Sardinien, die zweitgrößte Insel im Mittelmeer, verzaubert Besucher seit Jahrtausenden mit ihrer archaischen Schönheit, ihrer bewegten Geschichte und einer Landschaft, die von karger Wildheit ebenso geprägt ist wie von üppiger Mittelmeervegetation.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Weltweit/Reisen – Bereits beim ersten Blick auf die zerklüftete Küstenlinie, die sich über 1.800 Kilometer erstreckt, wird klar: Diese Insel ist kein gewöhnliches Reiseziel, sondern ein Ort, an dem Natur und Kultur in faszinierender Weise miteinander verschmelzen.

Die Geschichte Sardiniens reicht tief zurück – bis in die Jungsteinzeit. Besonders eindrucksvoll sind die Zeugnisse der Nuraghenkultur, einer einzigartigen bronzezeitlichen Zivilisation, die zwischen 1800 und 500 v. Chr. auf der Insel blühte. Über 7.000 Nuraghen – mystische Steintürme, teils als Festungen, teils als Wohn- und Kultstätten genutzt – durchziehen das Landesinnere. Das bekannteste dieser Monumente ist Su Nuraxi bei Barumini, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und einen erstaunlichen Einblick in das Leben vor über 3.000 Jahren gibt.
Im Laufe der Jahrhunderte geriet Sardinien unter die Kontrolle verschiedenster Völker: Phönizier, Karthager, Römer, Byzantiner, Araber, Pisaner, Spanier und schließlich die Savoyer prägten das Gesicht der Insel. Jede dieser Epochen hat sichtbare Spuren hinterlassen – etwa die römischen Amphitheater in Cagliari, die pisanischen Kirchen in Castelsardo oder die katalanisch geprägte Altstadt von Alghero, in der bis heute ein alter Dialekt des Katalanischen gesprochen wird.

Sardinien ist aber nicht nur ein historisches Kaleidoskop, sondern auch eine Schatzkammer der Natur. Die Costa Smeralda im Nordosten gilt mit ihren smaragdgrünen Buchten und eleganten Yachthäfen als Spielplatz der Reichen, während der Golf von Orosei mit seinen schroffen Klippen, geheimen Stränden und türkisblauem Wasser ein Paradies für Abenteurer und Naturliebhaber ist. Wer es ursprünglicher mag, reist ins Landesinnere: Dort liegt die Barbagia, ein raues, traditionsreiches Gebirgsland mit kleinen Dörfern, in denen das Leben scheinbar seit Jahrhunderten unverändert geblieben ist.
Die sardische Kultur ist tief in der ländlichen Identität verwurzelt. Feste wie das „Sant’Efisio“-Prozessionsfest in Cagliari oder das „Autunno in Barbagia“ im Herbst zelebrieren mit prächtigen Trachten, Musik und kulinarischen Spezialitäten das Selbstverständnis einer stolzen, autonomen Region. Besonders faszinierend ist die sardische Sprache, das „Sardu“, das offiziell als eigenständige romanische Sprache anerkannt ist und vielerorts parallel zum Italienischen gesprochen wird.
Auch die sardische Küche spiegelt die Eigenständigkeit der Insel wider: Sie ist ländlich, herb und unverfälscht. Spezialitäten wie „porceddu“, ein am Spieß gegrilltes Spanferkel, „pane carasau“, das knusprige Hirtenbrot, oder „sebadas“, mit Käse gefüllte und mit Honig übergossene Teigtaschen, erzählen von einer Esskultur, die aus Einfachheit eine Kunstform gemacht hat.
Sardinien bleibt trotz seiner Schönheit ein Geheimtipp. Die Insel widersetzt sich dem Massentourismus mit einer gewissen Sturheit, die vielleicht auch ihr größter Reiz ist. Wer hierherkommt, entdeckt ein Stück Mittelmeer, das sich seine Seele bewahrt hat – wild, stolz, geheimnisvoll. Sardinien ist kein Ort zum schnellen Durchreisen. Es ist ein Landstrich zum Verweilen, Erleben und Staunen – und vielleicht sogar zum Wiederkommen. (dt)





