Zwischen Trabant, Tatra und Brockenhexe: Eine Zeitreise ins DDR-Museum Dargen

Usedom kann vieles: Ostseewellen, Seebrücken, Bäderarchitektur und lange Strände. Doch wer die Insel von ihrer weniger bekannten Seite kennenlernen möchte, sollte die Küste verlassen und ins Hinterland fahren.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit – In Dargen wartet eine Sammlung, die mit dem klassischen Usedom-Bild wenig zu tun hat und gerade deshalb so sehenswert ist. Hier stehen Trabants neben Tatra-Limousinen, Motorräder neben Krankenfahrstühlen, Busse neben Traktoren und zwischen all den Fahrzeugen tauchen Gegenstände auf, die vom ganz normalen Leben in der DDR erzählen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Das DDR-Museum Dargen ist aus einer privaten Leidenschaft entstanden. Seine Wurzeln liegen in der Begeisterung für die Zweiradtechnik der ehemaligen DDR. 1995 schlossen sich Menschen zusammen, die Motorräder, Mopeds und Motorentechnik nicht einfach als alte Fahrzeuge betrachteten, sondern als Teil ihrer eigenen Geschichte. Am 13. November jenes Jahres wurde der Museumsverein Zweirad- und Motorentechnik der ehemaligen DDR gegründet. Zwei Jahre später öffnete in den Gebäuden einer ehemaligen bäuerlichen Handelsgenossenschaft das Museum seine Tore.

Seitdem ist die Sammlung immer weitergewachsen. Aus dem ursprünglichen Zweiradmuseum wurde ein Technik- und Fahrzeugmuseum, das heute weit über Motorräder und Mopeds hinausgeht. Autos, Lastwagen, Busse, Traktoren, Feuerwehr- und Krankenwagentechnik, NVA-Fahrzeuge und Motoren bilden ebenso wichtige Bereiche wie die vielen kleinen Dinge des DDR-Alltags. Was die Besucher erwartet, ist deshalb weniger eine streng geordnete Chronik als eine begehbare Erinnerung an einen Staat, dessen Ende inzwischen mehr als drei Jahrzehnte zurückliegt.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Am stärksten lässt sich diese vergangene Welt vielleicht über ihre Fahrzeuge begreifen. Wer heute einen Trabant sieht, erkennt zunächst einen ungewöhnlichen Oldtimer. Für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, ist er jedoch weit mehr: Familienauto, Urlaubsfahrzeug, Einkaufshelfer und Symbol einer Zeit, in der ein eigenes Auto keineswegs selbstverständlich war. Im Museum stehen verschiedene Trabant-Modelle, darunter der 600, der legendäre 601 und der späte 1.1.

Gleich daneben öffnet sich die automobile Welt des sozialistischen Ostens. Wartburg 312, 353 und 1.3 erinnern an die Fahrzeugproduktion aus Eisenach. Lada und Moskwitsch stehen für sowjetische Automobile, Škoda für die damalige Tschechoslowakei. Dazu kommen die mächtigen Wolga-Modelle und die außergewöhnlichen Tatra-Limousinen. Ein Tatra 603 oder 613 wirkt zwischen den kleineren Fahrzeugen fast wie aus einer anderen Welt. Die Stromlinienformen, die großzügigen Karosserien und die technische Eigenständigkeit machen diese Fahrzeuge zu besonderen Blickfängen der Sammlung.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Noch näher am Alltag sind die Zweiräder. Mopeds und Motorräder gehörten für viele Menschen zur alltäglichen Mobilität – gerade dort, wo ein Auto nicht vorhanden war oder auf sich warten ließ. Simson, MZ und andere Marken prägten das Straßenbild. Im Dargener Museum treffen sie außerdem auf Fahrzeuge aus den sozialistischen Nachbarstaaten. Jawa aus der damaligen CSSR oder Dnepr aus der Sowjetunion zeigen, wie vielfältig die Zweiradwelt hinter dem damaligen Eisernen Vorhang tatsächlich war.

Dabei geht es nicht nur um schöne Formen und technische Daten. An den Maschinen lässt sich eine Gesellschaft ablesen. Ein Moped war Arbeitsweg und Freizeitfahrzeug zugleich. Ein Motorrad konnte Familienmitgliedern Mobilität ermöglichen, wenn der Trabant noch nicht in der Garage stand. Und ein Krankenfahrstuhl wie der Krause „Piccolo“ oder das DUO erzählt von einer ganz anderen Form individueller Fortbewegung. Die Fahrzeuge bekommen dadurch eine soziale Dimension: Sie zeigen, wer sich wie bewegen konnte und welche Rolle Technik im Alltag spielte.

