Wenn in den Wäldern Griechenlands das Licht zwischen Buchen, Eichen und Hainbuchen flimmert und sich über den Berghängen von Epirus die warmen Nächte legen, beginnt eine kurze, stille Flugzeit: Die Zeit des Buchen-Streckfußes.
Von HB-Redakteur Panos Ventouris
Natur & Umwelt – Der unscheinbare Nachtfalter Calliteara pudibunda gehört zu jenen Geschöpfen, die Reisenden fast immer verborgen bleiben. Tagsüber sitzt er gut getarnt in der Vegetation, während seine auffällig behaarten Raupen Monate zuvor wie kleine, farbige Wesen aus einem Märchenbuch durch das Laub klettern. In Griechenland begegnet man der Art vor allem dort, wo sich noch geschlossene oder naturnahe Laubwaldgesellschaften erhalten haben – insbesondere in den feuchteren und kühleren Landschaften des nördlichen und nordwestlichen Landes. Ein dokumentierter Fund stammt aus dem Raum Dodona in Epirus, einer Landschaft am Fuß des Pindos, deren Wald- und Gebirgsökosysteme zu den besonders interessanten Lebensräumen des griechischen Festlands zählen.
Der Buchen-Streckfuß ist damit ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass die Natur Griechenlands weit mehr zu bieten hat als die sonnenhellen Küsten, Olivenhaine und mediterranen Macchien, die das klassische Landschaftsbild des Landes prägen. In den Bergregionen Nordgriechenlands beginnt ein anderes Griechenland: dichter, schattiger, kühler und stärker von sommerlichen Niederschlägen beeinflusst. Dort wachsen ausgedehnte Laub- und Mischwälder, in denen Buchen, Eichen, Hainbuchen, Weiden, Birken, Hasel und andere Gehölze nebeneinander vorkommen. Genau diese Vielfalt an Futterpflanzen kommt dem Buchen-Streckfuß entgegen.
Seinen deutschen Namen verdankt der Falter einer eigentümlichen Körperhaltung. Ruhende Tiere strecken ihre auffallend behaarten Vorderbeine nach vorn, als würden sie sich geradezu auf ihren langen, wolligen Beinen in die Landschaft hineinstrecken. Der zweite deutsche Name, Buchenrotschwanz, beziehungsweise kurz Rotschwanz, bezieht sich dagegen auf das markante rote bis orange Haarbüschel am Hinterende der Raupe. Dabei besteht eine gewisse Verwechslungsgefahr mit den bekannten Singvögeln aus der Gattung Phoenicurus, den Haus- und Gartenrotschwänzen. Mit ihnen hat der Nachtfalter selbstverständlich nichts zu tun.

Auch der wissenschaftliche Name erzählt ein Stück Geschichte. Die Art wurde von Carl von Linné 1758 ursprünglich als Phalaena pudibunda beschrieben. Heute lautet der gültige Name Calliteara pudibunda. Als Synonyme sind unter anderem Dasychira pudibunda und Elkneria pudibunda überliefert. Die Gattung Calliteara wurde 1881 vom britischen Entomologen Arthur Gardiner Butler aufgestellt; die taxonomische Geschichte der Gruppe ist entsprechend von mehreren früher verwendeten Gattungsnamen geprägt.
Das Artepitheton pudibunda geht auf das Lateinische zurück und lässt sich sinngemäß mit „schamhaft“, „scheu“ oder „zurückhaltend“ wiedergeben. Wie passend dieser Name für einen Nachtfalter wirkt, zeigt sich schon bei der ersten Begegnung: Der erwachsene Buchen-Streckfuß ist kein leuchtender Schmuckfalter, sondern ein Meister der Tarnung. Seine Vorderflügel sind fein grau bis graubraun gezeichnet und von dunklen, gezackten Querbinden durchzogen. Manche Exemplare erscheinen ausgesprochen hell, sodass beinahe nur die dunklen Binden sichtbar sind; andere Tiere sind deutlich dunkler und können fast einfarbig grau oder braun wirken. Die Musterung zerlegt die Körperkontur und lässt den Falter zwischen trockenen Blättern, Rinde und Schatten verschwimmen.
Mit einer Flügelspannweite von etwa 37 bis 67 Millimetern ist Calliteara pudibunda für einen Nachtfalter durchaus stattlich. Wie bei vielen Nachtfaltern unterscheiden sich die Geschlechter deutlich: Die Weibchen werden gewöhnlich größer und kräftiger als die Männchen. Auch die Flügelform und Färbung können variieren. Besonders auffällig sind bei beiden Geschlechtern die stark behaarten Vorderbeine, die in der Ruheposition weit nach vorne ragen. Die Art gehört zur Familie der Eulenfalter, den Erebidae, und dort zur Unterfamilie der Trägspinner, den Lymantriinae. Die frühere Einordnung der Trägspinner als eigene Familie ist inzwischen überholt; heute werden sie als Unterfamilie innerhalb der Erebidae geführt.
