Es gibt Orte, an denen die Vergangenheit nicht erst erklärt werden muss. Kloster Cismar gehört dazu.
Von HB-Redakteur Nadja Becker und Leo Dillikrath
Weltweit/Magazin – Schon die mächtigen Backsteinmauern erzählen von einer Zeit, in der Mönche über weite Ländereien wachten, Pilger zu kostbaren Reliquien kamen und ein kleines Kloster an der Ostseeküste zu einem erstaunlich bedeutenden geistlichen und wirtschaftlichen Zentrum wurde. Heute ist es ein Kulturort inmitten der ostholsteinischen Landschaft und zugleich ein stiller Zeuge von mehr als 800 Jahren Geschichte.

Wer das Kloster Cismar besucht, findet keinen monumentalen Sakralbau mit hoch aufragendem Turm. Stattdessen überrascht die Anlage durch ihre Geschlossenheit und die besondere Atmosphäre des Backsteins. Die ehemalige Klosterkirche ist heute einschiffig, hoch und ohne Turm. Rund um den Innenhof liegen weitere historische Gebäudeteile, während Steinmarkierungen noch den Verlauf des einstigen Kreuzgangs erkennen lassen. Ein Wassergraben und Erdwälle umgeben den gesamten Komplex. Nur wenige Kilometer entfernt beginnt die Ostsee … eine Verbindung von Kulturgeschichte und Küstenlandschaft, die den besonderen Reiz des Ortes ausmacht.
Dabei stand Cismar keineswegs am Anfang der Geschichte. Das Kloster kam aus Lübeck. 1177 war der Bischofssitz von Oldenburg nach Lübeck verlegt worden; wenig später berief Bischof Heinrich I. von Brüssel Benediktinermönche aus Braunschweig in die Stadt. Dort entstand das Johanniskloster. Doch das Zusammenleben von Mönchen und Nonnen erwies sich als dauerhaft problematisch. Das Kirchenrecht untersagte Doppelklöster, und Beschwerden über das Verhalten der Mönche verstärkten den Wunsch nach einer Veränderung.
Der Blick richtete sich nach Ostholstein. Bereits seit den Lübecker Jahren verfügte der Konvent dort über Besitz. 1237 verkaufte Graf Adolf IV. von Holstein das Dorf Sycima an die Mönche … eine wichtige Voraussetzung für den späteren Umzug. Ab 1245 wurde Cismar zum neuen Standort. Ganz reibungslos verlief die Verlegung allerdings nicht: Um ihre Rechtmäßigkeit wurde gestritten, und erst 1256 waren die Auseinandersetzungen endgültig beigelegt.

Was danach entstand, war weit mehr als ein abgeschiedener Ort des Gebets. Cismar entwickelte sich zu einer wohlhabenden und einflussreichen Abtei. Die Mönche erwarben Dörfer, Mühlen, Seen und Fischteiche und verfügten sogar über einen eigenen, unmittelbar dem Kloster vorgelagerten Hafen. 1325 gehörten 22 ganze und zwei halbe Dörfer in Klosternähe sowie zwölf Mühlen zum Besitz der Abtei. Hinzu kamen Ländereien in Lauenburg und Mecklenburg. Das benachbarte Grömitz erwarben die Mönche bereits 1322.
Die Größe dieses Besitzes erklärt auch, weshalb die Geschichte Cismars immer zugleich eine Geschichte von Macht, Wirtschaft und Land ist. Die Mönche förderten die Erschließung des wagrischen Landes und hatten über ihre Besitzungen weitreichende Rechte. Doch Wohlstand war keineswegs selbstverständlich. Die Pest brachte im 14. Jahrhundert schwere Einschnitte. Pächter starben, flohen oder konnten ihre Abgaben nicht mehr leisten. Später verwüsteten kriegerische Auseinandersetzungen Teile der Region. Das Kloster musste immer wieder zwischen geistlichem Anspruch und wirtschaftlicher Realität bestehen.
Von dieser wechselvollen Geschichte zeugt auch die Architektur. Die erste Klosterkirche dürfte um 1245 entstanden sein. Zwischen 1260 und 1300 wurde sie nach Osten erweitert. Im 14. Jahrhundert wurde der Westteil neu gestaltet; ein Hallenlettner trennte ihn vom Mönchschor. Der heutige einschiffige Kirchenbau ist 62 Meter lang und vermittelt trotz seiner Größe einen erstaunlich ruhigen Eindruck. Seine schlichte Formensprache gilt als herausragendes Beispiel der lübischen Frühgotik.
Der vielleicht größte Schatz Cismars wartet im Inneren. Zwischen 1310 und 1320 erhielt die Kirche einen kunstvoll gearbeiteten dreiflügeligen Hochaltarschrein. Anlass war der umfangreiche Reliquienschatz des Klosters. Die tiefen Nischen des Mittelteils zeigen Szenen aus dem Leben Jesu, während die Flügel Episoden aus dem Leben des heiligen Benedikt und aus der Legende des Evangelisten Johannes darstellen. Einige Figuren stammen vermutlich bereits aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Farbfassung der holzgeschnitzten Flachreliefs ist teilweise erhalten geblieben. Dem Altar wird dieselbe Werkstatt zugeschrieben wie dem Bocholtgestühl im Lübecker Dom; in der Vorlage wird er als ältester in der Kunstgeschichte bekannter Schnitzaltar bezeichnet.