Wer den Blick hebt, stößt auf eine andere Größenordnung. Lastwagen und Busse zeigen, wie Menschen und Waren in der DDR transportiert wurden. Ein S4000 erinnert an den Nutzfahrzeugbau der DDR. Ein Ikarus SL 250 führt in die Welt des öffentlichen Verkehrs, während ein restaurierter Doppelstockbus DO 56 eindrucksvoll vor Augen führt, wie viel Arbeit in der Erhaltung solcher historischer Fahrzeuge steckt. Hinzu kommen Liefer- und Krankenfahrzeuge, die einst auf Straßen und Betriebshöfen zum vertrauten Bild gehörten.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Und dann sind da die Traktoren. Ihre Namen klingen heute fast wie aus einem technischen Märchenbuch: Brockenhexe, Aktivist, Pionier. Für eine Gesellschaft, in der Landwirtschaft und staatlich organisierte Produktion eine große Rolle spielten, waren solche Maschinen allerdings keine Kuriositäten, sondern Arbeitsgeräte. Sie pflügten, transportierten und halfen dabei, den Alltag auf den Feldern zu bewältigen.

Zwischen den großen Fahrzeugen wird es immer wieder erstaunlich klein. Ein Radio, eine Kamera, ein altes Küchengerät oder ein Spielzeug kann plötzlich mehr Erinnerungen auslösen als ein ganzer Oldtimerpark. Genau hier verändert sich der Blick auf die Ausstellung. Es geht nicht mehr nur um Motoren und Karosserien, sondern um die Frage, wie Menschen damals lebten.

Die Sammlung nimmt ihre Besucher mit in Küchen und Wohnzimmer, in Kinderzimmer und Geschäfte. Fernseher und Plattenspieler, Tonbandgeräte und Radios erinnern an die Unterhaltungselektronik einer vergangenen Epoche. Bücher und Zeitschriften dokumentieren, was gelesen wurde und welche Bilder und Nachrichten den Alltag begleiteten. Haushaltsgeräte erzählen von praktischen Lösungen und technischen Vorstellungen jener Zeit.

Besonders lebendig wirkt der nachgestaltete KONSUM. Regale voller typischer DDR-Produkte vermitteln einen Eindruck davon, wie ein Einkauf damals ausgesehen haben könnte. Dazu kommen Dokumente wie Personalausweise und Hausbücher sowie eine große Sammlung von Orden und Abzeichen. Sie machen sichtbar, dass der DDR-Alltag nicht nur aus Arbeit, Freizeit und Familie bestand, sondern auch von staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen geprägt wurde.

Ein weiterer ungewöhnlicher Einblick ist das ABV-Zimmer. Der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei war für einen bestimmten Wohn- oder Ortsbereich zuständig. Ein solcher Raum bringt damit auch die staatliche Ordnung in die Ausstellung. Daneben wirkt die „gute Stube“ fast wie ein Gegenentwurf: Sie steht für den privaten Rückzugsort, für Möbel, Wohnkultur und jene vertraute Umgebung, die sich viele Menschen unabhängig von politischen Verhältnissen schaffen.

Gerade dieses Nebeneinander macht den Rundgang interessant. Hier steht der technische Fortschritt neben improvisierter Reparatur, staatliche Organisation neben privatem Familienleben, große Verkehrstechnik neben kleinen Haushaltsgegenständen. Das Museum versucht dabei nicht, die Vergangenheit auf ein einzelnes Bild zu reduzieren. Stattdessen versammelt es die Dinge, die diese Vergangenheit greifbar machen.

Viele der ausgestellten Fahrzeuge und Geräte wurden nicht einfach in einen Ausstellungsraum gestellt. Vereinsmitglieder haben sie über Jahre restauriert und erhalten. Auch die Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der bäuerlichen Handelsgenossenschaft wurden durch die Museumsmitglieder um- und ausgebaut. Das Museum ist damit selbst Teil seiner Geschichte: Es ist das Ergebnis von freiwilliger Arbeit, Sammelleidenschaft und dem Wunsch, technische Zeugnisse einer vergangenen Epoche vor dem Vergessen zu bewahren.

Für Usedom-Besucher ist Dargen deshalb eine interessante Ergänzung zu den bekannten Ausflugszielen der Insel. Während in Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin die Geschichte der kaiserzeitlichen Seebäder im Vordergrund steht, erzählt Dargen von einer ganz anderen Vergangenheit. Hier geht es nicht um Villen und Sommerfrische, sondern um Mopeds, Autos, Busse, Traktoren, Konsumgüter und den Alltag der Menschen in einem sozialistischen Staat. (ea)

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath