Ancona – Von Hellenen zu Römern

Im sanften Schwung eines Küstenvorsprungs, der sich wie ein Ellenbogen ins adriatische Blau streckt, liegt die Hafenstadt Ancona – ein Ort, an dem die Wellen Geschichten aus einer anderen Zeit erzählen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Geschichten von griechischen Seefahrern, göttlichen Münzen, dorischen Tempeln und aphrodisischen Kulten. Denn wer durch die Straßen Anconas wandert, tritt nicht nur auf italienischem Boden, sondern auch auf griechischem Erbe – tief verwurzelt, oft übersehen, und doch lebendig wie die Brandung am Kai.

Bereits im Jahr 390 v. Chr. legten griechische Kolonisten aus Syrakus den Grundstein für Ancona. Flüchtlinge vor der Tyrannei Dionysios’ I. suchten an dieser windgeschützten Bucht nicht nur Zuflucht, sondern einen neuen Anfang – und fanden ihn am Monte Cardeto, wo das Land sich bogenförmig ins Meer lehnt. Dieser markante Küstenvorsprung inspirierte die Namensgebung: „Ἀγκών“ – „Ankon“ – der Ellenbogen.

Foto: Gerardo De Angelis, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

Die neue Stadt war nicht einfach ein Exil, sondern ein Leuchtturm dorischer Identität: griechische Sprache, eigene Münzprägung, Aphrodite-Kult. Ihre Münzen zeigten einen gebogenen Arm, der eine Palme trägt – Symbol des Sieges und des Lebens. Die Göttin Aphrodite selbst prägte nicht nur das Geld, sondern auch das Bewusstsein der Stadt. Ihre Präsenz ist durch Catull und Juvenal bezeugt und lebte im Tempel auf dem Monte Guasco weiter, dort, wo heute der Dom San Ciriaco steht.

Um 268 v. Chr. wurde Ancona Teil des Römischen Reiches, ohne jedoch seine griechische Seele zu verlieren. Noch unter römischer Verwaltung blieb Griechisch eine verbreitete Sprache, der Aphrodite-Kult lebendig, und der Hafen florierend. Im dritten Illyrischen Krieg (178 v. Chr.) diente er als römischer Flottenstützpunkt – strategisch wichtig und kulturell durchdrungen.

Ein Monument griechisch-römischer Zusammenarbeit ist der Trajansbogen, errichtet 115 n. Chr. zu Ehren des Kaisers, der den Hafen aus eigenen Mitteln erweitern ließ. Der Architekt war Apollodor von Damaskus – ein weiterer Grieche, dessen Vision in Anconas Stein geschrieben steht.

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches blieb Ancona als Teil der oströmischen Pentapolis fest im byzantinischen Einflussbereich. Im Jahr 1143 stellte sich die Stadt wieder unter den Schutz Ostroms – ein bemerkenswerter Schritt in einem Zeitalter, in dem sich viele Städte gen Westen orientierten. Ancona erinnerte sich seiner Wurzeln.

Die maritime Macht der Stadt, ihre eigenständige Politik und ihre Rolle in den Kreuzzügen – sie alle spiegeln das Selbstverständnis einer Republik wider, die, wie das antike Athen, auf Handel, Autonomie und Seefahrt setzte. Ancona stellte Galeeren für den Ersten Kreuzzug bereit, verteidigte sich erfolgreich gegen Kaiser Lothar III. und Friedrich Barbarossa und blieb über Jahrhunderte eine Bastion eigenständiger Kultur.

Die Architektur Anconas spricht eine Sprache, die Kenner an griechische Muster erinnert: Der Dom San Ciriaco, erbaut auf dem Fundament eines Venus-Tempels, erhebt sich über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes – gleicharmig, ausgerichtet nach Nordosten. Die Kuppel über der Vierung ist wie ein steingewordenes Auge, das über die Adria blickt – vielleicht sogar heimwärts, nach Hellas.

Auch das archäologische Museum der Stadt erzählt von griechischen Einflüssen in der Alltagskultur – in Elfenbeinschnitzereien, Münzen, Amphoren. Inmitten römischer Dominanz ist es das griechische Erbe, das in Ancona weiterlebt – sichtbar, fühlbar, unvergessen.

Heute ist Ancona eines der bedeutendsten Fährzentren der Adria. Und wo legen die Schiffe an, wenn sie die Nase gen Osten richten? In Griechenland: Igoumenitsa, Patras, Korfu. Diese Verbindungen sind keine bloße Infrastruktur – sie sind das Wiederaufleben alter Handelsrouten. Auf diesen Wegen kamen einst Purpurfarbstoffe aus Ancona nach Hellas, nun kehrt der Austausch in umgekehrter Richtung zurück.

Ancona ist ein lebendiges Symbol für das, was Europa im besten Sinne sein kann: ein Kontinent der Übergänge, Brücken und kulturellen Spiegelungen. In Ancona pulsiert ein griechisches Herz. Nicht laut, aber stetig. Es schlägt in den Säulen, in den Straßennamen, im Klang alter Lieder und den Wellen des Hafens. Wer aufmerksam lauscht, hört vielleicht in der Ferne Aphrodites Lachen oder das Rufen eines syrakusanischen Seemanns. Ancona – das ist Griechenland, eingemeißelt in italienischen Stein. Und zugleich ein Versprechen, dass Herkunft nie vergeht, sondern weiterlebt – im Wind, im Wasser, in der Geschichte. (sk)

Foto: Guido Linke, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org