Musiker mit eigener Handschrift

Nicht nur ein Ensemble, sondern ein Stück musikalische Landschaft der Region stand am Freitagabend auf der Bühne in der Region Volos: Hinter dem Programm verbarg sich eine Gruppe von Musikerinnen und Musikern, die sich seit Jahren mit griechischer Volks-, Laiko- und regionaler Musik beschäftigt und teilweise immer wieder gemeinsam auftritt.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris

Kunst & Kultur – In der Nähe von Volos, tief in der Nacht. Die Gläser auf den Tischen sind längst nicht mehr voll, die letzten Gäste denken ans Heimgehen. Auf der Bühne aber ist noch lange nicht Schluss. Ein Klarinettenton steht im Raum, die Geige antwortet, das Laouto legt sich darunter. Dann setzt der Gesang ein. Man muss solche Musik nicht erklären. Man erkennt sie. Sie hat diesen Moment, in dem aus Zuhören irgendwann Mitmachen wird. Ein Fuß beginnt unter dem Tisch den Takt zu schlagen. Am Rand der Platia bleiben Menschen stehen, die eigentlich schon gehen wollten. Und irgendwann ist die Bühne gar nicht mehr der Mittelpunkt des Abends … die Musik ist es.

Foto: Hellas-Bote

Am Freitag war es vor allem eine Gruppe von Musikerinnen und Musikern, die diesen Sog erzeugte. Auf dem Plakat standen acht Namen. Einige davon sind in der Region längst feste Größen der traditionellen Musikszene. Und wer genauer hinsieht, entdeckt hinter dem Abend ein musikalisches Netzwerk, das seit mehr als einem Jahrzehnt gewachsen ist.

Mit dabei ist Eleanna Varela. Sie ist eine der Stimmen des Ensembles … aber eine Sängerin, die sich mit dem Etikett „traditionell“ allein kaum beschreiben lässt. Varela wurde in Athen geboren und hat familiäre Wurzeln in Volos. Aufgewachsen ist sie in einem Umfeld, in dem Chormusik und griechische Traditionen selbstverständlich zum musikalischen Alltag gehörten. Sie besuchte das Musikgymnasium in Trikala und schloss dort mit einer Spezialisierung auf byzantinische Musik ab. Seit ihrem 20. Lebensjahr arbeitet sie professionell als Sängerin. Parallel studiert sie Musikwissenschaft an der Aristoteles-Universität Thessaloniki.

Das Spannende an ihrer Laufbahn ist die Spannweite. Varela stand nicht nur mit Musikern der regionalen Volksmusikszene auf der Bühne, sondern arbeitete unter anderem mit der Estudiantina Nea Ionia und dem Orchester „Rythmos“. Zu den prominenten Stationen ihrer bisherigen Karriere gehört ein Auftritt im Athener Herodes Atticus Theater gemeinsam mit Dimitris Bassis, Glykeria und Jonathan Jackson. Gespielt wurde dabei ein Werk des Komponisten Andreas Katsigiannis mit der Staatskapelle Athen.

Foto: Hellas-Bote

Und trotzdem wirkt sie an diesem Abend nicht wie eine Sängerin, die aus einer großen Konzertproduktion in ein Dorf in Magnisia gekommen ist. Im Gegenteil. Gerade hier passt ihre Stimme hin. Vielleicht liegt das daran, dass Varela die traditionelle Musik nicht als abgeschlossenes Genre betrachtet. 2023 erschien mit „Mέτρα“ ein eigenes digitales Single-Projekt, komponiert und getextet von Nikos Chiotoglou. Der Song verbindet Elemente der traditionellen Musik mit einer zeitgenössischen musikalischen Sprache. In einem Interview sagte Varela sinngemäß, dass sie sich gerade in der traditionellen und volkstümlichen Musik besonders ausdrücken könne. Das hört man ihr an. Ihre Stimme versucht nicht, größer zu sein als die Musik. Sie lässt ihr Raum.

