Es sind jene Abende, an denen ein Festival über sich hinauswächst: als sich am Samstag im restlos gefüllten Tonia-Marketaki-Saal die Lichter senkten, war schnell spürbar, dass hier mehr als nur eine weitere Filmvorführung auf dem Programm des 28. Thessaloniki Documentary Festival stand.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Kunst & Kultur – Gezeigt wurde die Episode „Why Are the Mountains Black: Ceremonies“, eine Sondervorführung, die zugleich als Vorpremiere einer neuen Dokumentarserie diente – entstanden als Koproduktion von COSMOTE TV und Onassis Culture und präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Hauptsponsor des Festivals, COSMOTE TELEKOM.
Das Publikum, dicht gedrängt zwischen Filmschaffenden, Festivalgästen und neugierigen Dokumentarfilmfreunden, erlebte einen Film, der sich mit etwas beschäftigt, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, im Kern aber zu den großen Fragen kultureller Identität führt: mit den musikalischen Ritualen, Bräuchen und Erinnerungsformen Griechenlands. Regie führte Phoebus Kontogiannis, dessen Kamera den amerikanischen Musikforscher Christopher King auf einer Reise durch verschiedene Regionen des Landes begleitet – eine Reise, die zugleich eine Annäherung an jene Rituale ist, mit denen Gemeinschaften ihre Lebenszyklen strukturieren: Geburt, Trauer, Feier, Erinnerung.

Bevor der Film begann, begrüßte der künstlerische Leiter des Festivals, Orestis Andreadakis, das Publikum und erinnerte daran, dass die Kooperation mit COSMOTE TV längst zu einer festen Tradition geworden ist. Zweimal im Jahr – im November während des Thessaloniki Film Festivals und im März während des Dokumentarfilmfestivals – präsentiert das Unternehmen gemeinsam mit dem Festival eine Vorpremiere, häufig eine Episode oder eine Serie, die erstmals dem Publikum vorgestellt wird. „Heute zeigen wir eine Folge der Dokumentarserie ,Why Are the Mountains Black?‘, nämlich ,Ceremonies‘“, sagte Andreadakis und betonte zugleich, wie sehr sich das Festival über die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit COSMOTE TELEKOM freue.
Auch Faye Tsitsipi, Content Managerin von COSMOTE TV, nutzte die Gelegenheit, um sich bei den Organisatoren für Einladung und Gastfreundschaft zu bedanken – und zugleich die Menschen zu würdigen, die hinter der Serie stehen. „Wir sind heute hier, um ein Projekt vorzustellen, auf das wir uns sehr freuen“, sagte sie. „Es handelt sich um eine sechsteilige Dokumentarserie, eine Koproduktion von COSMOTE TV und Onassis Culture.“ Ihr Dank galt sowohl den Teams von COSMOTE TV und COSMOTE HISTORY in Athen als auch den kreativen Partnern des Projekts: dem Autor und Protagonisten Christopher King, der Produzentin Katerina Kafentzi, Regisseur Phoebus Kontogiannis sowie den Produzenten Michalis Aristomenopoulos und Loukas Valentis von White Room. Ebenso würdigte sie die Koproduzenten von Onassis Culture – Afroditi Panagiotakou, Dimitris Theodoropoulos und Vasilis Panagiotakopoulos. Gemeinsam, so Tsitsipi, sei eine filmische Reise entstanden, die Musik und Tradition Griechenlands und des südlichen Balkans aus einer ungewöhnlichen Perspektive erkunde – durch die Augen eines Forschers, der von außen kommt und gerade deshalb mit besonderer Neugier auf das kulturelle Erbe blickt. Die Premiere der gesamten Serie wird am 13. April exklusiv auf COSMOTE HISTORY ausgestrahlt und anschließend auf der Plattform verfügbar sein.
Regisseur Phoebus Kontogiannis nutzte die Bühne anschließend, um zu unterstreichen, dass ein solches Projekt niemals das Werk eines Einzelnen sei. Er stellte mehrere Mitglieder des Produktionsteams vor – darunter Janine, die neben der Arbeit am Drehbuch auch organisatorisch eine zentrale Rolle spielte, sowie Produzent Michalis Aristomenopoulos, der ihn während des gesamten Projekts künstlerisch unterstützte. Ebenso würdigte er die Brüder Lambridis, deren Kamerablick entscheidend zur visuellen Gestaltung des Films beitrug.
Der eigentliche Mittelpunkt des Projekts, Christopher King, trat danach ans Mikrofon – ein Mann, dessen Leidenschaft für Musikforschung ihn seit Jahren nach Griechenland führt. Der Grammy-prämierte Autor des Buches „Epirotic Mourning“ wirkt in der Serie zugleich als Erzähler und Entdecker. Mit spürbarer Dankbarkeit begrüßte er das Publikum. Die Arbeit mit COSMOTE HISTORY, Onassis Culture und dem Team von White Room empfinde er, sagte King, wie die Zusammenarbeit in einer großen Familie.
Der Film selbst entfaltet eine atmosphärische Reise durch musikalische Traditionen, deren Ursprünge oft Jahrhunderte zurückreichen. In Dörfern und abgelegenen Regionen dokumentiert die Kamera Rituale, in denen Musik weit mehr ist als Unterhaltung – sie ist Teil der sozialen Ordnung, Ausdruck kollektiver Erinnerung und Spiegel eines Weltbildes, in dem Trauer und Feier, Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.
