Zwischen Bühne, Tanz und Kamera: Juliette Binoche zeigt in Thessaloniki eine neue Seite ihres künstlerischen Lebens

Der Applaus wollte am Dienstagabend kaum enden. Im vollbesetzten Saal des Olympion, dem Herzstück des Festivals im Zentrum von Thessaloniki, erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen, als Juliette Binoche die Bühne betrat.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou

Kunst & Kultur – Der französische Weltstar, seit Jahrzehnten eine der prägendsten Persönlichkeiten des europäischen Kinos, war der Ehrengast des 28. Thessaloniki Documentary Festival – und präsentierte erstmals in Griechenland ihren Dokumentarfilm „In-I In Motion“, der zugleich ihr Debüt als Regisseurin markiert.

Dass dieser Abend besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, lag nicht nur an der internationalen Strahlkraft der Schauspielerin. Vielmehr war es die Neugier auf eine neue künstlerische Rolle: Nach einer langen Karriere vor der Kamera hat sich Binoche nun erstmals entschlossen, selbst Regie zu führen – und sich dabei ausgerechnet dem Dokumentarfilm zuzuwenden, einem Genre, das selten glamourös wirkt, dafür aber unmittelbarer und persönlicher sein kann als jedes fiktionale Drama.

Festivalleiter Orestis Andreadakis begrüßte die Schauspielerin mit sichtbarer Begeisterung und erinnerte an die außergewöhnliche Laufbahn der Französin. Binoche habe mit einigen der bedeutendsten Regisseure des europäischen und internationalen Kinos gearbeitet und ihr Gesicht mit Filmen verbunden, die sich tief in das Gedächtnis des Publikums eingeschrieben hätten, sagte er. Ihre Karriere sei mit nahezu allen großen Auszeichnungen des Films verbunden: Oscars, BAFTAs, Césars sowie Preise bei den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Heute steht sie zudem an der Spitze der Europäischen Filmakademie. Erst im vergangenen Jahr war sie in Thessaloniki bereits mit dem Ehren-Goldenen Alexander des Internationalen Filmfestivals ausgezeichnet worden.

Doch der Anlass des Abends war weniger eine Würdigung der Vergangenheit als vielmehr ein Blick auf eine neue künstlerische Richtung. In „In-I In Motion“, der im Herbst auch in die griechischen Kinos kommen soll, dokumentiert Binoche die kreative Begegnung mit dem britischen Tänzer und Choreografen Akram Khan. Es ist eine filmische Annäherung an den Entstehungsprozess eines gemeinsamen Bühnenprojekts – eine Reise in die Unsicherheiten, Spannungen und überraschenden Momente kreativer Arbeit.

Als Binoche das Wort ergriff, sprach sie mit leiser Stimme, fast nachdenklich. Sie dankte dem Festival für die Einladung und beschrieb Thessaloniki als einen Ort, der ihr zunehmend vertraut geworden sei. Die Idee zu ihrem Film, erzählte sie, sei aus einer ungewöhnlichen Quelle entstanden: aus einem umfangreichen Archiv an ungeschnittenem Material, das ihre Schwester, die Regisseurin Marion Stalens, über Jahre hinweg aufgenommen hatte.

Dieses Material habe sie zunächst vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Monatelang habe sie darüber nachgedacht, wie sich daraus eine filmische Form entwickeln ließe. „Ich wollte dem Publikum einen kleinen Einblick in den kreativen Prozess geben“, erklärte sie. Dieser Prozess sei oft unbestimmt, manchmal verwirrend. Man wisse nicht, wohin die Reise führe, gehe aber dennoch weiter – in der Hoffnung, den gesuchten Ort irgendwann zu erreichen.

Der Film zeigt genau diese Suche. In Probenräumen, Gesprächen und improvisierten Momenten entsteht ein Blick hinter die Kulissen eines künstlerischen Experiments. Tanz und Schauspiel, zwei Ausdrucksformen, die auf den ersten Blick kaum miteinander zu verbinden scheinen, begegnen sich und versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Die Arbeit daran sei von starken Emotionen begleitet gewesen, erzählte Binoche später im Gespräch mit dem Publikum. Es habe Momente der Spannung gegeben, aber auch Augenblicke großer Freude. „In diesem Prozess gibt es viele Ängste, aber auch viele Wunder“, sagte sie. Entscheidend sei dabei die Unterstützung durch zwei zentrale Figuren gewesen: die Schauspiellehrerin Susan Batson und die Probenleiterin Shu-Man Hsu, die das Team durch die intensive Arbeitsphase begleitet hätten.

Das Ensemble hinter dem Projekt war international zusammengesetzt. Künstler aus Taiwan, den Vereinigten Staaten, Afrika, Bangladesch sowie aus London und Paris trafen aufeinander. Gerade diese Vielfalt habe den Reiz des Projekts ausgemacht, betonte Binoche. Der Austausch zwischen unterschiedlichen kulturellen Perspektiven habe neue Ideen hervorgebracht und die kreative Energie verstärkt.

