Es ist ein Ort der Übergänge – nicht nur architektonisch, sondern auch geistig. Vor dem Museum für byzantinische Kultur in Thessaloniki markieren zwei scheinbar abstrakte Skulpturen eine Grenze, die sich weniger im Raum als im Denken vollzieht.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Kunst & Kultur – Unter dem Titel „Pylai“ (Πύλες, griechisch für „Tore“) hat der Bildhauer Giorgos Tsaras im Jahr 2001 ein zweiteiliges Ensemble geschaffen, das den Besucher nicht nur empfängt, sondern ihn zugleich auf eine ästhetische Passage vorbereitet.
Die größere der beiden Arbeiten, in horizontaler Ausrichtung am Haupteingang platziert, entfaltet sich als kraftvolle Komposition aus schwarzen, massiven Metallträgern, die von einem geschwungenen, leuchtend roten Band durchzogen werden. Es ist eine Formensprache, die zugleich industriell und poetisch wirkt: Das starre Schwarz scheint dem Impuls der Bewegung zu widerstehen, während das Rot – dynamisch, fast fließend – die Konstruktion in eine visuelle Spannung versetzt. Linien und Kurven verschlingen sich zu einer Einheit, die trotz ihrer Schwere eine überraschende Leichtigkeit entfaltet.
Weniger prominent, doch konzeptionell gleichwertig, steht rechts des Gebäudes die zweite Skulptur in vertikaler Ausführung. Auch hier dominieren die Farben Schwarz und Rot, auch hier begegnet man der gleichen geometrischen Strenge, die durch eine expressive Kurve aufgebrochen wird. Während das Hauptwerk sich harmonisch in die von Bäumen und Grünpflanzen geprägte Umgebung einfügt, wirkt die kleinere Arbeit durch ihre Nähe zu einem stark frequentierten Parkplatz beinahe aus dem Kontext gerissen; ein Spannungsverhältnis, das unbeabsichtigt die Fragilität öffentlicher Kunst im urbanen Raum offenlegt.
Der Titel „Pylai“ ist dabei programmatisch zu verstehen. Die Skulpturen fungieren als Schwellenobjekte: Sie markieren nicht nur die physischen Eingänge des Museums, sondern schlagen eine symbolische Brücke zwischen der zeitgenössischen Formensprache und der historischen Tiefe der byzantinischen Sammlung im Inneren. Der Besucher durchschreitet gewissermaßen ein künstlerisches Tor; vom Heute ins Gestern, vom Abstrakten ins Historische.
Entstanden sind die Werke anlässlich einer Ausstellung Tsaras auf dem Museumsgelände, die im Jah 2001 stattfand. Dass die Skulpturen bis heute an ihrem Ort verblieben sind, verdankt sich einer Schenkung des Künstlers selbst.
Tsaras, 1951 in Thessaloniki geboren, verkörpert wie kaum ein anderer die Synthese von analytischem Denken und künstlerischer Intuition. Sein Studium der Mathematik an der Aristoteles-Universität spiegelt sich in der strukturellen Klarheit seiner Werke wider, während seine Ausbildung an der Hochschule der Schönen Künste in Athen – vielfach ausgezeichnet – seine gestalterische Handschrift prägte. Mit über 75 realisierten Arbeiten im öffentlichen Raum und zahlreichen internationalen Auszeichnungen zählt er zu den prägenden Figuren der zeitgenössischen griechischen Skulptur.
Als ehemaliger Präsident des Staatlichen Museums für Zeitgenössische Kunst sowie des Zentrums für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki hat Tsaras zudem institutionell Maßstäbe gesetzt. Seine Werke, darunter auch die „Pylai“, sind Ausdruck eines künstlerischen Denkens, das sich nicht im Objekt erschöpft, sondern stets den Dialog mit Raum, Geschichte und Betrachter sucht. (mv)





