Der Widerstand gegen den geplanten Ausbau der Windenergie auf dem Othrys-Gebirge gewinnt an Dynamik. Was zunächst als lokaler Protest einiger Anwohner begann, entwickelt sich zunehmend zu einer breiteren Bürgerbewegung, die eine grundsätzliche Debatte über die Bedingungen der Energiewende in Griechenland anstößt.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Aktuell – Die Gegner der Projekte betonen dabei ausdrücklich, dass sie nicht gegen erneuerbare Energien seien. Ihr Anliegen sei vielmehr, dass der Umbau der Energieversorgung nach klaren Regeln erfolge; mit Rücksicht auf Wasserressourcen, Landschaft, Artenvielfalt und die Menschen vor Ort.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Bergmassiv, das für die Region weit mehr ist als eine geografische Erhebung. Der Othrys gilt als Wasserspeicher, Naturraum und historischer Bezugspunkt für zahlreiche Gemeinden. Nach Angaben der Bürgerinitiative durchziehen unterirdische Karstwasserströme das Gebirge und speisen Quellen, von denen Landwirtschaft, Viehzucht und Siedlungen abhängen. Genau dort sollen nach den derzeit bekannten Planungen zunächst 21 Windkraftanlagen entstehen; langfristig wird von deutlich mehr als 100 Anlagen gesprochen.

Die Kritiker warnen vor tiefgreifenden Eingriffen in ein empfindliches System. Für Fundamente, Zufahrtswege und technische Infrastruktur seien umfangreiche Erdarbeiten erforderlich. Geplant seien Straßen mit Breiten von acht bis zwölf Metern, hinzu kämen tiefe Ausschachtungen und Rodungen. Aus Sicht der Initiative könnten solche Maßnahmen unterirdische Wasserwege verändern, den Zufluss zu Quellen beeinträchtigen oder in sensiblen Karstgebieten sogar Bodensetzungen und Einstürze begünstigen. Ob und in welchem Ausmaß solche Risiken tatsächlich eintreten könnten, ist Gegenstand der Auseinandersetzung. Für die Anwohner jedoch steht fest: Das Wasser des Othrys dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden.
Die Debatte fällt in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen des griechischen Energiesystems. Das Land verbraucht jährlich rund 50 bis 55 Terawattstunden Strom. Besonders energieintensiv sind der Verkehr mit etwa 40 Prozent der gesamten Energienachfrage sowie der Wohnsektor mit rund 25 Prozent. Industrie und Dienstleistungen folgen mit geringeren Anteilen. Gleichzeitig hat sich der Energiemix innerhalb weniger Jahre deutlich verschoben. Während Braunkohle im Jahr 2010 noch rund 55 Prozent der Stromerzeugung ausmachte, liegt ihr Anteil inzwischen bei unter zehn Prozent. Erneuerbare Energien dagegen stiegen im selben Zeitraum von etwa 15 Prozent auf mehr als 40 Prozent. Griechenland verfolgt das Ziel, die Stromerzeugung aus Braunkohle bis 2028 vollständig zu beenden.
Gerade diese Entwicklung wird von den Aktivisten nicht bestritten. Im Gegenteil: Viele von ihnen bezeichnen die Energiewende als notwendig. Sie stellen jedoch die Frage, ob der derzeitige Ausbaupfad ausgewogen ist. Ihrer Ansicht nach konzentriere sich die Energiepolitik zu stark auf neue Windparks, während andere zentrale Bausteine vernachlässigt würden. Als Beispiel nennen sie Energiespeicher. Nach ihren Angaben verfügt Griechenland bislang über weniger als ein Gigawatt Speicherkapazität, obwohl langfristig fünf bis sechs Gigawatt als notwendig angesehen würden. Ohne ausreichend Batterien oder Pumpspeicherkraftwerke könne zusätzliche Windenergie nicht effizient genutzt werden. Statt immer neuer Anlagen müsse zunächst die Speicherung ausgebaut werden.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Dimension. Trotz des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien bleiben die Strompreise für viele Haushalte hoch. Die Bürgerbewegung verweist darauf, dass die Preise weiterhin stark vom Einsatz von Erdgas und von fehlenden Speichermöglichkeiten beeinflusst würden. Viele Menschen hätten daher den Eindruck, zusätzliche Gebühren und Förderkosten zu tragen, ohne einen spürbaren Vorteil auf ihrer Stromrechnung zu erkennen. Diese Wahrnehmung verstärkt den Unmut in den betroffenen Gemeinden.
Auch die Herstellung der Windkraftanlagen selbst wird von den Kritikern thematisiert. Sie verweisen auf den hohen Materialeinsatz und die Umweltkosten entlang der Lieferketten. Türme bestehen überwiegend aus Stahl, dessen Produktion energieintensiv ist. Generatoren enthalten Kupfer, Aluminium sowie Seltene Erden wie Neodym und Dysprosium. Hinzu kommen Schmierstoffe und technische Flüssigkeiten, die bei unsachgemäßem Umgang Umweltbelastungen verursachen können. Besonders kontrovers diskutiert werden die Rotorblätter aus Verbundwerkstoffen. Diese gelten als schwer recycelbar und werden in vielen Ländern nach ihrer Nutzung deponiert. Das Vergraben bestimmter Verbundmaterialien ist mancherorts bereits eingeschränkt oder verboten.
Vor diesem Hintergrund fordert die Bürgerinitiative eine andere Prioritätensetzung. Die Energiewende müsse sich am Schutz wertvoller Natur- und Kulturräume orientieren, an einer sorgfältigen Raumplanung und an einer frühzeitigen Beteiligung der Bevölkerung. Investitionen sollten in technisch und wirtschaftlich tragfähige Lösungen fließen und nicht in Projekte, deren Nutzen vor Ort infrage gestellt werde. Ebenso wichtig seien der Schutz von Grundwasserleitern, die Bewahrung der biologischen Vielfalt und eine Gestaltung der Anlagen, die Landschaften nicht unnötig beeinträchtige.

Die Bewegung ruft die Bevölkerung der Region dazu auf, sich aktiv einzubringen. Information, Mitsprache und gemeinsames Handeln seien die wirksamsten Mittel, um die Zukunft des Othrys mitzugestalten. Für die Aktivisten geht es dabei längst nicht mehr nur um einzelne Windräder. Es geht um die Frage, wie eine moderne Energieversorgung entstehen kann, ohne jene natürlichen Grundlagen zu gefährden, von denen ganze Regionen leben.
„Othrys ist nicht nur ein Berg“, heißt es in einem Aufruf der Initiative. „Er ist eine Quelle von Wasser, Geschichte und Leben für die gesamte Region.“ Genau dieser Satz bringt den Kern des Konflikts auf den Punkt: Die Energiewende wird von den meisten Beteiligten nicht abgelehnt. Umstritten ist vielmehr, welchen Preis Landschaft, Wasser und lokale Gemeinschaften für sie zahlen sollen. (mv)




