Ikariotikos – Der Herzschlag einer tanzenden Insel

Von der sanften Melodie bis zum wirbelnden Rausch: Ikaria tanzt im eigenen Rhythmus.
Von HB-Redakteur Panos Ventouris

Geschichte – Wenn sich die Sonne langsam über der Ägäis senkt und die Tavernen auf Ikaria ihre ersten Weingläser füllen, beginnt das, was diese griechische Insel so besonders macht: Musik, Tanz und das Gefühl, dass die Zeit hier ein wenig langsamer tickt – oder zumindest im eigenen Takt.

Einer der eindrucksvollsten Ausdrücke der ikarischen Lebensfreude ist der Ikariotikos (griechisch: Ικαριώτικος), auch bekannt als Kariotikos (Καριώτικος) – ein traditioneller Tanz, der tief in der Kultur und Geschichte der Insel verwurzelt ist. Er ist nicht nur ein Tanz, sondern ein lebendiges Symbol der Gemeinschaft, Verbundenheit und Ausgelassenheit.

Der Ikariotikos entfaltet sich in drei charakteristischen Teilen. Er beginnt ruhig, beinahe andächtig – mit langsamen, schreitenden Bewegungen und den Armen in der traditionellen Korbhaltung. Es ist ein Tanz, der von Nähe erzählt, von dem Gefühl, gemeinsam und doch individuell zu sein. Dieser erste Teil erinnert an den Sta Tria, einem langsamen Volkstanz.

Im zweiten Teil wird das Tempo angezogen, die Bewegungen fließender, dynamischer – ähnlich dem Issios von Kalymnos. Die Tänzer wechseln nun zur Schulterhaltung, ihre Schritte werden schneller, die Stimmung gelöster. Schließlich mündet der Tanz in einen mitreißenden dritten Teil: Die Füße fliegen, der Oberkörper tanzt mit, und aus einem besinnlichen Miteinander wird ein rauschender Wirbel der Lebensfreude.

Kein Ikariotikos ohne Musik. Das wohl bekannteste Lied, das diesen Tanz begleitet, ist „Meine Liebe zu Ikaria“ – geschrieben und komponiert von Giorgos Konitopoulos, einem der bekanntesten Vertreter der traditionellen Musik der Region. Seine Melodien erzählen von Liebe, Heimat und der unerschütterlichen Verbindung zur Insel.

Auf Ikaria ist der Ikariotikos kein Showprogramm für Touristen – er ist gelebter Alltag. Ob bei Taufen, Hochzeiten, Namenstagen oder den berühmten religiösen Festen, den Panigiria – dieser Tanz ist immer dabei. Besucher sind dabei nicht nur Zuschauer, sondern oft auch willkommene Mittänzer.

Viele sagen, Ikaria habe das Geheimnis eines langen, glücklichen Lebens gefunden. Vielleicht liegt es an der Luft, vielleicht am Wein. Oder vielleicht einfach daran, dass auf dieser Insel der Mensch noch tanzt – mit Herz, Seele und Gemeinschaftssinn.

Tipp für Reisende:
Wenn Sie Ikaria im Sommer besuchen, sollten Sie unbedingt ein Panigiri miterleben – traditionelle Feste, bei denen der Ikariotikos bis in die Morgenstunden getanzt wird. Vergessen Sie Ihre Uhr. Auf Ikaria zählt nicht die Zeit, sondern der Rhythmus. (pv)

Foto: Hellas-Bote