Zwischen den zerklüfteten Küstenlinien, den windgepeitschten Lagunen und dem sonnengetränkten Inland Sardiniens verbirgt sich eine der ältesten und faszinierendsten Traditionen der Insel: die Salzgewinnung.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Weltweit/Sardinien – Seit Jahrtausenden nutzen die Bewohner Sardiniens das milde mediterrane Klima, die stetige Meeresbrise und die geologischen Gegebenheiten, um aus dem Meer jenes weiße Gold zu gewinnen, das einst als wertvoller galt als Metall. Die Geschichte der Salzgewinnung auf Sardinien reicht zurück bis in die nuraghische Zeit, lange vor der römischen Besiedlung, als einfache Becken in Küstennähe ausgehoben wurden, um Meerwasser zu verdunsten.

Mit der Ankunft der Phönizier und später der Karthager erhielt die Salzproduktion neue Impulse. Sie erkannten die strategische Bedeutung Sardiniens – nicht nur als militärischen Außenposten, sondern als wichtige Drehscheibe im Handel mit Salz, das konservierend, medizinisch und rituell verwendet wurde. Besonders in Gebieten wie Cagliari, entlang der heutigen Südküste, wurden primitive Salzgärten angelegt. Die Römer, mit ihrer für Logistik und Infrastruktur bekannten Präzision, perfektionierten später diese Anlagen. Sie schufen systematische Becken mit unterschiedlichen Verdunstungsstufen, kanalisierten das Meerwasser und optimierten die Erntezyklen. Salz wurde zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor, nicht nur für Sardinien, sondern für das gesamte römische Reich.
Im Mittelalter geriet Sardinien immer wieder in den Fokus konkurrierender Reiche. Die Kontrolle über die Salzfelder bedeutete Macht und Reichtum. Die pisanischen und später aragonesischen Machthaber investierten in die Instandhaltung der Salinen, besonders in Gebieten wie der heutigen Molentargius-Region, die heute als Naturpark geschützt ist. Im 19. Jahrhundert begannen unter dem Königreich Sardinien tiefgreifende Reformen, die die Salzproduktion industrialisierten. Moderne Pumpanlagen und effizientere Verdunstungsbecken ersetzten die mühsame Handarbeit, wobei die traditionelle Salzernte mit Holzrechen und Lederschuhen bis heute an manchen Orten als kulturelles Erbe zelebriert wird.

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der Saline von Sant’Antioco, wo sich Natur, Geschichte und Handwerk in einzigartiger Weise verbinden. Hier kann man noch heute beobachten, wie das Meerwasser in die Becken geleitet wird, langsam verdunstet und schließlich die schimmernden Salzkristalle freilegt – ein Schauspiel, das nicht nur kulinarisch Bedeutung hat, sondern auch ökologisch. Die flachen Salzbecken bieten Lebensraum für Flamingos, Reiher und viele Zugvögel. Das Salz, das hier gewonnen wird, ist nicht nur von exzellenter Qualität, sondern auch reich an Mineralien und Spurenelementen, die es vom industriellen Meersalz unterscheiden.
Die Farben der Salinen – leuchtendes Weiß, rosa schimmernde Wasserflächen im Abendlicht, das stahlblaue Meer im Hintergrund – haben nicht nur Künstler und Fotografen inspiriert, sondern stehen sinnbildlich für eine jahrtausendealte Verbindung zwischen Mensch und Natur. Heute erlebt die Salzgewinnung auf Sardinien eine kleine Renaissance, getragen von nachhaltigen Initiativen, dem wachsenden Bewusstsein für regionale Produkte und dem Wunsch, alte Traditionen zu bewahren. Besucher können Führungen durch aktive Salinen unternehmen, das Salz direkt bei kleinen Produzenten kaufen oder es in der sardischen Küche neu entdecken – in knusprigem Pane Carasau, eingelegtem Bottarga oder als zartes Finish auf gegrilltem Fisch. (dt)

