Wer sich auf die Spur von Epimenides begibt, taucht ein in eine Welt, in der Mythos und Wirklichkeit eng miteinander verflochten sind.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker
Götter & Gelehrte – Die Legenden um den berühmten Philosophen und Seher von Kreta sind voller Rätsel, faszinierender Details und geheimnisvoller Erzählungen, die noch heute Reisende und Geschichtsinteressierte in ihren Bann ziehen. Es ist, als öffne sich mit jeder Überlieferung ein Fenster in eine ferne Zeit, in der Religion, Politik und Weisheit untrennbar miteinander verwoben waren.
Epimenides, der im 5., 6. oder 7. Jahrhundert v. Chr. in Knossos auf Kreta und in Athen lebte, gilt als einer der bekanntesten Vorsokratiker, ein Reinigungspriester und Mystiker, dessen Weisheit über die Grenzen seiner Heimat hinaus geschätzt wurde. Überliefert ist die erstaunliche Geschichte, dass er in der Diktäischen Höhle auf Kreta in einen tiefen Schlaf gefallen und erst nach 57 Jahren wieder erwacht sei – ein Motiv, das an uralte Mythen vom Erwachen nach Jahrhunderten erinnert und in Goethes Werk Des Epimenides Erwachen eine patriotische Wiedergeburt fand.
In Athen soll Epimenides grundlegende Veränderungen in den religiösen Bräuchen eingeführt haben. Sein Rat war begehrt, selbst von Staaten, die seine Weisheit suchten, um Krisen zu überwinden. Ihm wird zugeschrieben, die Athener zu Mäßigung und Einfachheit erzogen zu haben – ein Vermächtnis, das die kulturelle Entwicklung der Stadt nachhaltig prägte. Auch die Aufstellung des Altars für den „unbekannten Gott“, den Paulus später im Neuen Testament erwähnt, geht auf seine Initiative zurück.
Epimenides’ Einfluss war nicht nur religiös, sondern auch praktisch. Man schrieb ihm die Erfindung des Pflugs zu, womit er die Grundlagen für die Landwirtschaft in der Ägäis verbessert haben soll. Trotz seiner Bedeutung blieb sein Leben von Dramatik durchzogen. Überliefert ist, dass er in einem Krieg zwischen Sparta und Knossos gefangen genommen und in Argos hingerichtet worden sei, weil seine Weissagungen den Spartanern nur Unheil prophezeiten.
Besonders berühmt ist Epimenides für den sogenannten „Epimenides-Paradoxon“. Sein zugeschriebener Satz „Kreter sind immer Lügner“ löste schon in der Antike Diskussionen über Wahrheit, Logik und Widerspruch aus und wurde von Philosophen bis in die Gegenwart hinein als Denkrätsel verwendet. Der Einfluss dieses paradoxen Gedankens reicht von den Schriften antiker Denker wie Plutarch bis in moderne Debatten über Sprache und Logik.
Die Rezeption seiner Gestalt blieb auch in späteren Jahrhunderten lebendig. Goethe griff den Mythos seines langen Schlafes auf, und 1935 erhielt ein Mondkrater seinen Namen – ein Zeichen dafür, dass das Vermächtnis des kretischen Philosophen weit über die Grenzen der Antike hinaus strahlt. Noch heute ist Epimenides ein Symbol für die geheimnisvolle Verbindung von Mythos und Wahrheit, von Religion und Philosophie, die Kreta zu einem Ort macht, an dem Geschichte und Legende ineinander übergehen. (nb)





