Griechenland gilt vielen als Land der Inseln, antiken Tempel und sonnenbeschienenen Küstenlandschaften. Doch fernab der touristischen Postkartenmotive zeigt sich in Mittelgriechenland eine andere Realität: jene eines Landes, das zunehmend mit den Folgen extremer Wetterereignisse, verfehlter Stadtplanung und jahrzehntelanger Eingriffe in sensible Naturräume ringt.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Volos – Besonders deutlich wird dies am Krafsidonas, jenem nur zwölf Kilometer langen Wildbach, der wie ein schmaler, oft übersehener Wasserlauf durch Volos und seine Vororte zieht, und doch innerhalb weniger Stunden zur zerstörerischen Naturgewalt werden kann.
Der Krafsidonas entspringt im zentralen Pilion-Gebirge, jener sagenumwobenen Landschaft, die in der griechischen Mythologie als Heimat der Kentauren gilt. Von dort aus bahnt sich der Wildbach seinen Weg in südwestlicher Richtung hinunter zum Pagasitischen Golf. Auf seinem Lauf durchquert er Orte wie Portaria, Volos und Nea Ionia, verbindet historische Stadtteile und moderne Wohngebiete und wird von mehreren Brücken überspannt, die heute ebenso infrastrukturelle Lebensadern wie Symbole menschlicher Verwundbarkeit darstellen.
Über Jahrzehnte galt der Krafsidonas vielen Bewohnern lediglich als unscheinbarer Wasserlauf, dessen Bedeutung sich auf Regenperioden und saisonale Abflüsse beschränkte. Doch die Wirklichkeit entwickelte sich anders. Besonders seit den 1950er Jahren griff der Mensch massiv in das natürliche Flussbett ein. Der Wildbach wurde begradigt, eingeengt und abschnittsweise kanalisiert, um urbane Expansion und Verkehrsprojekte zu ermöglichen. Gleichzeitig entstanden immer mehr Wohnhäuser, Geschäfte und öffentliche Gebäude direkt an seinen Ufern. Die Folgen dieser Eingriffe offenbaren sich heute mit dramatischer Wucht.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung des Deltas. Während die Mündung des Krafsidonas im Jahr 1945 noch eine Breite von rund 240 Metern aufwies, war sie bis 2023 auf lediglich etwa 40 Meter geschrumpft. Mit jedem weiteren Eingriff verlor der Wildbach einen Teil seiner natürlichen Fähigkeit, Wassermassen aufzunehmen und kontrolliert abzuleiten. Der Fluss wurde gewissermaßen in ein starres Korsett gezwungen; mit verheerenden Konsequenzen für eine Stadt, die sich immer weiter an seine Ufer heranschob.
Bereits 1988 zeigte sich, wie weit manche städtebaulichen Vorstellungen gingen. Damals existierte tatsächlich der Plan, den Krafsidonas vollständig in eine Straße umzuwandeln. Erst massive Proteste der Bevölkerung verhinderten das Projekt. Rückblickend erscheint dieser Widerstand beinahe visionär. Denn die späteren Katastrophen machten deutlich, dass der Wildbach trotz aller baulichen Eingriffe niemals seine ursprüngliche Kraft verloren hatte.
Ein erstes dramatisches Warnsignal erfolgte am 10. Oktober 2006. Heftige Niederschläge ließen den Krafsidonas anschwellen und verwandelten Teile von Volos in eine verwüstete Landschaft. Felder und Haine wurden zerstört, Wohnhäuser überflutet und ganze Straßenzüge von Erdrutschen erfasst. Besonders symbolträchtig war der Einsturz einer Eisenbahnbrücke zwischen Volos und Larissa. Der zentrale Steinpfeiler hielt den gewaltigen Massen aus Geröll, Schlamm und Wasser nicht stand und brach zusammen. Fast ein Fünftel der Stadt war von schweren Schäden betroffen. Für viele Einwohner markierte diese Flut den Moment, in dem aus dem vermeintlich harmlosen Wildbach eine permanente Bedrohung wurde.
Doch was sich im September 2023 ereignete, übertraf die Erinnerungen an 2006 bei weitem. Der Mittelmeerzyklon „Daniel“, einer der schwersten Stürme, die Griechenland in jüngerer Zeit trafen, brachte enorme Regenmengen über Magnesia und die Region Volos. Der Krafsidonas trat am 5. September über die Ufer und verwandelte sich in einen reißenden Strom aus Wasser, Schlamm und Trümmern. Zahlreiche Menschen verloren ihr Leben. Häuser, Geschäfte und öffentliche Infrastruktur wurden massiv beschädigt.
Besonders erschütternd wirkten die Bilder aus Volos selbst. Der Wildbach zerstörte Teile eines Pflegeheims, riss Fahrzeuge, Busse und Bäume mit sich und zerstörte eine Holzbrücke, die Volos mit Nea Ionia verband. Straßen wurden zu Flüssen, Unterführungen zu tödlichen Fallen. Binnen weniger Stunden zeigte sich die ganze Verwundbarkeit einer Stadt, deren Wachstum über Jahrzehnte hinweg auf Kosten natürlicher Schutzräume erfolgt war.
Kaum hatte sich die Region von den Verwüstungen erholt, traf bereits die nächste Katastrophe ein. Nur 22 Tage nach „Daniel“ erreichte der Sturm „Elias“ die Region Magnesia. Wieder schwoll der Krafsidonas bedrohlich an, erneut wurden weite Teile von Volos überflutet. Die wiederholten Überschwemmungen offenbarten nicht nur die klimatische Extreme der Gegenwart, sondern auch die strukturellen Defizite im Hochwasserschutz Griechenlands.
Experten verweisen inzwischen auf ein komplexes Zusammenspiel aus Klimawandel, Urbanisierung und jahrzehntelanger Missachtung hydrologischer Zusammenhänge. Wildbäche wie der Krafsidonas seien keine gewöhnlichen Flüsse, sondern hochdynamische Systeme, die in Trockenzeiten harmlos wirken, bei Starkregen jedoch explosionsartig anschwellen können. Werden ihre natürlichen Überschwemmungsflächen verbaut oder ihre Flussbetten künstlich verengt, steigt das Risiko katastrophaler Überflutungen erheblich.
Für Volos ist der Krafsidonas heute mehr als nur ein geografisches Merkmal. Er ist zu einem Symbol geworden; für die Konflikte zwischen Natur und Urbanisierung, zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Vernunft. Während viele Einwohner die dramatischen Ereignisse der vergangenen Jahre noch immer verarbeiten, wächst zugleich die Sorge vor zukünftigen Extremwettern. Denn der Wildbach, der einst als nebensächlicher Wasserlauf galt, hat sich endgültig als einer der entscheidenden Faktoren für die Zukunft der gesamten Region erwiesen. (mav)





