Mitten im Herzen des Naturparks La Breña und Marismas del Barbate, südlich von Vejer de la Frontera, liegt eine der ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten Spaniens: der Palomar de La Breña.
Von HB-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Weltweit/Magazin – Dieser monumentale Taubenschlag, eingebettet in ein Anwesen aus dem 18. Jahrhundert, ist nicht nur ein beeindruckendes architektonisches Zeugnis ländlicher Industriekultur, sondern trägt auch den stolzen Titel des größten Taubenschlags der Welt im Guinness-Buch der Rekorde. Wer die Region bereist, stößt hier auf eine Kombination aus Geschichte, Natur und faszinierender Tierwelt, die jeden Besucher in ihren Bann zieht.

Die Anlage erstreckt sich über stolze 400 Quadratmeter und ist noch immer durch ihre beeindruckende Struktur geprägt. Über 7.770 Taubennester aus Terrakotta reihen sich entlang der Innenwände, die bis zu elf Meter hoch und extrem massiv sind – gebaut, um den Vögeln thermischen Komfort und Schutz vor Wind, Regen und Raubtieren zu bieten. Zwischen den parallelen „Straßen“ des Hofes fließt ein schmaler Kanal, der den Tauben früher als Trink- und Badegelegenheit diente. Heute ist der Palomar Teil eines Landhaushotels, doch die architektonische Pracht und das historische Erbe sind noch klar erkennbar.
Die Geschichte dieses Ortes erzählt von einer Zeit, in der Tauben nicht nur geschätzt, sondern für die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung waren. Der Palomar wurde ursprünglich gebaut, um die Schiffe zu versorgen, die nach Amerika aufbrachen. Aus dem Guano, dem Taubenmist, wurde Kaliumnitrat gewonnen, ein Grundstoff für Schießpulver, das für die Kolonialkriege und die Verteidigung der Handelsrouten unverzichtbar war. Gleichzeitig diente der Guano als hervorragender Dünger für den Anbau von Hanf und Tabak – ein vielseitiger Rohstoff, der den wirtschaftlichen Erfolg der Region maßgeblich unterstützte. Schätzungen zufolge konnte der Taubenschlag jährlich zwischen 10 und 15 Tonnen Guano liefern, während die Tauben selbst als Fleischquelle und sogar als Brieftauben genutzt wurden. Bei voller Auslastung hätte der Palomar theoretisch eine Fläche von rund 2.500 Hektar benötigt, um all seine Bewohner zu ernähren – eine Vorstellung, die die Dimension und Effizienz dieser historischen Anlage eindrucksvoll verdeutlicht.

Architektonisch ist der Palomar de La Breña ein Meisterwerk ländlicher Baukunst. Die Mauern sind nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch beeindruckend, während das zentrale Hofsystem mit den geschützten Kanälen zeigt, wie durchdacht das Leben der Tauben organisiert war. Jede Nische, jede Mauer, jeder Gang zeugt von der engen Verbindung zwischen Mensch, Tier und Wirtschaft im 18. Jahrhundert. Für Besucher heute wirkt der Ort wie eine Zeitreise in eine Epoche, in der selbst Tauben eine entscheidende Rolle im globalen Handel spielten.
Neben der Geschichte besticht der Palomar auch durch seine Lage. Der Naturpark La Breña und Marismas del Barbate bietet spektakuläre Ausblicke auf die Küstenlandschaften Andalusiens, mit dichten Kiefernwäldern, weitläufigen Dünen und einer vielfältigen Tierwelt, die vom Besucher erkundet werden kann. Die Nähe zu Vejer de la Frontera, einem der schönsten weißen Dörfer Spaniens, rundet den Besuch perfekt ab. Besucher können die Mischung aus Kultur, Geschichte und Natur in Ruhe genießen, während sie durch den weitläufigen, von Planen bedeckten Hof wandern und die Dimensionen des Taubenschlags auf sich wirken lassen.
Heute ist der Palomar de La Breña nicht mehr in Betrieb, doch er öffnet seine Türen weiterhin für neugierige Gäste. Als Teil eines privaten Hotels kann er nach Rücksprache mit dem Personal kostenlos besichtigt werden – eine Gelegenheit, die sowohl Geschichtsinteressierte als auch Naturfreunde begeistert. Die Verbindung von historischer Funktion, architektonischer Brillanz und einzigartiger Lage macht den Palomar zu einem unvergleichlichen Ausflugsziel, das in keinem Reiseführer über Andalusien fehlen sollte.
Die kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Dimension des Palomar de La Breña macht ihn zu einem besonderen Ort. Seine Mauern zeugen von der Bedeutung der Tauben für die Wirtschaft der Region, während die Lage im Naturpark La Breña und Marismas del Barbate die harmonische Verbindung von Mensch und Natur unterstreicht. Heute, wo der Palomar nicht mehr produktiv genutzt wird, dient er als faszinierende Sehenswürdigkeit und historisches Denkmal. (cs)

