkeit, der Leseraum als Ort der Konzentration, die Messe als temporäre Stadt im Inneren der Stadt.

Thessaloniki selbst präsentierte sich an diesem Eröffnungstag als aufmerksamer Gastgeber. Der stellvertretende Bürgermeister für Kultur, Tourismusentwicklung und interkommunale Zusammenarbeit, Vassilis Gakis, hob die internationale Ausrichtung der Messe hervor und verwies auf die Bedeutung ausländischer Teilnehmer für das Profil der Stadt. Thessaloniki wolle sich nicht als bloßer Veranstaltungsort verstehen, sondern als Kulturort mit Ausstrahlung. Dass die Kommune nach den Universitäten zu den größten Nachfragern von Büchern gehöre, unterstrich er mit einer Zahl aus dem vergangenen Jahr: 2025 seien für die Stadt- und Regionalbibliotheken mehr als 10.000 Titel beschafft worden. Der Hinweis fügte sich in ein Bild, das an diesem Tag allenthalben zu beobachten war: Die Buchmesse ist hier nicht bloß ein Termin im Kulturkalender, sondern Teil eines größeren literarischen Ökosystems.

Auch hinter den Kulissen besitzt die Messe einen ausgeprägten professionellen Kern. Im Rahmen des TBF-Programms nehmen 40 herausragende Fachleute aus führenden Verlagen weltweit an einem Stipendienprogramm teil. Hinzu kommen acht Vertreter internationaler Organisationen und Ministerien sowie drei Autoren, die mit der Institution des Europäischen Literaturpreises verbunden sind. Für viele der anwesenden Verlage ist Thessaloniki daher nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern ein Markt der Möglichkeiten: für Übersetzungsrechte, Kooperationen, Nachwuchsarbeit und internationale Sichtbarkeit. Zwischen den Ständen wurde entsprechend viel verhandelt, und manches Gespräch kreiste weniger um die Frage, was gedruckt wird, als darum, wie Bücher über Sprachgrenzen hinweg wandern.

Das Publikum an diesem ersten Tag war entsprechend gemischt und auffallend international. Neben griechischen Familien, Schülerinnen und Studenten waren zahlreiche Besucher aus dem Ausland zu sehen, die gezielt nach Veranstaltungen suchten oder die Messe als Ort literarischer Entdeckungen nutzten. Die Anwesenheit des Kater Literaturverlags aus Deutschland fiel in diesem Rahmen nicht als exotische Randnotiz, sondern als Teil eines breiteren Musters auf: Ausländische Verlage brachten nicht nur Bücher mit, sondern auch eigene Debatten, ästhetische Programme und institutionelle Netzwerke. Gerade die deutsch-griechische Reihe des Verlags stieß auf Interesse, weil sie eine literarische Achse sichtbar machte, die in Thessaloniki historisch und kulturell plausibel wirkt.

Bemerkenswert war außerdem die starke Präsenz von Angeboten für Kinder und Jugendliche. Die 104 entsprechenden Veranstaltungen zeigen, dass die Messe ihren Anspruch, eine „Generation der Leser/Buchschöpfer“ anzusprechen, nicht auf Werbesprache reduziert. Vielmehr wird der Nachwuchs als eigenständige Zielgruppe behandelt. Während in einem Teil des Geländes Fachgespräche über Übersetzungsförderung, Buchmarkt und Verlagspolitik liefen, fanden an anderer Stelle Workshops, Lesungen und Begegnungen statt, die das Lesen als soziale Praxis erfahrbar machten. Dass Erwachsene und Kinder in denselben Räumen, aber in unterschiedlichen Formaten angesprochen werden, gehört zu den Stärken der Veranstaltung.

Wer am Donnerstag durch die Messehallen ging, konnte den Eindruck gewinnen, dass Thessaloniki seine Buchmesse nicht mehr allein als nationale Leistungsschau versteht. Zu deutlich war die internationale Beteiligung, zu sichtbar die Mischung aus Kulturmarkt und Diskussionsforum, zu stark der Wille, die Veranstaltung als Teil eines europäischen Literaturraums zu positionieren. Dass die Messe noch bis morgen geöffnet bleibt, dürfte den Andrang am Wochenende zusätzlich erhöhen. Schon am Eröffnungstag war erkennbar, dass sich hier nicht nur ein Publikum der Bücher eingefunden hatte, sondern ein Publikum der Verbindungen: zwischen Sprachen, Ländern, Verlagen und Lesern, zwischen kulturellem Anspruch und organisatorischer Präzision, zwischen Markt und Öffentlichkeit. (mav)

Foto: Hellas-Bote