Es ist die Nacht, in der die Sterne sprechen, das Wasser schweigt und junge Herzen lauschen. Jedes Jahr am 24. Juni, wenn der Duft von Lorbeer, Myrte und Rosen durch die griechischen Dörfer zieht, erwacht ein antiker Brauch zu neuem Leben: Klidonas – eine poetische Verbindung aus Glaube, Vorsehung und Spiel, ein Ritual, das aus mythischer Vorzeit zu uns herüberweht wie ein göttlicher Hauch.
Von HB-Redakteurin Maria Papadaki
Geschichte/Kultur – Klidonas, ein aus der Antike stammender Brauch, erzählt von der Sehnsucht junger Mädchen, einen Blick in die Zukunft zu werfen – und zwar auf das Antlitz ihres künftigen Ehemannes. In einer Mischung aus Wahrsagung, Theaterspiel und Volksmagie öffnet sich an diesem Abend ein Zeitfenster in eine Welt, in der das Göttliche flüstert und das Alltägliche zur Bühne des Übersinnlichen wird.
Der Name selbst – κλήδων – trägt das alte Erbe in sich: ein Omen, eine göttliche Stimme, ein Zeichen, das gehört werden will. Schon bei Herodot, Äschylus oder im alten Testament taucht das Wort auf, später in der byzantinischen Zeit gar unter kirchlichem Bann. Und dennoch – das Verbot, das das Konzil von Troulos im 7. Jahrhundert gegen die Klidona aussprach, verstärkte nur die Aura des Verborgenen, Mystischen. Die Rituale lebten weiter, im Flüstern der Älteren, in den mutwilligen Reimen der Jugend, in den Augen der Mädchen, die erwartungsvoll auf die Vase starrten, in der ihr Schicksal verborgen lag.
Der Ablauf ist kunstvoll: Zunächst wird das „stille Wasser“ geholt – von einem Kind, das während des ganzen Weges kein Wort sprechen darf. Dieses stumme Wasser, das von Zauber durchdrungen scheint, wird in ein enghalsiges Gefäß gegossen, in das die Mädchen kleine, geheime Gegenstände werfen – Ringe, Nadeln, Früchte –, jede mit einem Wunsch, einem Namen, einem Zeichen versehen. Dann wird der Krug verschlossen, gesegnet mit alten Versen und hinausgetragen, um die Nacht unter den Sternen zu verbringen. Es heißt, sie berühren ihn mit ihren Strahlen, schenken ihm prophetische Kraft.
In den frühen Morgenstunden – noch vor dem ersten Sonnenstrahl – wird die Vase zurück ins Haus geholt. Und dann beginnt das Spiel: Ein Kind, das das rote Tuch der Klidona trägt, zieht nach und nach die Gegenstände heraus, begleitet von gereimten Weissagungen – frech, verspielt, erotisch, manchmal spöttisch, doch stets in einem Rahmen der liebevollen Volkspoesie. Lachen, rote Wangen, neugierige Blicke – es ist eine Zeremonie, die Generationen verbindet, die das Geheimnisvolle mit dem Gemeinschaftlichen verwebt.
Für die Mädchen, deren Lebensweg einst allzu fest vorgezeichnet war, war Klidonas nicht nur ein Blick in die Zukunft, sondern auch ein Raum der Freiheit. Ein traditionell geschützter Rahmen, um mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten, um zu tanzen, zu lachen, zu singen – und sich vielleicht ein bisschen zu verlieben.
Heute hat sich das Ritual verändert. Der Glaube an magisch-religiöse Vorzeichen ist zurückgewichen, Rationalismus und soziale Wandlungen haben das Feld geöffnet für eine folkloristische Inszenierung. Doch gerade darin liegt seine Kraft: Klidonas ist heute mehr denn je ein lebendiges Symbol der kulturellen Erinnerung, eine poetische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und ein Zeugnis dafür, dass das Menschliche stets den Wunsch trägt, vom Schicksal zu träumen. (mp)





