Wenn an einem klaren Herbsttag ein weit getragenes, klagendes „hiäääh“ über die Felder hallt, dann zieht meist ein Mäusebussard seine Kreise.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Natur & Umwelt – Der mittelgroße Greifvogel mit den breiten Flügeln und dem sanft gerundeten Schwanz ist eines der bekanntesten Sinnbilder europäischer Offenlandschaften. Fast überall in Mitteleuropa ist er zu sehen – über Wiesen, Feldern und Waldrändern, auf Pfosten entlang von Autobahnen oder majestätisch kreisend über Thermikfeldern. Seine anpassungsfähige Lebensweise und sein variabel gefärbtes Gefieder machen den Mäusebussard zu einem der faszinierendsten Vertreter der Habichtartigen.
Der Mäusebussard (Buteo buteo) ist mit Abstand der häufigste Greifvogel Mitteleuropas. Er ist nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Teilen Europas verbreitet – mit Ausnahme Islands und des hohen Nordens Skandinaviens. Besonders interessant ist auch seine Verbreitung im südöstlichen Europa, wo er in Griechenland eine besondere ökologische Rolle spielt.

Der Mäusebussard ist ein kompakter, kräftig gebauter Greifvogel mit einer Körperlänge von 51 bis 57 Zentimetern und einer Flügelspannweite von bis zu 128 Zentimetern. Sein Gewicht variiert je nach Geschlecht: Männchen wiegen im Durchschnitt etwa 790 Gramm, Weibchen rund 990 Gramm. Das Gefieder ist außergewöhnlich variabel – von fast weiß bis nahezu schwarzbraun. Diese Farbvielfalt brachte ihm in Frankreich den Namen buse variable („variabler Bussard“) ein. Charakteristisch sind die breiten Flügel und der relativ kurze, abgerundete Schwanz, der im Flug ein markantes Merkmal darstellt. Besonders auffällig ist der sogenannte „Brustlatz“, ein dunkler Fleck am Kropfbereich, der individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Jungvögel zeigen auf der Unterseite meist eine längsstreifige Zeichnung, während ältere Tiere eher Querbänderungen tragen.
Der Mäusebussard wirkt im Flug ruhig und majestätisch: Mit ausgebreiteten, leicht v-förmig gehaltenen Flügeln nutzt er geschickt Aufwinde, um ohne Flügelschlag zu segeln. Sein charakteristischer, miauender Ruf wird häufig mit dem Laut einer Katze verglichen – daher auch die frühere, volkstümliche Bezeichnung „Katzenaar“.
Die Gattung Buteo umfasst weltweit rund 28 Arten, von denen zehn in Eurasien und Afrika vorkommen. Der Mäusebussard (Buteo buteo) bildet eine sogenannte Superspezies mit dem Adlerbussard (Buteo rufinus), dem Hochlandbussard (Buteo oreophilus) und dem Bergbussard (Buteo hemilasius).
Innerhalb der Art Buteo buteo existieren mehrere Unterarten, die sich in Färbung und Verbreitung unterscheiden. Die in Mitteleuropa verbreitete Nominatform Buteo buteo buteo zeigt eine große Farbvariabilität. In südöstlicheren Regionen Europas, insbesondere in Griechenland und der Türkei, kommt auch die Unterart Buteo buteo vulpinus vor – der sogenannte „Falkenbussard“. Dieser ist meist etwas schlanker, besitzt rostrot gefärbte Schwanzfedern und helleres Gefieder.
Diese Anpassungen spiegeln die ökologischen Bedingungen ihrer Lebensräume wider: Während die nördlichen Formen dichter beflockt und dunkler gefärbt sind, um Wärme besser zu speichern, sind südliche Populationen heller und leichter gebaut – ein Vorteil in sonnenreichen, offenen Landschaften.
Der Mäusebussard bevorzugt mosaikartige Landschaften aus Wiesen, Feldern, Waldrändern und Gebüschen. Er baut seine Nester meist in alten Bäumen am Waldrand, gelegentlich auch auf Felsen oder – seltener – am Boden. Die Nähe offener Flächen ist entscheidend, da dort seine Hauptnahrungsquelle, die Feldmaus, reichlich vorkommt. Er ist ein typischer Ansitzjäger: Oft sitzt er stundenlang reglos auf einem Pfosten, Baum oder Zaun, um dann blitzschnell auf Beute herabzustoßen. Neben Kleinsäugern frisst er auch Reptilien, Amphibien, Jungvögel und gelegentlich Aas. Seine Fähigkeit, auch überfahrene Tiere an Straßenrändern zu verwerten, macht ihn zu einem wichtigen „Gesundheitspolizisten“ in der Natur.