Vielleicht, so meinte sie, passe gerade deshalb Thessaloniki besonders gut als Ort für die Vorführung dieses Films. Die Hafenstadt sei seit jeher ein Treffpunkt verschiedener Kulturen und Einflüsse – eine Mischung, die sich auch im Publikum widerspiegele. Sie hoffe, sagte Binoche, dass der Film sowohl das Herz als auch den Verstand der Zuschauer berühren werde.

Nach der Vorführung, die mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde, blieb die Schauspielerin noch lange auf der Bühne, um Fragen aus dem Saal zu beantworten. Dabei sprach sie offen über ihre Motivation, erstmals selbst Regie zu führen.

Sie wolle Geschichten mit der Welt teilen, erklärte sie. Warum genau dieses Bedürfnis entstanden sei, könne sie selbst nicht vollständig erklären. Aber sie spüre den Wunsch, Menschen zu inspirieren. Eine entscheidende Rolle habe dabei ein Rat des amerikanischen Schauspielers und Regisseurs Robert Redford gespielt. Nachdem er Ausschnitte aus dem Projekt gesehen habe, habe er ihr geraten, daraus unbedingt einen Film zu machen.

Mehr habe es für sie nicht gebraucht, erzählte Binoche mit einem Lächeln. Der Gedanke habe sich sofort festgesetzt. Sie habe gespürt, dass daraus eine wichtige Erfahrung entstehen könnte – gerade weil hier Menschen aus unterschiedlichen künstlerischen Welten aufeinanderträfen.

Der Tanz, so sagte sie, wirke zunächst wie das Gegenteil des Schauspielens. Doch gerade diese scheinbare Distanz habe sie gereizt. Eine Verbindung zwischen beiden Ausdrucksformen zu suchen, sei eine Herausforderung gewesen – aber auch eine Verpflichtung gegenüber der Idee, neue Wege zu entdecken.

Für den fertigen Film habe sie bewusst darauf verzichtet, den kreativen Prozess zu erklären oder zu kommentieren. Stattdessen sollte das Publikum selbst Teil dieser Erfahrung werden. Die Zuschauer sollten die Unsicherheit, die Spannung und die offenen Fragen spüren, die während der Proben entstanden seien.

Regie zu führen bedeute für sie vor allem, auszuwählen, sagte Binoche. Man müsse entscheiden, welche Momente bleiben und welche verschwinden. In einigen Szenen sehe sie selbst ziemlich lächerlich aus, räumte sie ein – aber gerade das gehöre zum kreativen Prozess. Wer Kunst mache, müsse bereit sein, sich verletzlich zu zeigen.

Die Angst, die dabei auftrete, sei letztlich eine Einladung. Wenn man sie überwinde, entstehe ein Gefühl großer Freiheit.

Besonders persönlich wurde das Gespräch, als Binoche über ihre Begegnung mit dem Tanz sprach. Für sie sei diese Arbeit eine Art Reise für Anfänger gewesen, erzählte sie. Und gerade das habe ihr Freude bereitet. Es habe ihr gezeigt, dass Menschen jederzeit etwas Neues wagen können.

Viele zögerten, weil sie Angst vor Kritik oder vor dem eigenen Scheitern hätten. Doch wenn man Vertrauen entwickle und jeden Tag einen weiteren Versuch wage, könne etwas Schönes entstehen. Die Fähigkeit zur Veränderung, so sagte sie, sei vielleicht das größte Geschenk des Menschseins.

Der Dokumentarfilm greift auch das Thema Liebe auf – ein Begriff, den Binoche als gewaltig und zugleich überraschend beschrieb. Liebe könne plötzlich auftauchen, unerwartet und überwältigend. Damit sie möglich werde, müsse man bereit sein, sie anzunehmen.

Eine der Geschichten im Film, die von der ersten Verliebtheit eines vierzehnjährigen Mädchens im Kino erzählt, habe tatsächlich einen autobiografischen Hintergrund, verriet sie dem Publikum. Auch sie selbst habe in diesem Alter eine solche Erfahrung gemacht.

Zum Abschluss des Gesprächs stellte Festivalleiter Andreadakis die Frage, ob dieser Dokumentarfilm nur ein einmaliger Ausflug in die Regie sei – oder ob das Publikum künftig mit weiteren Arbeiten hinter der Kamera rechnen könne.

Binoche antwortete darauf mit einer Mischung aus Ernst und Gelassenheit. Sie könne nicht behaupten, den Dokumentarfilm bewusst gewählt zu haben. Vielmehr habe das Genre sie gewählt. Die Idee sei aus der Begegnung mit Redford entstanden, und sie habe einfach gespürt, dass sie diesem Impuls folgen müsse.

Als Schauspielerin sei sie lange Zeit zu beschäftigt gewesen, um ein solches Projekt zu realisieren. Doch sie habe bereits „Ja“ gesagt – und für sie hätten Worte Gewicht. Wenn man eine Zusage gebe, müsse man sich ihr mit ganzem Herzen verpflichten.

Ob sie künftig auch Spielfilme inszenieren werde, ließ sie offen. Das Leben selbst, sagte sie schließlich, sei ohnehin eine Form von Fiktion. Was die Zukunft bringe, werde sich zeigen. (mv)

Foto: TiDF