Noch spektakulärer als der erwachsene Falter ist seine Raupe. Sie kann ungefähr fünf Zentimeter lang werden und tritt in mehreren Farbvarianten auf. Junge Raupen sind zunächst weißlichgrün oder gelbgrün, später können sie kräftig gelbgrün, rosa-braun oder deutlich dunkler erscheinen. Ihr Körper ist mit langen Haaren besetzt. Besonders charakteristisch sind mehrere dichte, aufrecht stehende Haarbüschel auf dem Rücken. Am elften Körpersegment sitzt ein weiterer Haarpinsel, der nach hinten weist und häufig rot oder orange gefärbt ist. Bei manchen rötlich gefärbten Raupen kann dieses Büschel bis ins Schwarze spielen. Zwischen den Körpersegmenten liegt eine samtschwarze Färbung, die besonders deutlich wird, wenn sich die Raupe bei Gefahr zusammenrollt.
Diese bizarre Erscheinung ist mehr als ein dekoratives Detail. Die auffällige Behaarung verleiht der Raupe eine gewisse Wehrhaftigkeit. Für einige Exemplare sind Haut- beziehungsweise Augenreizungen durch Brennhaare beschrieben worden, weshalb Raupen besser nicht mit bloßen Händen berührt werden sollten. Gleichzeitig ist die genaue Bedeutung der auffälligen Färbung und Behaarung als Warn- oder Schutzsignal nicht vollständig aus ihrem äußeren Erscheinungsbild abzuleiten. Die erwachsenen Falter besitzen dagegen eine geradezu gegensätzliche Strategie: Sie setzen auf Tarnung.
Der Lebensraum des Buchen-Streckfußes ist eng mit Gehölzen verbunden, aber keineswegs ausschließlich auf Buchenwälder beschränkt. Die Art bewohnt Laubwälder, Mischwälder, Waldränder, Hecken, Gebüsche, Parks und Gärten. Entscheidend ist das Vorhandensein geeigneter Laubbäume und Sträucher. Die Raupen sind ausgesprochen vielseitig und ernähren sich von einer großen Zahl verschiedener Pflanzen. Zu den wichtigen Nahrungspflanzen gehören Salweide, Hainbuche, Rotbuche, Stieleiche, Hasel, Hängebirke, Apfel und Eberesche. Daneben sind zahlreiche weitere Laubgehölze als Nahrungspflanzen bekannt.
Gerade diese breite Auswahl macht die Art ökologisch interessant. Der Name Buchen-Streckfuß könnte vermuten lassen, dass Calliteara pudibunda ausschließlich oder überwiegend an Buchen lebt. Tatsächlich ist die Raupe jedoch polyphag. In Griechenland dürfte deshalb nicht allein das Vorkommen von Buchen über die Eignung eines Lebensraumes entscheiden. Vielmehr sind strukturreiche Laubwälder mit einem vielfältigen Gehölzbestand von Bedeutung. Das ist besonders relevant für die Gebirgslandschaften Nordgriechenlands, wo verschiedene Laubbaumarten auf engem Raum wechseln und Wälder, Lichtungen, Waldränder und Gebüsche ineinander übergehen.
Das griechische Vorkommen fügt sich in das große eurasische Verbreitungsgebiet der Art ein. Calliteara pudibunda ist in weiten Teilen Europas verbreitet, fehlt allerdings in den kältesten nördlichen Regionen und ist auch in Teilen des mediterranen Raumes weniger typisch. Nach Osten reicht das Areal weit über Europa hinaus bis nach Vorder- und Zentralasien und weiter nach Ostasien. Die Art ist unter anderem aus der Türkei und dem Kaukasus bekannt.
Griechenland liegt dabei biogeografisch an einer interessanten Übergangszone. Im Norden und Nordwesten treffen europäische Laubwaldgesellschaften auf mediterrane Landschaften. Die hohen Gebirge des Pindos schaffen zudem kühle, feuchtere Refugien, in denen Waldarten vorkommen können, die man mit dem mediterranen Griechenland zunächst nicht verbinden würde. Der dokumentierte Nachweis bei Dodona in Epirus zeigt, dass der Buchen-Streckfuß tatsächlich Teil dieser nordwestgriechischen Nachtfalterfauna ist. Die Art ist zudem in einer landesweiten Liste der griechischen Lepidopteren aufgeführt.