Und dann ist da Nikos Kerasiotis. Das Klarinett liegt bei ihm nicht einfach irgendwo zwischen den anderen Instrumenten. Es führt. Manchmal fast unmerklich, manchmal so deutlich, dass plötzlich alle anderen Instrumente hinter ihm herzugehen scheinen. Kerasiotis gehört seit Jahren zu den Musikern, die in der traditionellen Szene rund um Volos und das Pelion immer wieder auftauchen. Bereits 2017 spielte er mit einem traditionellen Ensemble bei den „Augoustiatikes Parakliseis“ in Afetes, gemeinsam mit Konstantinos Moutos, Anastasia Lytra und der Sängerin Marina Samara-Barouta. Auch bei der Wiederbelebung des Brauchs „Oi Maides tis Makrinitsas“ war Kerasiotis Teil der traditionellen Besetzung.

Das ist bezeichnend für diese Musiker: Ihre Namen stehen nicht nur auf einzelnen Konzertplakaten. Sie wandern von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Dorfplatz zu Kirchenhof, von Kulturfest zu Sommerfest. Und irgendwann kennt man die Kombination. Klarinett. Geige. Laouto. Percussion. Stimme.

Foto: Hellas-Bote

Giannis Skampardonis ist einer dieser Musiker, bei denen man zunächst vielleicht gar nicht merkt, wie viel er zum Gesamtklang beiträgt. Die Geige drängt sich nicht zwangsläufig nach vorne. Sie kann eine Melodie aufnehmen, sie verzieren, sie gegen die Stimme stellen oder sie einfach einen Moment lang schweben lassen. Skampardonis ist seit Jahren in der Musikszene von Volos aktiv. Bereits 2019 war er bei der Europäischen Nacht der Musik in Volos in einem akustischen Programm mit Piano, Stimme und Geige vertreten. In anderen Projekten ist seine Geige wiederum Teil größerer traditioneller Besetzungen. 2023 etwa tauchte sein Name im Programm der „Augoustiatikes Parakliseis“ ebenfalls im Zusammenhang mit traditioneller Musik auf. Das Entscheidende ist: Skampardonis ist kein Musiker, der nur „traditionell“ spielt. Er bewegt sich zwischen verschiedenen musikalischen Formaten. Und genau das macht den Klang dieser Gruppe so flexibel.

Vielleicht erzählt aber niemand die Geschichte dieser Musik so deutlich wie Konstantinos Moutos. Moutos wurde 1983 in Volos geboren. Seine musikalische Ausbildung begann bereits 1990. Er lernte Bouzouki und musikalische Theorie, absolvierte am Griechischen Konservatorium von Volos eine Ausbildung zum Solisten für Laiko-Instrumente und entwickelte sich später zu einem Musiker, für den das Laouto zum zentralen Instrument wurde. Interessant ist, dass seine Geschichte nicht allein aus Musik besteht.

Als Kind und bis in seine Gymnasialzeit hinein lernte Moutos griechische Tänze beim Omilos Erevnón Pelíou, dem Forschungs- und Kulturverein des Pelion. Er studierte später Sportwissenschaft an der Demokrit-Universität Thrakien und verbindet bis heute Musik, Tanz und regionale Kulturarbeit. Zu seinen Projekten gehört unter anderem die traditionelle Formation „Pilion Ichos“ sowie die seit 2012 stattfindende Musik- und Tanzaufführung „Ton Ellinon Choroi“ in Agria. Außerdem organisierte er 2014 ein wissenschaftliches Seminar über traditionelle griechische Tänze. Das erklärt vielleicht, warum Moutos auf der Bühne mehr ist als der Mann mit dem Laouto.

Foto: Hellas-Bote

Er kennt die Musik nicht nur aus der Perspektive des Musikers. Er kennt sie auch aus der Perspektive des Tänzers, des Vermittlers und des Menschen, der sich mit den Traditionen des Pelion beschäftigt. Schon 2015 veröffentlichte er einen Beitrag über die musikalische Tradition des Pelion, in dem er selbst gemeinsam mit Kerasiotis und Lytra eine traditionelle Formation bildete. Zehn Jahre später ist die Verbindung noch immer da.

