Als die Zukunft noch Zukunft hieß: Thessalonikis Messe erzählt ein Jahrhundert voller Aufbrüche

Thessaloniki blickt in diesem Herbst nicht nur zurück. Zum 100. Geburtstag ihrer ersten Organisation im Jahr 1926 öffnet die Internationale Messe ein Fenster nach vorn und erzählt ihre eigene Geschichte als Geschichte der Zukunft.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou

Thessaloniki – Unter dem Titel „TIF: 100 Jahre in der Zukunft“ zeigt das MOMUS-Museum für zeitgenössische Kunst vom 5. September bis zum 1. November 2026 eine Ausstellung, in der sich historische Bilder, seltene Dokumente, audiovisuelle Zeugnisse und zeitgenössische Ausstellungstechniken zu einem Panorama eines Jahrhunderts verbinden.

Was heute selbstverständlich erscheint, war einst eine Sensation: Rundfunk, internationale Kommunikation, Fernsehen, später Digitalisierung und Fragen der Nachhaltigkeit. Die Thessaloniki Internationale Messe war über Jahrzehnte ein Ort, an dem solche Entwicklungen sichtbar, hörbar und erlebbar wurden. Die Jubiläumsausstellung nimmt diese Rolle zum Ausgangspunkt und fragt nicht allein, was gewesen ist, sondern welche Idee von Zukunft sich durch die Geschichte der TIF zieht.

Foto: TIF Helexpo

Der Rundgang beginnt dabei nicht mit einer nostalgischen Ansammlung alter Messebilder. Vielmehr wird ein Jahrhundert als fortlaufende Bewegung inszeniert. Menschen, Unternehmen, Erfindungen und technische Neuerungen treffen aufeinander; die Messe erscheint als Schauplatz, an dem sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen spiegeln und neue Entwicklungen angekündigt werden konnten.

Ein besonderer Reiz der Ausstellung liegt in den frühen technischen Premieren. Bereits 1926, im Jahr der ersten Organisation der TIF, waren die ersten Rundfunksendungen Teil jener Innovationen, die in den Messepavillons sichtbar wurden. Neun Jahre später, 1935, folgte ein weiterer Schritt in eine damals kaum vorstellbare Welt: Über Kurzwellenradios wurde eine weltweite Anbindung hergestellt – zu einer Zeit, in der weder Internet noch Satellitenkommunikation existierten. 1960 schließlich wurde die erste Live-Fernsehsendung zu einem weiteren markanten Punkt dieser Entwicklung.

Die Ausstellung macht aus diesen Daten keine trockene Chronologie. Historisches Archivmaterial, seltene Fotografien und weitere zeitgeschichtliche Belege werden mit audiovisuellen Projektionen und modernen Formen des Erzählens verbunden. So entsteht ein Ausstellungsparcours, der technische Errungenschaften nicht isoliert betrachtet, sondern in den jeweiligen Zeitgeist einordnet. Jede Epoche bringt ihre eigenen Vorstellungen davon mit, wie die Welt von morgen aussehen könnte.

Gerade darin liegt die besondere Perspektive des Jubiläums: Die TIF wird nicht lediglich als Institution mit einer langen Vergangenheit präsentiert, sondern als ein Ort, der seit seiner Entstehung mit Veränderung verbunden ist. Die Messe war Treffpunkt für Ideen und Menschen, Plattform für Unternehmen und Schaufenster technischer Entwicklungen. Was in einem Jahrzehnt als revolutionär galt, konnte wenige Jahre später bereits zum Alltag gehören. Die Ausstellung macht diese Dynamik sichtbar und lässt ein Jahrhundert technischer und gesellschaftlicher Beschleunigung aufeinandertreffen.

Dabei reicht die Geschichte weit über die einzelnen Messeveranstaltungen hinaus. Die Entwicklung der TIF steht im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen Griechenlands. Ein Jahrhundert kontinuierlicher Präsenz hat Spuren hinterlassen und zugleich immer wieder neue Anforderungen hervorgebracht. Die Ausstellung greift deshalb auch die Gegenwart auf: Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung gehören zu jenen Herausforderungen, die heute die Vorstellung von Fortschritt bestimmen.

Foto: TIF Helexpo

Am Ende des historischen Parcours wartet deshalb kein klassischer Schlussstrich. Stattdessen richtet sich der Blick auf das „New TIF“, das große Umbauprojekt des Ausstellungs- und Konferenzzentrums. Das Vorhaben steht symbolisch für den Übergang in das zweite Jahrhundert der Institution. Ein historischer Ort soll erneuert und weiterentwickelt werden, ohne dabei seine Erinnerung aufzugeben. Vergangenheit und Zukunft werden in der Ausstellung damit nicht als Gegensätze verstanden, sondern als zwei miteinander verbundene Ebenen eines Ortes, der sich erneut auf das vorbereitet, was noch nicht geschehen ist.

