Katalymata – Geheimnisvolle Zeitreisen in die Tiefe der kretischen Geschichte

Wer sich auf eine Reise in die ungezähmte Natur des Ostens von #Kreta begibt, spürt sofort, dass hier Geschichten in der Luft liegen, die weit älter sind als die Olivenhaine und die kargen Felsen.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen

Reisen – Der Wind, der durch die mächtige Cha-Schlucht weht, trägt eine Ahnung von uralten Ritualen, vergangenen Kulturen und dem Echo menschlicher Stimmen, die längst verstummt sind. Katalymata, ein abgelegenes archäologisches Kleinod nördlich des Dorfes Monastiraki, ist ein solcher Ort, an dem sich Jahrtausende an Geschichte wie Schichten eines geheimen Manuskripts übereinanderlegen. Wer sich die Mühe macht, den schwer zugänglichen Weg in das Thrypti-Gebirge hinaufzugehen, wird mit einem Erlebnis belohnt, das nicht nur die Landschaft, sondern auch die Vorstellungskraft verändert.

Die archäologische Stätte Katalymata wurde erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Pionierin Harriet Boyd-Hawes erwähnt, deren Leidenschaft für die minoische Kultur maßgeblich dazu beitrug, Kreta auf die Landkarte der internationalen Archäologie zu setzen. Doch die eigentliche Erforschung des Areals begann erst Jahrzehnte später, ab dem Jahr 1993, unter der Leitung des Archäologen Krzysztof Nowicki. Unterstützt von Metaxia Tsipopoulou und William Coulson richtete sich der Blick der Forscher auf eine natürliche Bergterrasse oberhalb des westlichen Ausgangs der Cha-Schlucht, die bereits in prähistorischen Zeiten als Zufluchtsort diente.

Die Entdeckungen in Katalymata sind beeindruckend in ihrer zeitlichen Spannbreite. Funde reichen vom Ende der Jungsteinzeit, etwa 3500 v. Chr., über die Blüte der minoischen Kultur in der Altpalastzeit um 1700 v. Chr., bis hin zu den spätminoischen Abschnitten, in denen Kreta bereits Teil weitreichender Handelsnetze im östlichen Mittelmeer war. Auch Spuren der frühen byzantinischen Epoche des 7. Jahrhunderts sowie der venezianischen Zeit im 16. und 17. Jahrhundert lassen erkennen, dass dieser Ort über Jahrhunderte hinweg eine Rolle spielte – mal als Zufluchtsort, mal als Lebensraum.

Im Zentrum der Ausgrabungen stand das sogenannte Gebäude C, ein Komplex, dessen Räume, Flächen und bauliche Strukturen den Forschern wertvolle Hinweise auf die Nutzungsweise dieser Stätte lieferten. Hier fanden sich Keramiken, Werkzeuge und Reste alltäglicher Gegenstände, die das Bild eines Ortes zeichnen, der gleichermaßen Rückzugsort und Schnittpunkt verschiedener Kulturen war.

Die geografische Lage von Katalymata ist dabei so spektakulär wie ihre Geschichte. Nur wenige Hundert Meter nordöstlich von Monastiraki, mit Blick auf die wilde Landschaft des Thrypti-Gebirges, erhebt sich die Stätte über dem Ausgang der mächtigen Cha-Schlucht. Diese natürliche Kulisse verstärkt die Wirkung des Ortes: Zwischen schroffen Felswänden, windumtosten Höhen und der Stille der Bergwelt lässt sich nachvollziehen, warum Menschen hier Schutz und Inspiration fanden.

Nahegelegene archäologische Fundorte wie Chalasmenos, nur 350 Meter südwestlich, oder die bekannte Stätte von Vassiliki, rund 2,5 Kilometer westlich, zeigen zudem, dass Katalymata Teil eines dichten Netzwerks prähistorischer Siedlungen und Zufluchtsorte war. Wer die Region heute besucht, kann all diese Plätze auf einer kulturhistorischen Wanderung miteinander verbinden – ein Erlebnis, das gleichermaßen Geschichtsinteressierte wie Naturliebhaber in seinen Bann zieht. (dt)

Foto: Olaf Tausch, CC BY 3.0, wikimedia.org