Goldene Frucht der Antike – Die Zitronatzitrone 

Kaum eine Pflanze verkörpert Geschichte, Duft und Symbolik so eindrucksvoll wie die Zitronatzitrone, auch Cedrat, Zedrate oder Citrus medica genannt. Sie war die erste Zitrusfrucht Europas, Symbol göttlichen Wohlstands im Osten, rituelle Kostbarkeit im Judentum und ein Duftwunder in den Gärten der Renaissance.
Von RS-Redakteur Jorgos Kontos

Natur & Umwelt – Heute kennen viele die Zitronatzitrone vor allem in Form von Zitronat – doch hinter der unscheinbaren kandierten Frucht verbirgt sich ein Jahrtausende alter Kulturbaum, der Religion, Medizin und Küche gleichermaßen prägte.

Die Zitronatzitrone ist ein Strauch oder kleiner Baum, der eine unregelmäßige Krone bildet und meist nicht sehr alt wird. Das Holz ist leicht und brüchig, die jungen Triebe sind kantig, rötlich gefärbt und besitzen in den Blattachseln kurze, kräftige Dornen – eine Anpassung an trockenere, sonnenexponierte Standorte. Die Blätter sind oval bis elliptisch, am Rand fein gezahnt und zeigen eine stumpfe Spitze. Der kurze Blattstiel ist kaum verbreitert, was die Zitronatzitrone deutlich von anderen Zitrusarten unterscheidet. Charakteristisch ist der intensive Duft der Blätter, der selbst beim leichten Zerreiben austritt – ein Hinweis auf den hohen Anteil ätherischer Öle.

Die Blüten erscheinen in kleinen Büscheln in den Blattachseln. Ihre Knospen sind rötlich, während die Blütenblätter oben weiß und unten zart rosafarben sind. Jede Blüte enthält 30 bis 40 Staubblätter, was sie zu einem wahren Pollenmagneten für Insekten macht. Ein Teil der Blüten ist funktional männlich, d.h. sie bilden keinen Fruchtknoten aus.

Foto: Hellas-Bote

Die Früchte der Zitronatzitrone sind ihr markantestes Merkmal: Sie können bis zu 25 cm lang und bis zu 4 kg schwer werden. Die Schale ist dick, höckerig und goldgelb, das Fruchtfleisch hingegen spärlich, grünlich und entweder süßlich oder stark sauer. Der weiße Anteil der Schale (Mesokarp) ist ungewöhnlich dick und bildet den Hauptrohstoff für die Herstellung von Zitronat. Die Samen sind groß, glatt und enthalten jeweils einen Embryo – die Chromosomenzahl beträgt 2n = 18.

Neben der Pampelmuse (Citrus maxima) und der Mandarine (Citrus reticulata) gilt die Zitronatzitrone als eine der drei Urformen aller Zitrusfrüchte. Ihr Ursprung liegt im Nordosten Indiens, insbesondere in Assam am Fuße des Himalaya, wo feuchtwarme Bedingungen ideale Wachstumsbedingungen boten. Von dort breitete sie sich über China und Indien bis nach Persien aus. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. wird sie in den indischen Veden erwähnt, wo sie mit dem Gott des Reichtums Kubera in Verbindung gebracht wurde – ein Symbol für Wohlstand und Glück. In der Antike gelangte sie mit den Feldzügen Alexanders des Großen in den Mittelmeerraum, wo sie von Theophrast als „persischer Apfel“ beschrieben wurde.

Die Römer schätzten sie als duftende Rarität und verwendeten sie zu medizinischen Zwecken – insbesondere gegen Vergiftungen. In der Renaissance war sie ein Statussymbol der wohlhabenden Familien Italiens: In den Medici-Gärten in Florenz wurden Zitronatzitronen in Orangerien kultiviert, wo ihr Duft Reichtum und Exotik verkörperte.

Heute wird Citrus medica vor allem im Mittelmeerraum kultiviert. Bedeutende Anbaugebiete sind Kalabrien, Sizilien, Marokko, Korsika, Kreta, Puerto Rico und Israel. Auch in Griechenland hat die Zitronatzitrone eine lange Tradition … hier wird sie übrigens Κιτριά (Kitriá) genannt. Besonders auf Kreta und in Teilen des Peloponnes wird sie in kleinen Beständen kultiviert. Historische Berichte deuten darauf hin, dass bereits in der hellenistischen Zeit Zitronatzitronen auf griechischem Boden bekannt waren. Auf Kreta findet man noch heute traditionelle Sorten, die zur Herstellung von Likör, kandierten Schalen und duftenden Ölen verwendet werden.

Die Pflanze bevorzugt sonnige, windgeschützte Lagen und benötigt regelmäßige Bewässerung, da sie trockenheitsempfindlich ist. In Griechenland werden Cedratbäume meist in Terrassengärten oder Hofanlagen gezogen, oft in Kombination mit anderen Zitrusarten.

Die Zitronatzitrone wird seit Jahrhunderten als Etrog beim Laubhüttenfest (Sukkot) verwendet. Sie gilt als „Frucht des Baumes Hadar“ und symbolisiert Reinheit, Schönheit und Einheit. Nur makellose Früchte, die nicht veredelt oder beschädigt sind, dürfen im Ritus Verwendung finden. Besonders geschätzt ist die Sorte Citrus medica „Diamante“, die entlang der kalabrischen Küste wächst.

In Asien wird die Varietät Citrus medica var. sarcodactylis, auch „Buddhas Hand“ genannt, als Opfergabe in Tempeln verwendet. Ihre fingerförmige Gestalt erinnert an eine betende Hand. Sie enthält kaum Fruchtfleisch, verströmt jedoch einen intensiven, süßen Duft. In China gilt sie als Symbol für Glück, langes Leben und Wohlstand und wird häufig zu Neujahr verschenkt.

Obwohl das Fruchtfleisch kaum genießbar ist, besitzt die Zitronatzitrone in der Küche eine lange Tradition. Der dicke weiße Schalenanteil wird kandiert zu Zitronat, das in Weihnachtsgebäck wie Stollen oder Panettone Verwendung findet. In Süditalien bereitet man aus der ganzen Frucht Cedri-Carpaccio zu: fein geschnittene Cedrat-Scheiben, mariniert in Olivenöl, Salz, Pfeffer und Zucker – ein mediterranes Geschmackserlebnis. Das ätherische Öl der Schale wird in der Parfümherstellung genutzt und verleiht Düften eine frische, zitrische Note. Aus dem Fruchtextrakt entsteht das italienische Erfrischungsgetränk Cedrata, das in den Sommermonaten sehr beliebt ist. (jk)

Foto: Hellas-Bote