Digitales Gedächtnis gegen das Vergessen: Griechenlands jüdisches Erbe neu erschlossen

Ein neues Kapitel in der digitalen Erinnerungskultur ist aufgeschlagen: Mit dem Projekt „Iosipos“ steht ab sofort ein umfassendes Online-Archiv zur Geschichte der jüdischen Gemeinden Griechenlands der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris

Aktuell – Ein ehrgeiziges Großprojekt zur Bewahrung jüdischer Geschichte ist abgeschlossen: Mit der Plattform „Iosipos“ (auch unter dem Namen „Josephus“ bekannt) steht ab sofort ein umfassendes digitales Archiv zur Verfügung, das die Vergangenheit der jüdischen Gemeinden Griechenlands dokumentiert – frei zugänglich für Öffentlichkeit und Forschung weltweit.

Realisiert wurde das Vorhaben von der Jüdischen Gemeinde Thessaloniki mit Unterstützung der Europäischen Union im Rahmen des Nationalen Forschungsrahmenplans 2021–2027 sowie des Programms „Digitale Transformation“. Rund vier Millionen Euro flossen in den Aufbau der Plattform, die sich als langfristiges kulturelles Vermächtnis versteht.

Herzstück des Projekts ist ein gewaltiger Datenbestand: Mehr als 212.000 einzigartige Dokumente und über zwei Millionen digitale Aufnahmen – darunter Fotografien, Tonaufzeichnungen, historische Quellen und Zeitzeugenberichte – zeichnen die bewegte Geschichte des griechischen Judentums nach. Dieses blickt auf eine rund 3000-jährige Präsenz zurück, geprägt von kulturellem Austausch, wirtschaftlicher Dynamik und intellektuellen Leistungen.

Besondere Bedeutung kommt dabei der Stadt Thessaloniki zu. Nach der Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492 fanden zahlreiche Sepharden hier eine neue Heimat und machten die Hafenstadt über Jahrhunderte zu einem Zentrum jüdischen Lebens. Gemeinsam mit Aschkenasim und den Romanioten, der ältesten jüdischen Bevölkerungsgruppe Griechenlands, prägten sie Gesellschaft und Kultur nachhaltig.

Dieses reiche Leben fand im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende: Zwischen März und August 1943 deportierten die deutschen Besatzer mehr als 50.000 Juden aus Thessaloniki in Vernichtungslager. Nur wenige kehrten zurück. Die nahezu vollständige Auslöschung der Gemeinde markiert einen tiefen Einschnitt, dem das Projekt bewusst Raum gibt – nicht nur als historische Tatsache, sondern als Mahnung.

Über das Archiv hinaus geht „Iosipos“ jedoch deutlich weiter. Ein digitaler Folkloreatlas sammelt mündliche Überlieferungen, Bilder und Dokumente zur Alltagskultur. Eine E-Learning-Plattform vermittelt Sprache, Schrift und Traditionen des griechischen Judentums. Ergänzt wird das Angebot durch Porträts bedeutender Persönlichkeiten wie des Chronisten Albertos Nar, des Offiziers Mordechai Frizis oder des Künstlers Giulio Kaimi, ebenso wie durch die Würdigung einflussreicher Familien wie der Allatinis.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der musikalischen Tradition: Seltene Lieder und Erzählungen aus dem Archiv der Familie Molho wurden wissenschaftlich aufgearbeitet und digital zugänglich gemacht. Die Sammlung bietet thematisch und sprachlich strukturierte Einblicke in die sefardische Musik, ergänzt durch Übersetzungen und historische Einordnungen.

Innovative Technologien verleihen dem Projekt zusätzliche Tiefe. So ermöglicht eine interaktive Karte die Erkundung jüdischer Erinnerungsorte, während Augmented-Reality-Anwendungen Museumsobjekte neu erlebbar machen. Besonders eindrucksvoll ist die dreidimensionale Rekonstruktion der jüdischen Viertel Thessalonikis aus der Zwischenkriegszeit: Auf Grundlage historischer Quellen, darunter Vermögenserklärungen deportierter Familien, entsteht ein digitales Abbild der verlorenen Stadt.

In dieser virtuellen Umgebung können Besucher durch Straßen navigieren, Wohnhäuser und Geschäfte entdecken und so einen Eindruck vom Alltag jener Zeit gewinnen. Die Verbindung von historischer Forschung und moderner Technologie schafft ein immersives Erlebnis, das Vergangenheit greifbar macht. Mit „Iosipos“ entsteht damit weit mehr als ein Archiv: Es ist ein digitales Gedächtnis, das Geschichte bewahrt, Forschung ermöglicht und zugleich neue Formen der Vermittlung eröffnet – ein bedeutender Beitrag gegen das Vergessen. (mav)

Foto: Mauistik/Pixabay