Thessaloniki, jene vielschichtige Hafenstadt im Norden Griechenlands, hat im Winter 2020 ein neues Gesicht erhalten – oder genauer: eine neue Fassade. Wo zuvor nüchterner Beton dominierte, breitet sich seitdem ein farbenreiches Wandgemälde aus, das gleichermaßen Hoffnung spendet und mahnt. Unter dem Titel „Alle willkommen“ wurde das Werk anlässlich des damaligen Weltkrebstages kreiert.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Kunst & Kultur – Initiiert wurde das Projekt vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Griechenland, das damit zwei Anliegen miteinander verknüpft: den Kampf gegen eine der weltweit häufigsten Todesursachen und die Frage nach sozialer Integration in einer Zeit wachsender globaler Migration. Es ist ein ungewöhnlicher Schulterschluss – und gerade darin liegt seine Kraft.
Das Wandgemälde selbst ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit, die über kulturelle und biografische Grenzen hinwegführt. Der griechische Künstler Sotiris Fokeas, bekannt für seine urbanen, oft gesellschaftspolitisch geprägten Arbeiten, entwickelte das Konzept gemeinsam mit geflüchteten Künstlern des Kollektivs „Collectif Mazi“. „Mazi“ – das bedeutet „zusammen“. Der Name ist Programm.

So ist das Bild nicht nur ein ästhetischer Eingriff in den Stadtraum, sondern Ausdruck eines kollektiven Prozesses. Geflüchtete und Einheimische arbeiteten Seite an Seite, tauschten Erfahrungen aus, entwickelten Motive und setzten diese schließlich in Farbe um. Entstanden ist eine Bildsprache, die Vielfalt nicht nur abbildet, sondern praktiziert.
Inhaltlich knüpft das Werk auch heute noch eng an die Botschaft des Weltkrebstages an. Es geht um mehr als nur Aufmerksamkeit: Gefordert wird ein Umdenken auf allen Ebenen – individuell, gesellschaftlich, politisch. Prävention und Früherkennung, so die zentrale Botschaft, sind ebenso entscheidend wie ein gerechter Zugang zu medizinischer Versorgung. Herkunft oder Aufenthaltsstatus dürfen dabei keine Rolle spielen.
Gerade ein Krankenhaus als Ort dieser künstlerischen Intervention ist bewusst gewählt. Das Theageneio-Krebskrankenhaus, eine zentrale Einrichtung der Onkologie in Nordgriechenland, wird so nicht nur zum Ort der Behandlung, sondern auch zum Symbol eines erweiterten Verständnisses von Fürsorge. Die Kunst tritt hier nicht dekorativ auf, sondern als Medium der Teilhabe und des Dialogs.
Zugleich verweist das Projekt auf die besondere Rolle Thessalonikis. Seit Jahrhunderten ist die Stadt ein Knotenpunkt von Kulturen, Religionen und Handelswegen. Migration ist hier keine Ausnahme, sondern historischer Normalzustand. Das Wandgemälde greift diese Tradition auf und überträgt sie in die Gegenwart – als Erinnerung daran, dass Zusammenleben nicht konfliktfrei, wohl aber gestaltbar ist.
So fügt sich das Bild in den urbanen Alltag ein, ohne sich ihm anzupassen. Es fordert den Blick, lädt zum Innehalten ein und erzählt Geschichten von Flucht, Krankheit, Hoffnung und Gemeinschaft. Vielleicht liegt gerade darin seine größte Wirkung: dass es nicht nur gesehen, sondern verstanden werden will. In einer Zeit, in der sowohl gesundheitliche als auch gesellschaftliche Herausforderungen zunehmend global gedacht werden müssen, setzt „Alle willkommen“ ein leises, aber nachhaltiges Zeichen. Nicht als fertige Antwort, sondern als Einladung – zum Mitdenken, Mitfühlen und Mitgestalten. (mv)





