Steine sprechen Griechisch – Milazzo, wo Geschichte atmet

Inmitten der azurblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres erhebt sich Milazzo wie ein stiller Chronist der Antike – eine Stadt, deren Wurzeln tief in die griechische Geschichte reichen und deren antiker Name Mýlai noch heute von der Hellenisierung Siziliens zeugt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Die 30.000-Einwohner-Gemeinde in der Metropolitanstadt Messina ist nicht nur ein Juwel unter den „Borghi più belli d’Italia“, sondern auch ein Ort, an dem sich griechische, römische und normannische Spuren auf faszinierende Weise überlagern.

Foto: Clemensfranz, CC BY 2.5, wikimedia.org

Bereits im Jahr 716 v. Chr. wurde Milazzo von Siedlern aus Zankle – dem heutigen Messina – gegründet. Die Griechen gaben dem Ort den Namen Mýlai und legten damit den Grundstein für eine strategisch bedeutende Hafenstadt, die über Jahrhunderte hinweg Schauplatz historischer Umbrüche werden sollte.

Nur wenige Jahrzehnte später marschierte Hieron II. von Syrakus gegen die Mamertiner, kampanische Söldner, die von seinem Vorgänger Agathokles angeheuert worden waren. Hier, auf dem Boden von Milazzo, begann der erbitterte Kampf um die Vorherrschaft auf Sizilien – ein Vorläufer jener Konflikte, die schließlich in die Punischen Kriege mündeten.

Die berühmteste Episode der Stadtgeschichte ereignete sich jedoch zur See: 260 v. Chr. gelang den Römern in der Seeschlacht von Mylae unter Gaius Duilius der erste große Sieg über Karthago. Es war ein Wendepunkt im Ersten Punischen Krieg – und Milazzo wurde zum Symbol für den Aufstieg Roms zur Seemacht.

Auch die römische Spätzeit und die byzantinische Ära hinterließen ihre Spuren, bevor im Mittelalter die Normannen unter Roger I. Milazzo zur Festungsstadt ausbauten. Später vollendeten Kaiser Friedrich II. und die Spanier das beeindruckende Kastell, das bis heute über der Stadt thront – ein steinernes Archiv wechselvoller Epochen.

Die Bischofsstadt Milazzo, deren geistliche Bedeutung bereits im 7. Jahrhundert urkundlich belegt ist, wurde 2018 von Papst Franziskus als Titularbistum wieder ins kirchliche Bewusstsein gehoben – eine stille Rückbesinnung auf eine glorreiche Vergangenheit.

Auch in der Neuzeit war Milazzo Schauplatz bedeutender Geschichte: Am 20. Juli 1860 besiegte Giuseppe Garibaldi im Zuge seines „Zugs der Tausend“ die bourbonischen Truppen – ein Sieg, der den Weg zur Einigung Italiens ebnete. Der Kampfgeist der Griechen, der einst Hieron II. antrieb, scheint sich hier in Garibaldis Vision von Freiheit und Einheit widerzuspiegeln.

Heute ist Milazzo nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt zu den Liparischen Inseln, sondern ein kulturelles Kleinod zwischen Vergangenheit und Moderne. In der Oberstadt erinnern der alte Dom, die Kirche San Papino und das Kastell an vergangene Zeiten, während in der Unterstadt Rathaus, Bibliothek und neue Sakralbauten die Lebendigkeit der Gegenwart widerspiegeln.

Am Capo di Milazzo, wo sich das Meer an steilen Klippen bricht, spürt man das Echo hellenistischer Philosophie, römischer Disziplin und normannischer Stärke. Ein Ort, der nicht nur Historiker, sondern auch Reisende mit Sehnsucht nach Ursprüngen anzieht. (sk)

Foto: Ingo Kuebler, CC BY 3.0, wikimedia.org