Wer nach Kreta reist, spürt nicht nur die Wärme der Sonne und die Brise des Mittelmeers, sondern auch die jahrhundertealte Kultur, die bis heute lebendig ist.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker
Reisen – Zwischen Olivenhainen, venezianischen Festungen und byzantinischen Kirchen weht der Geist eines Mannes, dessen Werk Generationen inspiriert hat: Vitsentzos Kornaros, geboren 1553 in Sitia, gilt als einer der bedeutendsten Dichter der kretischen Renaissance. Sein Leben, tief verwurzelt in einer Zeit, in der Kreta ein Schmelztiegel zwischen Ost und West war, erzählt nicht nur von Liebe und Poesie, sondern auch von der engen Verbindung zwischen venezianischem Erbe und griechischer Seele.
Kornaros stammte aus einer wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie, die sich auf Kreta niedergelassen hatte. Sein Vater, Iacopo Cornaro, gehörte zu den angesehenen Persönlichkeiten seiner Zeit. Schon früh erlebte Vitsentzos den Einfluss der venezianischen Kultur, die in Architektur, Sprache und Kunst Spuren hinterließ, und gleichzeitig die tiefe Verwurzelung der Insel im griechischen Volksglauben. Diese kulturelle Doppelprägung machte ihn zu einem Dichter, der beide Welten in einzigartiger Weise vereinte. Später zog er nach Candia, dem heutigen Iraklio, wo er Marieta Zeno heiratete und sich auch in der städtischen Verwaltung engagierte. Während der Pestjahre übernahm er sogar die Rolle eines Gesundheitsbeauftragten – ein Hinweis darauf, dass er nicht nur Dichter, sondern auch aktiver Bürger war.
Sein Hauptwerk, der „Erotokritos“, ist ein poetisches Monument mit rund zehntausend Versen im kretischen Dialekt. Inspiriert von der französischen Liebesgeschichte „Paris et Vienne“, schuf Kornaros daraus eine originelle Erzählung, die Liebe, Ehre und Rittertum mit den Traditionen des Mittelmeerraums verknüpfte. Die Handlung spielt im antiken Athen, spiegelt jedoch mehr die Welt der mittelalterlichen Ritter wider. Im Zentrum stehen Erotokritos und Aretousa, deren verbotene Liebe alle Hindernisse überwindet – ein Thema, das bis heute Herzen berührt. Für die Menschen auf Kreta wurde das Werk ein kultureller Schatz: Es wurde auswendig gelernt, bei Festen gesungen und prägte Redewendungen, Namen und Lieder.
Besonders bemerkenswert ist die Sprache des „Erotokritos“. Kornaros verband volkstümliche Ausdrucksweisen mit venezianischen Einflüssen und schuf so eine literarische Brücke zwischen Tradition und Moderne. Dichter wie Dionysios Solomos, Kostis Palamas und Giorgos Seferis ließen sich später von seiner Verskunst inspirieren und machten sie zu einem Fundament der neugriechischen Literatur. Auch wenn manche Gelehrte das Werk anfangs wegen seiner volkstümlichen Sprache gering schätzten, entwickelte es sich zu einem Symbol der kulturellen Identität Griechenlands.
Heute begegnet man Kornaros auf Kreta nicht nur in Büchern, sondern auch auf Straßen, Plätzen und in Denkmälern, etwa in Iraklio, wo ein Denkmal des Bildhauers Thomas Thomopoulos an ihn erinnert. Besucher, die sich auf die Spuren des Dichters begeben, finden in Sitia und Iraklio zahlreiche Orte, die mit seinem Leben verbunden sind. Besonders reizvoll ist ein Besuch des venezianisch geprägten Altstadtkerns von Sitia, wo die Atmosphäre der Renaissance noch nachhallt.
Die Wirkung seines Werkes reicht bis in die Gegenwart: „Erotokritos“ wurde in Theaterstücken, Filmen und Opern neu interpretiert und bleibt ein lebendiges Kulturerbe. Wer Kreta bereist, entdeckt also nicht nur Landschaften von einzigartiger Schönheit, sondern auch eine literarische Tradition, die über Jahrhunderte hinweg das Herz Griechenlands geformt hat. Vitsentzos Kornaros ist mehr als ein Dichter – er ist eine Brücke zwischen Welten, ein Symbol für die Liebe zur Sprache und ein ewiger Botschafter kretischer Kultur. (nb)





