IPM Essen 2026 – Die Welt der Pflanzen im Ausnahmezustand

Noch bevor die ersten Hallen vollständig geöffnet waren, füllte sich das Gelände der Messe Essen mit einer spürbaren Spannung. Stimmen hallten durch die Galeria, irgendwo klirrten Kaffeetassen, Gabelstapler zogen ihre letzten Bahnen – und zwischen Paletten, Pflanzenwagen und Messeständen begann sich ein internationales Publikum zu sammeln, das eines verband: der Blick nach vorn.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler, M. und D. Dillikrath

Magazin – Die IPM ESSEN 2026 startete nicht leise, sondern mit einer Energie, die sofort deutlich machte, dass diese Tage mehr sein würden als Routine. Hier traf sich eine Branche, die unter Druck steht und zugleich vor Ideen sprüht, die diskutieren, handeln und gestalten will – mitten im Winter, aber mit dem festen Blick auf das kommende Gartenbaujahr.

Zur offiziellen Eröffnung versammelten sich Aussteller, Fachbesucher und Vertreter aus Politik und Verbänden in der Messe Essen. NRW-Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Silke Gorißen und ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf begrüßten Gäste aus allen Kontinenten. Schon in den ersten Worten wurde deutlich: Diese Messe stand nicht nur im Zeichen von Pflanzen und Produkten, sondern auch von Verantwortung, Zukunftsfragen und dem sichtbaren Willen zum Gestalten.

Foto: Hellas-Bote/Dillikrath

Bis zum Freitag füllten rund 1.476 Aussteller aus 41 Ländern zehn Hallen sowie die Galeria und Halle 1A auf einer Fläche von rund 100.000 Quadratmetern. Wer durch die Messe ging, brauchte Zeit – und Neugier. Zeit, um die Details zu erfassen: die fein beschrifteten Töpfe neuer Stauden, das leise Surren automatisierter Technik, die konzentrierten Gespräche an kleinen Stehtischen zwischen Produzenten, Einkäufern und Entwicklern. Neugier, um sich auf Themen einzulassen, die weit über Sortimente hinausgingen.

Silke Gorißen sprach in ihrem Grußwort von Tatkraft, Innovationsfreude und Kreativität, die man hier mit jedem Schritt spüren könne. Der Gartenbau, so machte sie deutlich, sei nicht nur ein bedeutender Wirtschaftszweig, sondern ein Bereich, der Lebensqualität schaffe, Städte grüner mache und einen wichtigen Beitrag zur Ernährung leiste. Nordrhein-Westfalen präsentierte sich selbstbewusst als Gartenbauland Nummer eins – sichtbar nicht zuletzt durch die Vielzahl an Gartenschauen und das politische Bekenntnis zu Förderung, Forschung und Bürokratieabbau. Diese Worte fanden Resonanz in den Gesprächen auf den Gängen: Viele Aussteller griffen sie auf, diskutierten Planungssicherheit, Energiefragen und den Wunsch nach verlässlichen Rahmenbedingungen.

Auch Eva Kähler-Theuerkauf unterstrich die Rolle der IPM ESSEN als Impulsgeber. Hier komme die gesamte Wertschöpfungskette zusammen, vom Züchter bis zum Händler, vom Technikentwickler bis zum Floristen. Die Messe sei ein Ort, an dem Ideen entstehen, die Betriebe durch das ganze Jahr tragen. Zugleich mahnte sie vor nationalen Sonderwegen und zusätzlichen Belastungen, die die Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnten – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch viele Fachgespräche zog.

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In den Pflanzenhallen entfaltete sich ein Panorama, das selbst erfahrene Branchenkenner innehalten ließ. Baumschulpflanzen, Stauden, Kräuter, Beet- und Balkonpflanzen, Jungpflanzen und Schnittblumen präsentierten sich in einer Vielfalt, die das globale Spektrum des Gartenbaus widerspiegelte. Auffällig war der Fokus auf klimaangepasste Sortimente: hitzetolerant, trockenheitsresistent, robust. Viele Aussteller erzählten von jahrelanger Züchtungsarbeit, von Versuchsfeldern und Datenreihen, die nun in marktreifen Pflanzen mündeten.

