Die Kreuzigung war eine der grausamsten und erniedrigendsten Richtungsarten der Antike. Sie dienten nicht nur dazu, einen Verurteilten zu töten, sondern ihn auch öffentlich zur Schau zu stellen und seine Qualen möglichst lange hinauszuzögern. In der römischen Welt war sie Sklaven, Rebellen und Aufrührern vorbehalten. Doch keine Hinrichtung hatte eine größere Bedeutung als die Kreuzigung Jesu von Nazaret. Sein Tod veränderte die Geschichte, und jedes Jahr gedenken Christen am Karfreitag diesem dramatischen Wendepunkt, der zum zentralen Ereignis des christlichen Glaubens wurde.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Götter & Gelehrte – Die Ereignisse begannen in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Jesus hatte sich mit seinen Jüngern zum letzten Abendmahl versammelt. Während sie Brot und Wein teilten, sprach er geheimnisvolle Worte: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Seine Anhänger ahnten nicht, dass dies sein Abschied war.
Nach dem Mahl zog sich Jesus in den Garten Getsemani zurück, um zu beten. Dort wurde er von einer Gruppe bewaffneter Männer überrascht – angeführt von Judas Iskariot, der ihn für dreißig Silberlinge verraten hatte. Judas identifizierte ihn mit einem Kuss, und die Tempelwachen nahmen Jesus fest. Seine Jünger flohen, nur Petrus folgte ihm aus der Ferne.
Noch in der Nacht wurde Jesus vor den Hohen Rat geführt, wo ihn die religiöse Elite des Judentums verhörte. Ihm wurde Gotteslästerung vorgeworfen, weil er sich als Sohn Gottes bezeichnet hatte. Doch da der Hohe Rat selbst keine Todesstrafe verhängen konnte, musste Jesus vor den römischen Statthalter Pontius Pilatus gebracht werden.
Pontius Pilatus hatte schon viele Prozesse geführt, doch dieser Krieg brisant. Die Ankläger argumentierten, dass Jesus sich als „König der Juden“ ausgegeben habe – eine gefährliche Behauptung in einem von Rom besetzten Land. Pilatus befragte ihn: „Bist du der König der Juden?“ Jesus antwortete: „Du sagst es.“
Pilatus fand keine Schuld an ihm. Um sich dem Urteil zu entziehen, verschob er Jesus zu König Herodes Antipas, dem Herrscher über Galiläa, doch dieser verspottete ihn nur und verschob ihn zurück.
In einem letzten Versuch, Jesus zu verschonen, stellte Pilatus das Volk vor eine Wahl: Es war Brauch, zum Pessachfest einen Gefangenen zu begnadigen. Zur Auswahl standen Jesus und Barabbas, ein berüchtigter Mörder und Aufrührer. Doch die Menge, aufgehetzt von den Hohepriestern, rief: „Gib uns Barabbas! Kreuziger Jesus!“ Pilatus wusch seine Hände in Unschuld, ließ Jesus geißeln und übergab ihn den römischen Soldaten zur Hinrichtung.
Vor der Kreuzigung wurde Jesus brutal ausgepeitscht – eine Strafe, die ihn bereits schnell tötete. Dann zwangen ihn die Soldaten, sein eigenes Kreuz durch die Straßen Jerusalems zu tragen. Der Weg zur Hinrichtungsstätte Golgatha war lang und steil, und Jesus brach unter der Last zusammen. Ein Mann namens Simon von Kyrene wurde gezwungen, das Kreuz für ihn zu tragen.
Als Golgatha ankam, wurde Jesus seiner Kleider beraubt und ans Kreuz genagelt. Große Nägel durchbohrten seine Handgelenke und Füße. Das Kreuz wurde aufgerichtet, und über ihm wurde eine Inschrift angebracht: „Jesus von Nazaret, König der Juden“ – auf Latein, Griechisch und Hebräisch. Neben ihm wurden zwei Verbrecher gekreuzigt. Einer verspottete ihn, doch der andere sagte: „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Heute wirst du noch mit mir im Paradies sein.“
Drei Stunden lang mit Jesus am Kreuz. Seine Mutter Maria, Maria Magdalena und Johannes standen in der Nähe und sahen voller Schmerz zu. Dann sprach Jesus die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – ein Zitat aus Psalm 22. Kurz darauf rief er laut: „Es ist vollbracht!“ und starb. In diesem Moment, so berichten die Evangelien, verdunkelte sich der Himmel. Die Erde bebte, Felsen spalteten sich, und der Vorhang im Tempel riss entzwei. Der römische Hauptmann, der die Kreuzigung beaufsichtigte, war erschüttert und sagte: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“
Da der Sabbat kurz bevorstand, musste Jesus schnell bestattet werden. Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr und heimlicher Anhänger Jesu, bat Pilatus um Erlaubnis, ihn in seinem eigenen Felsengrab zu legen. Gemeinsam mit Nikodemus wickelte er den Leichnam in Leinenbinden und legte ihn ins Grab. Ein großer Stein wurde davor gerollt, und römische Wachen wurden aufgestellt, um Grabräuber zu verhindern.
Heute ist der Karfreitag einer der bedeutendsten Feiertage der Christenheit. Es ist ein Tag des Innern, des Fastens und der Trauer. Die Kirchen sind schmucklos, die Altäre verhüllt, die Glocken verstummen. In Gottesdiensten wird die Passion Jesu gelesen, und viele Christen geben sich auf Kreuzwege, um den Leidensweg symbolisch nachzugehen. In katholischen und evangelischen Traditionen wird an diesem Tag keine Eucharistie gefeiert – ein Zeichen der Stille und des Schmerzes.
Doch inmitten der Trauer liegt bereits Hoffnung. Denn Karfreitag ist nicht das Ende der Geschichte. Drei Tage später wird das leere Grab entdeckt – der Beginn des Ostermorgens, an dem sich die christliche Hoffnung auf die Auferstehung erfüllt.
Die Kreuzigung, einst ein Symbol der Schande, wurde durch Jesu Opfer zum Zeichen der Erlösung. Sein Tod war nicht das Ende – es war der Anfang eines neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen. (jk)