Und dann wäre da Anastasia Lytra. Percussion ist ein undankbares Instrument, wenn man es nur auf dem Papier betrachtet. „Krušta“ steht auf dem Programm – Schlagwerk. Zwei Wörter, die kaum verraten, was diese Instrumente innerhalb einer solchen Formation tatsächlich leisten. Lytra ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist seit Jahren Teil der traditionellen Musikszene der Region. Bereits 2014 spielte sie mit Moutos und Kerasiotis bei einem pilliotischen Tanzabend in Drakia. 2017 gehörte sie erneut zur Besetzung der „Augoustiatikes Parakliseis“. Und 2019 stand sie wieder gemeinsam mit Kerasiotis und Moutos bei traditionellen Veranstaltungen in der Region auf der Bühne. Dabei ist Lytra musikalisch nicht auf Folklore festgelegt. 2024 gehörte sie etwa zum musikalischen Team einer Theaterproduktion über den pontischen Hellenismus. Man könnte sagen: Wo andere Musiker eine Melodie spielen, hält Lytra den Raum darunter zusammen. Und genau deshalb fällt sie besonders auf, wenn sie einmal nicht spielt. Keine Zufallsformation

Was an diesem Abend wie eine Besetzung für einen einzelnen Sommerabend aussah, ist also alles andere als zufällig. Varela, Kerasiotis, Skampardonis, Moutos und Lytra haben schon vor Jahren gemeinsam musiziert. Im August 2022 wurden sie beispielsweise gleich mehrfach in derselben Besetzung angekündigt: Varela am Gesang, Kerasiotis am Klarinett, Skampardonis an der Geige, Moutos am Laouto und Lytra an der Percussion. Noch deutlicher wird die Kontinuität, wenn man weiter zurückgeht. 2019 findet sich die Kombination Kerasiotis, Skampardonis, Moutos und Lytra bei einem Fest mit pilliotischer Musik. 2015 spielten Kerasiotis, Moutos und Lytra gemeinsam bei einer Präsentation der musikalischen Tradition des Pelion. Und die Geschichte ist keineswegs abgeschlossen.

Im Mai 2026, wenige Monate vor diesem Augustfreitag, standen Varela, Kerasiotis, Skampardonis, Moutos und Lytra in Agios Lavrentios ebenfalls als Formation auf der Bühne. Das Programm hieß „Tis Gis kai tis Psychis Tragoudia“ – Lieder der Erde und der Seele – und führte musikalisch von Epirus über die Ägäis bis nach Makedonien, Thrakien und Thessalien. Auch moderne Stücke wurden in diesem traditionellen Klangrahmen interpretiert. Das ist vielleicht die treffendste Beschreibung dieser Musiker. Sie konservieren keine Folklore. Sie benutzen sie. Sie nehmen die alten Melodien, Instrumente und Rhythmen und setzen sie immer wieder in neue Räume. In Kirchen, auf Dorfplätzen, bei Kulturveranstaltungen, bei Tanzfesten …

Und dann kommt der Moment, in dem alle spielen, denn auf dem Plakat stehen neben diesen fünf noch Konstantinos Tekouras-Stampoulis, Christos Ntinas und Dimitris Karantanas. Tekouras-Stampoulis und Ntinas ergänzen den Gesang, Karantanas bringt mit dem Bouzouki eine weitere Farbe in die Besetzung. Viele dieser Künstler arbeiten dort, wo griechische Musik traditionell immer funktioniert hat: live. Auf Bühnen, bei Festen und dort, wo Menschen zuhören, tanzen und irgendwann selbst mitsingen. Vielleicht war das auch der schönste Moment des Abends. Nicht ein einzelner großer Solopart. Nicht die Ansage zwischen zwei Liedern. Sondern dieser Augenblick, in dem die Musiker einander nicht mehr erklären müssen, was jetzt kommt.

Moutos setzt den Rhythmus. Skampardonis nimmt ihn auf. Kerasiotis schiebt die Klarinette darüber. Lytra macht den Puls größer. Und Varela beginnt zu singen. Für einen Moment sind die einzelnen Namen verschwunden. Übrig bleibt nur noch Musik. Und wenn später die Lichter auf der Bühne ausgehen, ist genau das der Teil des Abends, der bleibt. (mav)