Der Tempel von Sangri: Ein Meisterwerk der ionischen Architektur auf Naxos

Der Tempel von Sangri, auch bekannt als der Demetertempel von Sangri, ist ein spätarchaischer Bau aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der griechischen Insel Naxos. Er gehört zu den frühesten ionischen Tempeln und fasziniert durch seine ungewöhnliche Architektur, seine außergewöhnliche Verwendung von Marmor und die spannende Mischung von religiösen Kulten, die mit ihm verbunden sind. Der Tempel wurde etwa um 530 v. Chr. errichtet und erhebt sich in der Flur Gyroulas, etwa 1,5 km südlich des Ortes Ano Sangri.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou

Reisen/Naxos – Die Geschichte des Tempels war lange in Vergessenheit geraten, bis er im Jahr 1949 von dem griechischen Archäologen Nikolaos Kondoleon entdeckt wurde. Zwischen 1976 und 1985 führte der Tempel eine intensive Forschung unter der Leitung von Vassilis Lambrinoudakis von der Universität Athen und dem Architekten Gottfried Gruben von der Technischen Universität München durch. Diese Kooperation führte zur Erschließung vieler Details über das Bauwerk und die Kultstätten. Dank der Arbeit des Teams und weiterer Restaurierungen konnte im Jahr 2001 ein kleines Museum in der Nähe des Tempels eröffnet werden. Es widmete sich der Geschichte des Tempels und seiner Rolle in der Antike. Eine abschließende Publikation der archäologischen Forschungsergebnisse steht jedoch bis heute aus.

Der Tempel von Sangri hebt sich durch zahlreiche architektonische Besonderheiten anderer griechischer Tempel seiner Zeit ab. Mit seinen Maßen von 13,29 m × 12,73 m weist er einen nahezu quadratischen Grundriss auf, was ungewöhnlich ist, da die meisten frühen griechischen Tempel eine gestreckte rechteckige Form haben. Zudem befindet sich die Fassade nicht wie traditionell im Osten, sondern im Süden. Auch der Verzicht auf einen Stufenbau ist auffällig: Statt ruht der Tempel direkt auf der Euthynterie, was ihm eine bodenständige Erscheinung verleiht.

Foto: Thomas G./Pixabay

Besonders hervorzuheben sind die fünf Säulen der Front. Sie ruhen auf Basen aus samischem Marmor, die jedoch keine Kanneluren aufweisen, und ihre Schäfte verjüngen sich nicht wie bei den meisten griechischen Säulen. Ganz im Gegenteil – sie weisen eine Einziehung auf, die in archaischer und klassischer Zeit ansonsten nicht vorkommt. Dies verleiht dem Bau eine außergewöhnliche Eleganz.

Die Marmordecke des Tempels ist eine der ältesten bekannten ihrer Kunst in der antiken Architektur. Ihre Konstruktion war äußerst anspruchsvoll: Die Balken der Decke waren um etwa 2 cm nach oben gebogen, wurde eine durchdachte bauliche Krümmung erzeugte und den gesamten Bau durchzog. Diese geschwungenen Formen waren nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern hatten auch eine statische Funktion.

Der Tempel von Sangri wurde wahrscheinlich der Göttin Demeter und möglicherweise auch ihrer Tochter Kore (Persephone) geweiht. Beide Göttinnen waren zentrale Figuren in den Fruchtbarkeitskulten des antiken Griechenlands, die besonders in ländlichen Regionen wie Naxos verehrt wurden. Der Tempel wird oft als Telesterion bezeichnet, ein Kunstversammlungsraum, in dem geheime Riten abgehalten wurden. Diese Annahme basiert auf der ungewöhnlichen Innenraumgestaltung mit fünf querstehenden Säulen, die den Raum in zwei Schiffe teilten.

Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass an diesem Ort möglicherweise auch der Gott Apollon verehrt wurde. Diese Mehrfachnutzung als Heiligtum für verschiedene Gottheiten ist nicht ungewöhnlich in der griechischen Antike, spiegelt aber die religiöse Dynamik der Region wider.

Im 6. Jahrhundert n. Chr. Chr. Erfuhr der Tempel eine grundlegende Umwandlung: Er wurde weitgehend abgetragen, und an seiner Stelle entstand eine christliche Basilika. Diese Umnutzung des Tempelgeländes zeigt den kulturellen Wandel, der in dieser Zeit stattfand, als das Christentum die alte Religion ablöste. Die Steine ​​des ursprünglichen Tempels wurden in der neuen Basilika wiederverwendet.

Heute ist der Tempel von Sangri ist nicht nur ein bedeutendes Heiligtum auf der Insel Naxos, sondern auch ein herausragendes Beispiel für architektonische Innovation in der Spätarchaischen Zeit. Sein ungewöhnlicher Grundriss, die eigenwillige Säulengestaltung und die Marmordecke zeugen von der technischen Raffinesse seines Baumeisters. Gleichzeitig spiegelte er den religiösen Reichtum der griechischen Antike wider, in dem verschiedene Kulte miteinander existierten. (sd)

Foto: Thomas G./Pixabay

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