Im Spannungsfeld zwischen römischer Staatsmacht und aufkeimender christlicher Hoffnung steht eine Gestalt, die selbst in der rauesten Zeit unbeugsam blieb – Hermes, Stadtpräfekt von Rom und einer der frühesten bekannten christlichen Märtyrer.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman
Gedächtnis: 4. Januar, 28. August
Götter & Gelehrte – Was auf den ersten Blick wie ein Name aus der griechischen Mythologie klingt, ist für die orthodoxe Christenheit ein Symbol des Wandels, der Treue und der göttlichen Gnade. Die griechisch-orthodoxe Kirche ehrt den Heiligen Hermes nicht nur als mutigen Zeugen des Glaubens, sondern als Brücke zwischen weltlicher Autorität und geistlicher Berufung. Sein Gedenktag, der 4. Januar sowie auch der 28. August, ruft in jedem Jahr die Erinnerung an einen Mann wach, der die Krone der Macht gegen das Martyrium eintauschte.
Hermes, geboren vermutlich in Griechenland und später Stadtpräfekt im Herzen des Römischen Reiches, war ein Mann, dem Macht, Einfluss und Ansehen zufielen. Doch unter der glänzenden Rüstung des Amtes regte sich ein offenes Herz für die Wahrheit. Der Legende nach wurde er gemeinsam mit seiner Familie durch Bischof Alexander I. zum christlichen Glauben bekehrt – ein mutiger Schritt in einer Zeit, in der das Bekenntnis zu Christus mit dem Tode enden konnte.
Als unter Kaiser Trajan – oder möglicherweise unter Hadrian – die Christenverfolgungen erneut aufflammten, wurde Hermes gemeinsam mit Alexander verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Hier geschah ein Ereignis, das in der Überlieferung der Kirche tief verankert ist: Der bereits eingekerkerte Bischof Alexander erschien dem Hermes, begleitet von einem Engel und ohne Fesseln, um ihn geistlich zu stärken. Dieses mystische Erlebnis berührte auch den Kerkermeister Quirinus so sehr, dass auch er sich dem christlichen Glauben anschloss – und später ebenfalls den Märtyrertod fand. Hermes jedoch sollte das Schicksal nicht verschonen: Vor den Richter Aurelianus geführt, wurde er zum Tode verurteilt und enthauptet – nicht als Verbrecher, sondern als Bekenner Christi.
Sein Leichnam wurde in einer Katakombe an der Via Salaria Vetus beigesetzt, die später zu Ehren seines Namens als „Katakombe des Ermete“ bekannt wurde. Schon im Jahr 354 wird ein Fest zu seinen Ehren in den Verzeichnissen der römischen Märtyrergräber erwähnt – ein Zeichen, wie tief seine Verehrung bereits in der frühen Kirche verankert war. Bischof Damasus I. ließ sein Grab mit einer Inschrift schmücken und eine halbunterirdische Basilika darüber errichten, welche später unter Pelagius II. erweitert wurde.
Die Gebeine des Heiligen Hermes sind weit gereist – ein Zeichen seiner pan-europäischen Verehrung. Papst Gregor IV. überführte sie 829 in die Kirche San Marco in Rom. Bereits ein Jahr später wurden Reliquien durch den berühmten Abt Eginhard nach Seligenstadt gebracht. Im 9. Jahrhundert fanden sie zeitweilig auch in Aachen, Köln, Hersfeld und anderen Orten Unterkunft. Seit dem Jahr 860 jedoch ruhen bedeutende Teile seiner Gebeine in der prachtvollen Basilika St. Hermes im belgischen Ronse – ein Zentrum der Pilgerfahrt und ein Ort tiefer spiritueller Verbindung.
Für die griechisch-orthodoxe Kirche ist Hermes nicht nur ein Märtyrer, sondern ein Sinnbild der Umkehr, der Treue und des Zeugnisses in dunkler Zeit. Sein Gedenktag wird am 4. Januar begangen, was ihn in die Reihe der frühen Blutzeugen stellt, deren Andenken das Kirchenjahr eröffnet. Auch der 28. August wird als weiterer Festtag gefeiert – ein liturgisches Echo auf die römische Tradition, das den Heiligen als Bindeglied der östlichen und westlichen Christenheit erscheinen lässt.
Die Ikonographie zeigt Hermes oft im Gewand eines römischen Beamten, aber mit der Märtyrerkrone auf dem Haupt – ein klares Zeichen dafür, dass seine wahre Autorität nicht vom Cäsar, sondern von Christus herrührte. (ea)