Dass ausgerechnet das MOMUS-Museum für zeitgenössische Kunst Schauplatz dieser besonderen Jubiläumsausstellung ist, hat zudem eine eigene Geschichte. Die Verbindung zwischen dem TIF und dem Museum besteht seit 1991. Damals wurde das Museum in den ehemaligen PPC-Stand verlegt und entwickelte dort seine Aktivitäten weiter. Die langjährige Beziehung bildet einen natürlichen Hintergrund für die heutige Zusammenarbeit – ebenso wie die bedeutenden Umbaupläne, mit denen die TIF den nächsten Abschnitt ihrer Entwicklung vorbereitet.

Das Museum wird damit für einige Wochen selbst zu einem Ort, an dem Messegeschichte, Mediengeschichte und Zukunftsvorstellungen zusammentreffen. Die Ausstellung „TIF: 100 Jahre in der Zukunft“ ist vom 5. September bis 1. November 2026 zu sehen. Für die ersten Tage rund um die 90. TIF gelten besondere Besuchsbedingungen: Vom 5. bis 13. September ist der Eintritt für alle Besucher frei, die über ein 90.-TIF-Ticket verfügen. Das Museum ist während dieses Zeitraums von 10 bis 21 Uhr geöffnet.

Auch geführte Rundgänge gehören zum Programm. Von Montag, 7. September, bis Freitag, 11. September, beginnen die Führungen jeweils um 18 Uhr. Am Wochenende des 12. und 13. September gibt es zwei Termine, jeweils um 12 Uhr und um 18 Uhr. Nach dem Ende der TIF werden die Führungen fortgesetzt: Jeden Donnerstag um 18 Uhr und jeden Samstag um 12 Uhr können Besucher die Ausstellung im Rahmen eines organisierten Rundgangs kennenlernen.

Für die Präsentation konnte auf unterschiedliche historische Quellen zurückgegriffen werden. Archivmaterial stammt unter anderem aus der Haitoglou-Familiensammlung, vom Hellenischen Rundfunk und Fernsehen ERT, aus dem Thessaloniki Radiomuseum sowie aus der Zeitung „MACEDONIA“. Ebenfalls beteiligt ist IdeART Karamanlidis. Die unterschiedlichen Bestände verleihen der Ausstellung eine dokumentarische Breite und ermöglichen Einblicke in eine Epoche, in der technische Neuerungen noch unmittelbar als Ereignisse wahrgenommen wurden.

Foto: TIF Helexpo

Verantwortlich für die künstlerische Leitung des MOMUS-Museums für Zeitgenössische Kunst ist Thouli Misirloglou. Die Projektleitung auf Seiten von TIF-HELEXPO liegt bei Maria Syllopoulou. Das audiovisuelle Material speist sich aus dem TIF-Archiv, dem Jubiläumsalbum „TIF 100“ von Kyriakos Pozrikidis sowie aus der Sammlung der Familie Haitoglou.

Für das Ausstellungsdesign zeichnet Archer Cultural Projects verantwortlich, als museologischer Kurator ist Thomas Tsoukalas genannt. Die Bearbeitung von Materialien und Texten übernahm Anastasia Karamichael. Unterstützt wird das Projekt von Georgia Sagatopoulou und Konstantina Aslanidou.

Auch die Vermittlung ist Bestandteil des Ausstellungskonzepts. Die MOMUS-geführten Touren und Bildungsprogramme werden von Lena Athanasopoulou, Christina Mavini und Christina Papaioakim getragen. Für die Ausstellungsbauten ist Expowork verantwortlich.

So treffen in den Räumen des Museums unterschiedliche Zeiten aufeinander: die Anfänge der Messe in den 1920er Jahren, die technischen Experimente der folgenden Jahrzehnte, die großen Medienpremieren des 20. Jahrhunderts und die Fragen, die das digitale und nachhaltige Zeitalter an die Gegenwart stellt. Fotografien und historische Belege begegnen Projektionen und modernen Formen der musealen Erzählung. Aus der Chronik einer Messe wird damit ein Blick auf die Veränderungen, die ein Jahrhundert geprägt haben und auf eine Institution, die ihren 100. Geburtstag nutzt, um zugleich den nächsten Abschnitt ihrer Geschichte sichtbar zu machen.

Die Ausstellung „TIF: 100 Jahre in der Zukunft“ wird von TIF-HELEXPO und dem MOMUS-Museum für zeitgenössische Kunst gemeinsam organisiert und ist vom 5. September bis 1. November 2026 im MOMUS-Museum für zeitgenössische Kunst innerhalb von TIF-HELEXPO zu sehen. (mv)