Dikaiarcheia lebt: Griechische Wurzeln in der glühenden Erde von Pozzuoli

Pozzuoli, heute eine pulsierende Stadt westlich von Neapel mit über 76.000 Einwohnern, war einst ein Fluchtort für griechische Kolonisten – und ist bis heute ein Zeugnis antiker griechischer Spuren in Kampanien. Als Dikaiarcheia, „die gerechte Regierung“, gegründet, war die Stadt Teil der Magna Graecia und diente der Kolonie Kyme als strategisch bedeutender Handelshafen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Die Geschichte von Pozzuoli beginnt mit griechischem Geist und maritimer Handelskunst. Kolonisten von der Insel Samos, die der Tyrannei des Polykrates entkamen, fanden hier im 6. Jahrhundert v. Chr. eine neue Heimat – inmitten einer vulkanisch bewegten Landschaft. Der natürliche Hafen von Dikaiarcheia war ideal für den Handel mit dem griechischen Mutterland und dem westlichen Mittelmeerraum. Noch bevor die römische Ordnung die Region prägte, war Pozzuoli ein Knotenpunkt hellenistischer Kultur und Ökonomie.

Foto: Rolf Cosar, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org

Mit der römischen Umbenennung in Puteoli im Jahr 194 v. Chr. änderte sich zwar der Name, nicht jedoch die geostrategische Bedeutung. Der Hafen florierte weiter – für Getreide aus Alexandria, für Luxusgüter aus dem Orient, und nicht zuletzt für die Kultur. Römische Autoren und Kaiser wie Caligula verewigten die Stadt in spektakulären Anekdoten, etwa durch den Bau einer Schiffsbrücke bis nach Baiae. Doch der Ursprung, das Fundament dieser urbanen Bedeutung, war griechisch.

Noch heute zeugen die archäologischen Schichten in Pozzuoli von der antiken Präsenz der Griechen. Unter der Kathedrale liegen die Überreste eines augusteischen Tempels – in seiner Struktur und Ausrichtung griechisch beeinflusst. Der Macellum mit seinen Meeresspuren an den Säulen erzählt nicht nur von vulkanischer Aktivität, sondern auch von urbaner Architektur, deren Grundlagen in der hellenistischen Bauweise wurzeln.

Die Landschaft rund um Pozzuoli – die Phlegräischen Felder – ist ein Spiegel der griechischen Mythologie. Schon Homer verortete hier mythische Orte wie das Reich des Hades. Die Solfataren mit ihren dampfenden Gasen und der Geruch nach Schwefel erinnern an die Unterwelt, wie sie griechische Dichter beschrieben. Diese Verflechtung von Naturgewalt und Götterwelt ist nicht zufällig: Die Griechen sahen in dieser Erde einen heiligen Ort.

Heute ist Pozzuoli nicht nur geologisch einzigartig, sondern auch kulturell ein Ort des Gedächtnisses. Die Altstadt mit ihren restaurierten Fassaden, das Amphitheater mit 20.000 Plätzen und die Insel Nisida im Süden zeugen von einer langen Geschichte zwischen Asche und Aufbruch. Die griechischen Spuren sind hier nicht nur in Steinen lesbar – sie prägen bis heute das kulturelle Bewusstsein einer Stadt, die einst von Philosophie, Handel und Freiheit getragen wurde. (sk)

Foto: Maurice Chédel, Gemeinfrei, wikimedia.org