Vom osmanischen Gebetshaus zur Museumsperle.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker
Athen – Mitten im pulsierenden Herzen Athens, auf der belebten Monastiraki-Straße, steht ein Bauwerk, das in seinem Mauerwerk die Geschichten verschiedener Epochen trägt: Die Tzistarakis-Moschee. Errichtet im Jahr 1759 vom osmanischen Gouverneur der Stadt, Moustapha Agha Tzistarakis, ist sie heute nicht nur ein beeindruckendes architektonisches Denkmal, sondern auch ein stilles Zeuge des kulturellen und historischen Wandels, der die griechische Hauptstadt geprägt hat.
Der Bau der Tzistarakis-Moschee ist von einer spannenden Legende umwoben, die tief in die osmanische Ära Athens zurückreicht. Der Überlieferung nach verwendete Gouverneur Tzistarakis eine antike Säule des Olympieions, um Kalk für den Bau der Moschee zu gewinnen. Diese Tat galt als Sakrileg, und die abergläubischen Einwohner fürchteten, dass der Frevel böse Geister auf die Stadt locken würde. Tatsächlich brach im gleichen Jahr eine Pestidemie aus, die viele als Bestätigung des Fluchs sahen. Zwar deutet heutige Forschung darauf hin, dass die verwendete Säule eher von der nahegelegenen Hadriansbibliothek stammte, doch die düstere Legende ist bis heute tief in der Erinnerung Athens verwurzelt.

Während der Griechischen Revolution veränderte sich die Funktion des Bauwerks grundlegend. Die Moschee, die aufgrund ihrer Nähe zur Antiken Agora als Moschee der Niederbrunnen oder Untermarkt-Moschee bekannt war, diente nicht mehr nur religiösen Zwecken. Sie wurde zur Versammlungshalle der Stadtältesten und symbolisierte die Transformation Athens von einer osmanischen Provinz hin zu einer aufstrebenden Hauptstadt eines neuen Griechenlands. Nach der Unabhängigkeit erlebte das Gebäude weitere Metamorphosen: Es war Schauplatz eines prächtigen Balls zu Ehren von König Otto im Jahr 1834 und wurde im Laufe der Jahre als Kaserne, Gefängnis und Lager genutzt.
Die wechselvolle Nutzung der Tzistarakis-Moschee spiegelt den Übergang Athens in die Moderne wider. 1915 wurde das Gebäude unter der Aufsicht des Architekten Anastasios Orlandos restauriert, und ab 1918 wurde es als Museum für Griechisches Handwerk aufgenommen. Später wurde es zum Nationalmuseum für Dekorative Künste umbenannt, bevor es 1973 zu einer Außenstelle des Museums für Griechische Volkskunst wurde. Besonders die exquisite Keramiksammlung V. Kyriazopoulos findet hier ihren Platz und zieht Jahr für Jahr zahlreiche Besucher an.
Das Bauwerk selbst ist ein bemerkenswertes Beispiel osmanischer Architektur im Herzen Europas. Mit seinem quadratischen Grundriss, den zwei Stockwerken und der beeindruckenden Kuppel auf einem achteckigen Tambour beherrscht die Moschee die Szenerie. Zwei Fensterreihen lassen das Tageslicht sanft in den Gebetsraum strömen, und der kunstvoll gestaltete Mihrab, die Gebetsnische in der Ostwand, verleiht dem Innenraum eine spirituelle Aura. Besonders hervorzuheben ist der Portikus auf der Westseite mit seinen drei Bögen und Kuppeln, die dem Besucher einen würdigen Empfang bereiten. Das Minarett, das einst an der Südwestecke der Moschee emporragte, wurde zwischen 1839 und 1843 abgerissen, dennoch bleibt der Bau auch ohne dieses markante Element ein architektonisches Juwel.
Trotz der vielen Wandlungen und dem Erdbeben von 1981 wurde das Gebäude beschädigt, die Moschee restauriert und 1991 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute ist sie ein beliebter Anziehungspunkt für Kultur- und Geschichtsinteressierte, die mehr über das osmanische Erbe Athens erfahren möchten. Als Außenstelle des Museums für Griechische Volkskunst bewahrt die Tzistarakis-Moschee nicht nur Artefakte aus der Vergangenheit, sondern sie ist auch selbst ein lebendiges Stück Geschichte.
Die Tzistarakis-Moschee verkörpert die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Sie steht als Symbol für den historischen Wandel Athens – von der osmanischen Besatzung über die griechische Revolution bis hin zur modernen Kulturhauptstadt. Ein Besuch dieses faszinierenden Bauwerks ermöglicht einen einzigartigen Blick auf die vielen Facetten dieser geschichtsträchtigen Stadt. (nb)