In der anschließenden Diskussion erklärte King, dass der Titel der Serie bewusst eine gewisse Mehrdeutigkeit enthält. „Why Are the Mountains Black“ sei zwar eine Dokumentation, enthalte aber auch Elemente einer Mockumentary – also fiktionale Momente, die das Dokumentarische hinterfragen. So tauche etwa die irritierende Figur eines Cowboys in den Bergen auf, eine Art erzählerisches Spiel mit Perspektiven und Identität. Die Frage, wer über Musik sprechen darf und aus welcher Position heraus, werde dadurch Teil der Erzählung.
King skizzierte auch die Themen der übrigen Episoden der sechsteiligen Serie. Die Folge „Air“ widmet sich der Verbindung zwischen Musikern, ihren Instrumenten und dem Element Luft – jenem unsichtbaren Medium, das Klang überhaupt erst ermöglicht. „Steps“ untersucht die Rolle des Körpers und der Bewegung, etwa im Tanz oder im Alltag. „Spring“ beschäftigt sich mit der Frage, wie Eitelkeit und Selbstdarstellung kulturelle Praktiken beeinflussen können. „Words“ wiederum widmet sich der Macht der Sprache und der Wirkung, die Worte auf jene haben, die sie hören. Besonders nahe stehe ihm jedoch die Episode „Darkness“, erklärte King – ein Film über Erinnerung, über das, was Menschen behalten und was sie vergessen, und über die symbolische Vorstellung von dunklen Bergen.
Eine der eindrücklichsten Beobachtungen formulierte King in einem Moment, der im Saal spürbare Aufmerksamkeit auslöste. Als er die Lieder zum ersten Mal gehört habe, sei er überzeugt gewesen, ihre Bedeutung zu verstehen. Doch je tiefer er sich in diese musikalische Tradition vertieft habe, desto stärker habe er begriffen, wie viel ihm noch verborgen bleibe. Der Reichtum dieser Kultur, sagte er, offenbare sich erst mit der Zeit – und selbst dann bleibe immer noch etwas Unentdecktes.
Auch Akis Sakellariou, Vorsitzender des Festivalvorstands, hob die besondere Perspektive des Films hervor. Dokumentarfilme über Rituale gebe es viele, sagte er. Doch der Blick eines Außenstehenden, vermittelt durch das Medium Kino, eröffne eine neue Sicht auf Tradition – eine Perspektive, die gerade deshalb wertvoll sei, weil sie vertraute Praktiken aus einem anderen Blickwinkel betrachte.
Auf die Frage nach der persönlichen Motivation hinter dem Projekt antwortete King, seine Leidenschaft für Musik beginne im Grunde mit seinem eigenen Leben. Schon beim Aufwachen sei er von Musik umgeben – Musik, die mit anderen Kulturen verbunden sei und sich ständig weiterentwickle. Diese Verbindungen reichten weit über Griechenland hinaus und berührten auch andere Regionen des Balkans. Seine Neugier auf diese musikalischen Beziehungen, sagte er, begleite ihn seit seiner Geburt.
Gefragt nach den Orten, die ihn während der Dreharbeiten besonders berührt hätten, erwähnte King neben Epirus auch Kreta. Dort spüre er eine ähnliche musikalische Kraft – eine Energie, die sich in Liedern und Traditionen manifestiere und die Menschen über Generationen hinweg verbinde.
Regisseur Kontogiannis erklärte im Gespräch, dass es dem Team wichtig gewesen sei, möglichst unauffällig zu arbeiten. Die Kamera sollte die Menschen nicht verändern, sondern ihr authentisches Verhalten einfangen. Viele Entscheidungen seien während der Dreharbeiten entstanden, andere wiederum erst später im Schneideraum, wo sich die endgültige Form des Films herausbildete.
Auch die technische Gestaltung spielte eine wichtige Rolle. Kameramann Dimitris Lambridis berichtete, dass man sich bewusst für anamorphotische Objektive entschieden habe – eine besondere Linsentechnik, die dem Bild eine eigene räumliche Wirkung verleiht. Da die Kameras über Monate hinweg oft stundenlang getragen werden mussten, wählte das Team vergleichsweise leichte Objektive. Ziel sei gewesen, Griechenland aus einer ungewohnten Perspektive zu zeigen. Für die fiktionalen Sequenzen griff man dagegen auf 16-Millimeter-Film zurück und arbeitete statischer mit Stativ – ein bewusster Kontrast, der den erzählerischen Charakter dieser Szenen betonen sollte.
Sechs Monate dauerten die Dreharbeiten insgesamt. Zum Abschluss der Veranstaltung formulierte Kontogiannis schließlich einen Appell, der über den Film hinauswies. Jeder solle die Bräuche seiner eigenen Herkunftsregion erkunden und sie wirklich erleben, sagte er. Kultur dürfe nicht zur touristischen Kulisse werden. Viele Traditionen verschwänden allmählich, weil die Menschen ihre Dörfer immer seltener besuchten. Umso wichtiger sei es, sich ihrer wieder bewusst zu werden – nicht als Zuschauer, sondern als Teil einer lebendigen Gemeinschaft.
Als die Diskussion endete und sich das Publikum langsam aus dem Saal bewegte, blieb der Eindruck eines Films, der weniger Antworten gibt als Fragen stellt: über Musik, über Erinnerung, über Identität. Vielleicht ist das auch die eigentliche Bedeutung des Titels. Warum die Berge schwarz sind – das lässt sich nicht endgültig erklären. Aber manchmal genügt es schon, ihnen zuzuhören. (mv)