Für Reisende, Naturbeobachter und Fotografen bedeutet dies: Wer den Buchen-Streckfuß in Griechenland entdecken möchte, sollte nicht in erster Linie an trockenen Küstenhängen, felsigen Inseln oder offenen Olivenlandschaften suchen. Interessanter sind die bewaldeten Gebirgsregionen des Festlands, insbesondere Landschaften mit alten Laubwaldbeständen, Waldsäumen, Bachläufen, feuchten Senken und einem abwechslungsreichen Unterwuchs. Epirus mit seinen ausgedehnten Bergwäldern ist hierfür ein besonders anschauliches Beispiel. Die Umgebung von Dodona zeigt, dass selbst kulturhistorisch berühmte Landschaften wie die antike Kultstätte zugleich Lebensraum einer überraschend vielfältigen Insektenwelt sein können.
Wie groß der Bestand des Buchen-Streckfußes in Griechenland tatsächlich ist, lässt sich allerdings nicht mit derselben Genauigkeit angeben wie in Ländern mit sehr dichtem Netz systematischer Nachtfalterbeobachtungen. Für die Art existiert keine belastbare nationale Bestandsschätzung, und einzelne Beobachtungsdaten dürfen nicht ohne Weiteres in eine Populationsgröße übersetzt werden. Überregional gilt Calliteara pudibunda als weit verbreitet und nicht als gefährdete Art; entsprechende europäische Angaben stufen sie als Least Concern beziehungsweise ungefährdet ein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder griechische Wald automatisch ein geeigneter Lebensraum ist. Die Verbreitung dürfte vielmehr stark an die Verfügbarkeit geeigneter Laubgehölze und das lokale Mikroklima gekoppelt sein. Die großen Unterschiede zwischen dem trockenen, sommerheißen Süden Griechenlands und den kühleren Bergwäldern Nordgriechenlands sind für eine solche Waldart von erheblicher Bedeutung. Besonders die montanen und submontanen Bereiche des Pindos können mit ihren Laubwäldern Lebensbedingungen bieten, die den ökologischen Ansprüchen des Falters eher entsprechen als offene mediterrane Landschaften.
Auch sein Lebensrhythmus folgt dem Wechsel der Jahreszeiten. In Mitteleuropa wird überwiegend eine Generation pro Jahr beschrieben. Die erwachsenen Falter erscheinen im Frühjahr beziehungsweise Frühsommer, häufig im Mai und Juni; die Raupen sind anschließend über den Sommer bis in den Herbst hinein zu finden. Je nach Region und klimatischen Bedingungen kann sich die Phänologie verschieben. Neuere europäische Beobachtungsdaten zeigen beispielsweise Flugzeiten, die von Ende April bis in den Juli reichen.
In Griechenland können Temperatur und Höhenlage diesen Kalender beeinflussen. In niedrigeren, wärmeren Lagen dürfte die Entwicklung früher einsetzen als in höheren Bergregionen. Gerade im Pindos-Gebirge ist deshalb nicht allein der Monat entscheidend, sondern auch die Höhenstufe und das lokale Klima. Ein Falter, der in einem warmen Tal bereits unterwegs ist, kann in einem höher gelegenen Buchenwald noch mehrere Wochen auf sich warten lassen. Die kurzen Flugzeiten erwachsener Tiere machen Beobachtungen entsprechend zu einer Frage des richtigen Ortes und des richtigen Abends.
Der Buchen-Streckfuß ist nachtaktiv. Besonders die Männchen werden von künstlichen Lichtquellen angezogen. Wer in Griechenland in einer bewaldeten Bergregion übernachtet und in den frühen Sommermonaten nachts eine Lichtquelle in Fensternähe hat, kann daher mit etwas Glück Besuch aus dem umliegenden Wald bekommen. Der Falter ist kein ausgesprochener Fernwanderer, sondern Teil jener stillen nächtlichen Gemeinschaft von Nachtfaltern, die sich entlang von Waldsäumen, Lichtungen und Gehölzen bewegt.
Während die erwachsenen Tiere vor allem durch ihre Flügelzeichnung und ihre stark behaarten Beine auffallen, spielt sich der größte Teil der eigentlichen Nahrungsaufnahme im Raupenstadium ab. Die Raupe frisst an Blättern verschiedener Laubbäume und Sträucher. Sie ist damit ein typischer Pflanzenfresser der Waldökosysteme. Der erwachsene Falter verfügt dagegen nur über stark reduzierte Mundwerkzeuge und nimmt nach dem Schlupf kaum beziehungsweise keine Nahrung mehr auf; die für das kurze Erwachsenenleben benötigte Energie wurde während des Raupenstadiums aufgebaut.
