Wer einmal den schmalen Weg hinauf zur Nida-Hochebene erklommen hat, spürt sofort dieses Kribbeln in der Luft, als sei hier etwas Ungreifbares verborgen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Zwischen kargen Felsen und dem weiten Panorama des Psiloritis-Massivs öffnet sich plötzlich ein unscheinbarer Eingang, der zu einem der faszinierendsten Orte Kretas führt: der Idäischen Grotte. In 1.538 Metern Höhe gelegen, umweht diese Höhle eine Aura aus Geheimnis und Geschichte, die Besucher bis heute in ihren Bann zieht. Es ist der Ort, an dem Götter geboren wurden, Mythen ihren Anfang nahmen und Archäologen Schätze der Vergangenheit entdeckten.
Die Idäische Grotte, im Altgriechischen als „Ἰδαίον Ἄντρον“ und im neugriechischen Sprachgebrauch als „Ιδαίο Άντρο“ bekannt, gilt als einer der heiligsten Orte der griechischen Mythologie. Hier, so erzählt die Sage, erblickte Zeus das Licht der Welt oder verbrachte zumindest seine Jugend verborgen vor seinem Vater Kronos, der ihn verschlingen wollte. Zwischen Tropfsteinen und steinernen Wänden soll der junge Göttervater genährt und beschützt worden sein. Später, so berichtet die Überlieferung, habe Zeus an diesem mythischen Ort seinem Sohn Minos die Gesetze übergeben, die das Fundament der kretischen Kultur bildeten.
Auch die Wissenschaft belegt die Bedeutung der Höhle, deren Nutzung weit über die Minoische Zeit hinausreicht. Erste Grabungen im Jahr 1885 durch den italienischen Archäologen Federico Halbherr brachten zahlreiche Funde zutage. Besonders eindrucksvoll sind die Bronzevotive, die eine rituelle Verehrung des Zeus dokumentieren. Die archäologischen Arbeiten von Jannis Sakellarakis und Katya Mandeli in den 1980er-Jahren lieferten weitere Beweise für die jahrhundertelange religiöse Nutzung: von der Endneolithischen Epoche über die archaische und klassische Zeit bis in die römische Antike. Selbst fein gearbeitete Weihehörner aus spätminoischer Zeit konnten geborgen werden, die in engem Zusammenhang mit Funden aus Agia Triada stehen. Heute untersucht Peter Day von der Universität Sheffield mithilfe moderner Dünnschlifftechniken die Herkunft der Keramikreste, die einst in der Grotte zurückgelassen wurden.
Doch nicht nur Historiker und Archäologen zieht es hierher. Für Reisende, die das authentische Kreta erleben wollen, ist der Besuch der Idäischen Grotte ein unvergessliches Abenteuer. Der Weg in ihr Inneres führt über in den Fels eingelassene Holzbohlen, die 2012 durch eine Felstreppe ergänzt wurden und den Zugang erleichtern. Der Innenraum ist vergleichsweise klein und durch die Öffnung komplett von Tageslicht durchflutet, wodurch eine geheimnisvolle, fast spirituelle Stimmung entsteht. An besonders kalten Wintern hält sich Schnee bis weit in den Sommer hinein und verleiht der Höhle eine besondere Atmosphäre, die mit dem kretischen Sonnenschein draußen kontrastiert.
Wer also den Zauber der Mythologie hautnah erleben und zugleich in die Geschichte einer der bedeutendsten Kultstätten Griechenlands eintauchen möchte, sollte den Weg zur Idäischen Grotte auf sich nehmen. Sie ist nicht nur eine Höhle, sondern ein Fenster in eine Welt, in der Legenden lebendig wurden und bis heute nachhallen. (sk)