Der Altar war Teil einer religiösen Welt, die für heutige Besucher kaum noch vorstellbar ist. Mehr als 800 Reliquien sollen in Cismar aufbewahrt worden sein. Darunter befanden sich ein Blutstropfen Christi und ein Dorn aus der Dornenkrone. Auch eine heilige Quelle auf dem Klostergrund zog Gläubige an. Cismar wurde zum Wallfahrtsort – und aus der Verehrung erwuchs ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Pilger brachten Einnahmen, die wiederum den Betrieb des Klosters ermöglichten. Als Pest und Kriege die Wallfahrten zurückgehen ließen, geriet dieses Modell ins Wanken. 1432 wandte sich das Kloster deshalb sogar an Papst Eugen IV. und bat um Unterstützung für seinen Unterhalt.
Das Ende der Abtei kam schließlich mit der Reformation. Die Reliquien verloren an Bedeutung, nachdem der Lübecker Bischof ihre Echtheit aberkannt hatte. 1542 wurde die protestantische Kirchenordnung angenommen. Nach der Landesteilung fiel Cismar an Herzog Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf. Die klösterliche Gemeinschaft bestand noch einige Jahre fort, doch 1561 war die Säkularisation abgeschlossen. Aus dem Klostergebiet wurde ein landesherrliches Amt.
Damit begann für die historischen Gebäude ein zweites, ungewöhnlich langes Leben. Die Gottorfer Herzöge ließen den ehemaligen Klosterbesitz zu einem Schloss mit Gutsbetrieb umgestalten. 1768 wurde der westliche Teil der Kirche abgetrennt und als Wohnhaus für den Amtmann eingerichtet. Später waren die Gebäude unter anderem Scheune, Amtmannwohnung, Auslagerungsort der Kieler Universitätsbibliothek während des Zweiten Weltkriegs, Flüchtlingsunterkunft, Jugendherberge und Schule. Eine Zeit lang schien sogar der Verfall des historischen Ensembles nicht mehr aufzuhalten.

Auch die Geschichte der Klosterbibliothek erzählt von diesem Wandel. Die einst reiche Sammlung gelangte zunächst nach Schloss Gottorf und wurde später nach Kopenhagen gebracht. In der Dänischen Königlichen Bibliothek lassen sich bis heute 110 lateinische Handschriften und 149 Inkunabeln aus Cismar nachweisen. Ein Teil des geistigen Erbes des Klosters hat damit einen Weg genommen, der weit über die ostholsteinische Landschaft hinausführt.
Heute ist die Geschichte des Ortes keineswegs abgeschlossen. Nach umfangreichen Restaurierungen wurde Kloster Cismar seit 1987 zu einem Kulturzentrum und zur Dependance der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Im Sommer zieht Kunst in die historischen Räume ein, im Winter erklingt Musik im Gewölbesaal. Besonders lebendig wird die Anlage beim Klosterfest am zweiten Augustwochenende: Rund 150 Marktbeschicker präsentieren Kunsthandwerk, Zehntausende Besucher kommen in die historische Umgebung.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination von Cismar: Das Kloster ist kein eingefrorenes Denkmal. Seine Geschichte hat immer wieder neue Kapitel bekommen … vom Benediktinerkloster zum Wallfahrtsort, vom landesherrlichen Besitz zum Schloss, von der Amtmannwohnung bis zum Kulturzentrum. Wer heute durch den Innenhof geht oder in der alten Klosterkirche vor dem mittelalterlichen Altar steht, begegnet deshalb nicht nur der Vergangenheit. Er erlebt einen Ort, der sich über Jahrhunderte verändert hat und trotzdem seinen Charakter bewahrt.
Und wenn hinter den Backsteinmauern der Blick wieder hinaus in die ostholsteinische Landschaft fällt, ist die Ostsee nicht weit. Gerade diese Verbindung macht Cismar zu einem lohnenden Reiseziel: Geschichte lässt sich hier nicht nur besichtigen, sondern mit einem Spaziergang durch die Landschaft, einer Wanderung zur Küste und einem Besuch der kulturellen Veranstaltungen verbinden. Ein mittelalterliches Kloster und zugleich ein überraschend lebendiger Ort der Gegenwart. (nb)