Auch die Fortpflanzung ist bemerkenswert. Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier in einschichtigen Gelegen an Rinde oder Ästen ab. Ein Gelege kann bis zu ungefähr 300 Eier umfassen. Die zunächst gesellig lebenden Jungraupen sitzen dicht beieinander und lösen sich später zunehmend voneinander. Mit zunehmendem Alter werden sie zu Einzelgängern. Während der Häutung suchen jüngere Raupen geschützte Plätze auf, ältere Tiere ziehen sich dafür beispielsweise in eingerollte Blätter zurück.
Die Entwicklung endet nicht mit dem Ende der Raupenzeit. Zur Verpuppung zieht sich die ausgewachsene Raupe in die Streuschicht zurück. Dort entsteht zwischen abgefallenem Laub ein grauer, brauner oder gelblicher Kokon, in den Haare der Raupe eingearbeitet werden. Die Puppe überwintert. Erst im darauffolgenden Frühjahr oder Frühsommer schlüpft der fertige Falter. Der Wald trägt damit den Buchen-Streckfuß gewissermaßen über zwei Jahreszeiten hinweg: zunächst als auffällige Raupe im sommerlichen und herbstlichen Grün, später verborgen als Puppe im Laub und schließlich als unscheinbarer Falter in den warmen Nächten des nächsten Jahres.
Wie viele andere Waldinsekten ist auch der Buchen-Streckfuß in ein dichtes Netz natürlicher Gegenspieler eingebunden. Besonders die Puppen können von Parasitoiden befallen werden. Dazu gehören unter anderem Raupenfliegen, Schlupfwespen, Brackwespen und Eulophidae. Auch Gelege können gelegentlich von winzigen Schlupfwespen der Gattung Trichogramma parasitiert werden. Zusätzlich tragen Viren, Mikroorganismen und Pilze zur Sterblichkeit der Larven und Puppen bei. Bei früheren Massenvermehrungen wurde sogar ein Nucleopolyhedrovirus als wesentlicher Faktor für den Zusammenbruch einer Population festgestellt.
Solche Massenvermehrungen sind aus der Vergangenheit bekannt. Der Buchen-Streckfuß kann unter günstigen Bedingungen lokal in großer Zahl auftreten. Forstwirtschaftlich bleibt seine Bedeutung jedoch in der Regel begrenzt, weil starke Bestandszunahmen häufig erst relativ spät in der Entwicklungssaison sichtbar werden. Für die griechischen Wälder ist daher weniger die Vorstellung eines großflächigen Schädlings als vielmehr seine Rolle als Bestandteil der natürlichen Waldgemeinschaft interessant.
Systematisch steht Calliteara pudibunda innerhalb einer Gruppe auffällig behaarter Nachtfalter. Zu den Arten, mit denen der Buchen-Streckfuß verwechselt werden kann, gehören unter anderem der Tannen-Streckfuß sowie der Ginster-Streckfuß. Für die sichere Bestimmung sind vor allem Flügelzeichnung, Größe, Körperbau, Fundort und bei Raupen die charakteristischen Haarbüschel heranzuziehen. Die Variabilität des Buchen-Streckfußes selbst erschwert eine Bestimmung nach einem einzigen Farbmerkmal: Helle und dunklere Falter können auf den ersten Blick erstaunlich verschieden wirken.

Gerade diese Variabilität macht die Art für Naturfotografen interessant. Der erwachsene Falter kann auf einem hellen Stück Rinde fast verschwinden, während die Raupe mit ihren gelben, rosafarbenen oder dunkleren Farbtönen und den aufrechten Haarbüscheln geradezu extravagant erscheint. In Griechenland kommt eine weitere Dimension hinzu: das Landschaftserlebnis. Zwischen den uralten Buchenwäldern des Pindos, den Eichenhängen von Epirus, tief eingeschnittenen Schluchten und den Lichtungen der nordgriechischen Gebirge wirkt ein solcher Nachtfalter wie ein kleines Bindeglied zwischen dem europäischen Laubwald und dem mediterranen Raum.
Besonders eindrucksvoll ist dabei der Gegensatz zwischen dem Bild Griechenlands, das Reisende gewöhnlich vor Augen haben, und dem Griechenland, in dem Calliteara pudibunda lebt. Es ist nicht das Griechenland der weiß gekalkten Häuser und trockenen Inselhänge, sondern das Griechenland der Bergnebel, der schattigen Waldtäler, der Buchenblätter und der kühlen Nächte. In Epirus, rund um die Berge des Pindos, kann der Blick deshalb von antiken Steinen und felsigen Landschaften in wenigen Minuten in einen dichten Laubwald wechseln. Dort, verborgen zwischen Blättern und Ästen, beginnt die Welt des Buchen-Streckfußes. (pv)