Halle 2 wurde zum Treffpunkt für Wissenstransfer. Im Gärtnerforum diskutierten Fachleute über Produktionsstrategien, Vermarktung und technische Entwicklungen in der Jungpflanzenzucht. Die Gespräche waren sachlich, aber von spürbarer Dringlichkeit geprägt. In Halle 7 zog die neue Gehölz-Arena Aufmerksamkeit auf sich. Zwischen jungen Bäumen und großformatigen Visualisierungen ging es um zukunftsfähige Sortimente für Städte, Wälder und Privatgärten, um Pflegekonzepte und Biodiversität. Hier traf kommunale Praxis auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

Ein weiteres Publikumsmagnet war der Green Cities Europe Award, der erneut in Essen verliehen wurde. Projekte aus verschiedenen Ländern zeigten, wie Begrünung urbane Räume verändern kann – leiser, kühler, lebenswerter. Die Landgard-Ordertage in Halle 1A knüpften nahtlos an ihre erfolgreiche Premiere an und boten eine kompakte Orderplattform, die von vielen Fachbesuchern gezielt angesteuert wurde.

Foto: Hellas-Bote/Dillikrath

In den Technik-Hallen 3 und 4 verschob sich der Blick von Blättern zu Bildschirmen, von Erde zu Sensoren. Automatisierung, Digitalisierung und Ressourceneffizienz bestimmten das Bild. Im Innovationscenter Gartenbautechnik wurden Lösungen für Energieeinsparung, Wassermanagement und Logistik präsentiert. Ein besonderes Interesse zog die Sonderfläche Cannabis.NET auf sich, auf der die Universität Hohenheim aktuelle Forschungsprojekte vorstellte – sachlich, wissenschaftlich fundiert und stark frequentiert.

Halle 4 vereinte zudem das Infocenter Gartenbau. Eine Lehrschau zeigte praxisnahe Wege zur Stärkung von Pflanzen, von torffreien Substraten bis zu Biostimulanzien. Gleich daneben das IPM-Neuheitenschaufenster: Hier blieben Besucher stehen, lasen, verglichen, diskutierten. Viele der hier ausgezeichneten Produkte waren bereits Gesprächsthema auf anderen Ständen – ein Zeichen dafür, wie schnell Impulse auf dieser Messe Kreise ziehen.

Ganz anders die Atmosphäre in Halle 5. Floristik, Lifestyle und Retail sorgten für kreative Energie. Auf der IPM Flower Stage wechselten sich Live-Demonstrationen, Workshops und Shows ab. Die „Aloha-Show“ von Björn Kroner wurde zum emotionalen Höhepunkt: Farben, Bewegung, Musik – und ein Publikum, das spürbar mitging. Junge Floristen traten bei den IPM-Straußwettbewerben an, konzentriert, nervös, ehrgeizig. Das Discovery Center präsentierte neue Konzepte für den grünen Einzelhandel, kuratiert von Romeo Sommers: Inszenierungen, die Emotionen wecken sollten, Ideen für moderne Kundenansprache. Der Show Your Colours Award rückte gelungene Verkaufsstories in den Fokus.

Ausstattung war überall präsent – oft unscheinbar, aber unverzichtbar. IT-Lösungen, Verpackungen, Etiketten, Ladenbau, Marketingkonzepte fügten sich thematisch in alle Hallen ein. Sie machten deutlich, dass moderner Gartenbau ohne diese Bausteine nicht mehr denkbar ist.
Die Internationalität der IPM ESSEN zeigte sich nicht nur in Zahlen, sondern im gelebten Alltag der Messe. Länderpavillons wurden zu Treffpunkten, an denen Handschläge über Sprachgrenzen hinweg stattfanden. Belgien, die Niederlande, Spanien, die USA, China, Costa Rica – sie alle brachten ihre Schwerpunkte mit. Gemeinschaftsstände aus der Türkei, Frankreich, Dänemark, Italien, Großbritannien, Polen, Portugal und Israel unterstrichen den globalen Charakter der Messe.

Ein starkes Signal setzte die IPM ESSEN 2026 auch für den Nachwuchs. Junge Menschen waren sichtbar präsent – als Auszubildende, Studierende, Gründer. Formate wie „We love GREEN – Grüne Berufe live erleben!“ boten Schülern praxisnahe Einblicke. Der neu eingeführte Jungunternehmertag brachte junge Führungskräfte zusammen, Keynote-Speaker Joey Kelly sprach über Motivation, Ausdauer und Unternehmergeist. Im Congress Center Essen vertieften Side-Events wie das BdB-Seminar oder die „GaLaBau-Ausblicke“ zentrale Zukunftsthemen.

Als sich am gestrigen Freitagnachmittag die Hallen langsam leerten, blieb der Eindruck einer Messe, die mehr war als eine Produktschau. Vier Tage lang war die Messe Essen Bühne, Marktplatz, Denkraum und Netzwerk zugleich. Gespräche endeten nicht selten mit dem Versprechen, sich wiederzusehen – im nächsten Jahr, spätestens. (sk)

Foto: Hellas-Bote/Dillikrath