Während der Brutzeit im Frühjahr verteidigen Mäusebussarde energisch ihr Revier. Balzflüge mit spektakulären Sturzflügen und lauten Rufen sind häufig zu beobachten. Nach der Eiablage im März oder April werden zwei bis drei Eier gelegt, die etwa 35 Tage bebrütet werden. Nach dem Schlüpfen bleiben die Jungvögel rund sieben Wochen im Nest und werden noch mehrere Wochen von den Eltern gefüttert.
In Griechenland ist der Mäusebussard sowohl während der Brutzeit als auch als Zugvogel anzutreffen. Besonders in den gebirgigen Regionen Mittel- und Nordgriechenlands, etwa im Pindos-Gebirge, sowie in den weiten landwirtschaftlichen Ebenen Thessaliens und Makedoniens, findet er ideale Bedingungen. In den wärmeren Regionen des Landes, etwa auf der Peloponnes oder auf Kreta, tritt häufig die Unterart Buteo buteo vulpinus auf. Diese ist leicht an ihrer helleren Gefiederfärbung und den rostrot getönten Schwanzfedern zu erkennen. Auf den Ionischen Inseln und in Teilen Mittelgriechenlands ist der Mäusebussard ganzjährig heimisch, während in Nordgriechenland viele Tiere aus Osteuropa überwintern.
Griechenland ist auch ein wichtiges Durchzugsgebiet während der Migration. Besonders während des Herbstzugs, im September und Oktober, können an Gebirgspässen und Küstenabschnitten – beispielsweise am Evros-Delta oder am Kap Tainaron – große Gruppen von Mäusebussarden beobachtet werden, die in Richtung Nordafrika ziehen. Diese „Thermikstraßen“ sind für viele Greifvogelarten überlebenswichtig, da sie ihnen den energiearmen Gleitflug über weite Distanzen ermöglichen.
In Griechenland profitiert der Mäusebussard von den vielfältigen Landschaftsformen, leidet jedoch lokal unter Lebensraumverlusten durch intensive Landwirtschaft und Windkraftanlagen. Dennoch gilt die Art im gesamten Land als stabil und nicht gefährdet.

Sein unverkennbarer Ruf – ein lang gezogenes, klagendes „hiäääh“ – begleitet den Bussard das ganze Jahr über, besonders aber während der Balz. Der Laut dient sowohl der Reviermarkierung als auch der Kontaktaufnahme zwischen den Partnern. Mäusebussarde sind tagaktiv und besonders in den Mittagsstunden aktiv, wenn die aufsteigende Warmluft ihnen das Segeln erleichtert. Im Winter versammeln sich viele Individuen auf Feldern, wo sie in loser Gemeinschaft jagen.
Mäusebussarde sind Teilzieher: Während viele in Mitteleuropa das ganze Jahr über bleiben, ziehen nördliche Populationen im Herbst nach Süden. Manche legen dabei beachtliche Strecken zurück – bis nach Nordafrika oder sogar in den Nahen Osten. Einige in Skandinavien oder Osteuropa geborene Mäusebussarde überwintern in Griechenland, besonders in den Regionen Makedoniens und auf dem Peloponnes. Diese Wintergäste bereichern die Population und zeigen eindrucksvoll, wie flexibel die Art auf unterschiedliche klimatische Bedingungen reagieren kann.
Der Mäusebussard ist nicht nur ein Symbol für die freie Natur, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des ökologischen Gleichgewichts. Als Hauptvertilger von Feldmäusen trägt er zur natürlichen Schädlingskontrolle bei. Trotz seines stabilen Bestandes ist der Mäusebussard in vielen Regionen durch Verkehr, Stromleitungen und Windkraftanlagen bedroht. Besonders in nördlichen Bundesländern Deutschlands, aber auch in windreichen Regionen Griechenlands, kommt es immer wieder zu Kollisionen. Gesetzlich ist der Mäusebussard in der gesamten Europäischen Union streng geschützt. In Deutschland unterliegt er dem Jagdrecht, steht jedoch ganzjährig unter Schonzeit. In Griechenland ist er ebenfalls durch die EU-Vogelschutzrichtlinie (79/409/EWG) geschützt. (jk)




