Als ich zum ersten Mal in Athen war, glaubte ich noch an Uhren.
Von HB-Redakteurin und Autorin Maria Papadaki
Aktuell/Kunst & Kultur – Das klingt dramatischer, als es ist. Ich meine damit nicht die großen Fragen der Zeitphilosophie, sondern schlicht das, was auf meinem Handgelenk tickte: Minuten als verlässliche, ordentliche Einheiten. Fünf Minuten waren fünf Minuten. Zehn Minuten waren zehn. Und wenn jemand sagte: „Ich bin gleich da“, dann war er – nun ja – gleich da.
An meinem dritten Tag lernte ich Nikos kennen. Und mit ihm: die griechischen fünf Minuten.
„Ich bin in fünf Minuten da“, sagte er am Telefon, als wir uns zum Kaffee verabredeten.
Ich stand bereits vor dem kleinen Café in einer Seitenstraße, das mir meine Vermieterin empfohlen hatte. Es war früher Nachmittag, die Luft warm, die Stadt summte leise vor sich hin. Ich setzte mich, bestellte einen griechischen Kaffee und wartete.
Fünf Minuten vergingen.
Ich schaute auf meine Uhr.
Zehn Minuten.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und beobachtete einen alten Mann, der mit bemerkenswerter Ruhe seinen Stuhl zurechtrückte, als würde er eine Bühne vorbereiten, auf der nichts passieren musste.
Fünfzehn Minuten.
Ich überlegte, ob ich Nikos noch einmal anrufen sollte. Vielleicht hatte er sich verspätet. Vielleicht war etwas dazwischengekommen.
Zwanzig Minuten.
Ich bestellte ein Glas Wasser.
Nach fünfundzwanzig Minuten kam Nikos um die Ecke geschlendert, als hätte er die Zeit persönlich eingeladen, sich ebenfalls zu verspäten.
„Entschuldige“, sagte er strahlend und setzte sich. „War ein bisschen Verkehr.“
Ich sah ihn an, dann auf meine Uhr, dann wieder ihn. „Du hast gesagt, du bist in fünf Minuten da.“
Er nickte ernsthaft. „Ja.“
„Das waren fünfundzwanzig.“
Er zuckte mit den Schultern, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass der Himmel blau sei. „Griechische fünf Minuten.“
Ich lachte, weil ich dachte, er mache einen Witz.
Er lachte nicht.
In den folgenden Tagen begegneten mir die griechischen fünf Minuten überall.
Der Elektriker, der „in fünf Minuten“ kommen wollte, erschien nach einer Stunde, brachte aber dafür Feigen aus dem Garten seiner Mutter mit.
Die Vermieterin, die „nur kurz“ vorbeischauen wollte, blieb drei Stunden und erzählte mir die Lebensgeschichte ihrer Cousine dritten Grades.
Ein Kellner, der „gleich“ die Rechnung bringen würde, setzte sich zwischendurch zu einem anderen Tisch, um eine lebhafte Diskussion über Fußball zu führen, bevor er sich wieder meiner Existenz erinnerte.
Anfangs irritierte mich das. Es fühlte sich an, als hätte jemand heimlich die Regeln geändert, nach denen die Welt funktionierte.
Doch dann begann ich, etwas zu bemerken.
Während ich wartete, geschahen Dinge.
Nicht spektakuläre Dinge. Keine großen Ereignisse. Sondern kleine, leise Momente, die in meiner alten Welt zwischen zwei Terminen einfach verloren gegangen wären.
Ich sah, wie zwei Nachbarn sich stritten – und fünf Minuten später lachend Kaffee tranken.
Ich beobachtete eine Katze, die sich mit einer Gelassenheit streckte, die fast philosophisch wirkte.
Ich hörte Gesprächsfetzen, die keinen Anfang und kein Ende hatten, aber dennoch vollkommen schienen.
Und irgendwann hörte ich auf, auf meine Uhr zu schauen.
Eine Woche später verabredete ich mich wieder mit Nikos.
„Wann?“, fragte ich.
„Um sechs.“
„Und wann bist du da?“
Er grinste. „In fünf Minuten.“
Ich nickte.
Um fünf vor sechs war ich noch in meiner Wohnung und las. Um Punkt sechs legte ich das Buch zur Seite, stand auf, überlegte kurz – und setzte mich wieder hin.
Um zehn nach sechs ging ich los.
Um zwanzig nach sechs war ich am Café.
Nikos war noch nicht da.
Ich setzte mich.
Ich bestellte Kaffee.
Ich wartete.
Aber diesmal war es kein Warten im alten Sinne. Es war eher ein Ankommen.
Der Kellner brachte mir den Kaffee und fragte, woher ich komme. Wir kamen ins Gespräch. Am Nebentisch begann eine Gruppe Studenten, ein Lied zu singen, zunächst schief, dann immer besser.
Die Sonne sank langsam tiefer und tauchte die Straße in ein warmes, goldenes Licht.
Nach etwa einer halben Stunde kam Nikos.
„Du bist spät“, sagte ich.
Er setzte sich, sah mich an – und lächelte.
„Du auch.“
Mit der Zeit verstand ich, dass die griechischen fünf Minuten keine falsche Zeitangabe waren.
Sie waren ein Versprechen.
Nicht das Versprechen, pünktlich zu sein.
Sondern das Versprechen, dass die Zeit selbst nicht das Wichtigste ist.
Dass ein Gespräch nicht abrupt endet, nur weil eine Uhr es verlangt.
Dass ein Umweg kein Fehler ist, sondern eine Möglichkeit.
Dass „gleich“ nicht bedeutet „so schnell wie möglich“, sondern „so, wie es gerade passt“.
Und vor allem: dass Begegnungen wichtiger sind als Minuten.
Am letzten Abend meines Aufenthalts saß ich wieder in dem kleinen Café.
Ich hatte mich mit Nikos verabredet. Natürlich.
„Ich bin in fünf Minuten da“, hatte er geschrieben.
Ich legte mein Handy weg und lächelte.
Neben mir saß der alte Mann von meinem ersten Tag. Er rückte wieder seinen Stuhl zurecht, als würde er sich auf eine unsichtbare Aufführung vorbereiten.
„Warten Sie auf jemanden?“, fragte er mich.
Ich überlegte kurz.
Dann schüttelte ich den Kopf.
„Nein“, sagte ich. „Ich bin schon da.“
Er nickte zufrieden, als hätte ich gerade eine wichtige Prüfung bestanden.
Und in diesem Moment verstand ich: Die griechischen fünf Minuten waren keine Verspätung.
Sie waren ein anderes Maß für Gegenwart.
Nikos kam nach ungefähr vierzig Minuten.
„Sorry“, sagte er und setzte sich. „Ich habe unterwegs einen Freund getroffen.“
„Natürlich“, sagte ich.
Er sah mich prüfend an. „Stört dich das nicht?“
Ich nahm einen Schluck Kaffee, lehnte mich zurück und sah die Straße entlang, in der nichts eilig war und alles seinen Platz hatte.
„Nein“, sagte ich.
„Warum nicht?“
Ich lächelte.
„Weil ich inzwischen weiß, dass fünf Minuten manchmal einfach länger dauern dürfen.“ (mp)





