Unsichtbare Störung, große Folgen: ADHS bei Mädchen und Frauen

Über Jahrzehnte galt die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung als vorwiegend männliches Phänomen. Zappelige Jungen im Klassenzimmer prägten das Bild einer Erkrankung, die nach verbreiteter Annahme mit dem Ende der Kindheit verschwinde. Heute ist klar: Beide Annahmen sind unzutreffend.
Von HB-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Magazin – ADHS begleitet viele Betroffene ein Leben lang – und betrifft Mädchen und Frauen weit häufiger, als lange vermutet wurde. Dennoch bleiben sie bis heute besonders häufig unerkannt. Genau hier setzt eine europäische Informationsinitiative an, an der auch der gemeinnützige Verein ADHS Deutschland e. V. maßgeblich beteiligt ist.

ADHS Deutschland e. V. ist seit vielen Jahren eine der zentralen Anlaufstellen für Betroffene, Angehörige und Fachinteressierte. Der Verein arbeitet bundesweit auf ehrenamtlicher Basis und ist auf mehreren Ebenen organisiert: auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene engagieren sich Mitglieder für Aufklärung, Beratung und Vernetzung. Mit mehr als 200 Selbsthilfegruppen, die sowohl vor Ort als auch virtuell stattfinden, ist der Verein flächendeckend präsent. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein bundesweites Telefonberaternetz, das niedrigschwellige Unterstützung bietet – ein Angebot, das insbesondere für Menschen wichtig ist, die sich zunächst anonym informieren möchten.

Ein weiterer Schwerpunkt der Vereinsarbeit liegt in der umfassenden Informationsvermittlung. Über die eigene Homepage, soziale Netzwerke sowie gedruckte Materialien informiert ADHS Deutschland e. V. über ADHS, häufige Begleitstörungen und angrenzende Themen. Ziel ist es, gesicherte Informationen bereitzustellen und Mythen rund um die Störung entgegenzuwirken. Dabei richtet sich das Angebot nicht nur an Betroffene, sondern auch an Angehörige, Lehrkräfte, medizinisches Fachpersonal und andere Berufsgruppen, die im Alltag mit ADHS in Berührung kommen.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt derzeit das Thema ADHS bei Frauen und Mädchen. Die wissenschaftliche Erkenntnislage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist bekannt, dass ADHS bei Mädchen keineswegs selten ist und dass die Symptome oft anders ausgeprägt sind als bei Jungen. Genau diese Unterschiede tragen jedoch dazu bei, dass die Störung häufig übersehen wird. Während bei Jungen eher hyperaktives und impulsives Verhalten im Vordergrund steht, zeigen Mädchen häufiger unauffällige, nach innen gerichtete Symptome wie Konzentrationsprobleme, emotionale Überforderung oder starke innere Unruhe.

Hinzu kommt, dass viele gängige Diagnoseinstrumente auf Verhaltensmustern basieren, die statistisch häufiger bei Jungen auftreten. Diese geschlechtsspezifische Verzerrung in Bewertungsskalen erschwert eine frühzeitige Diagnose bei Mädchen zusätzlich. Oft entwickeln sie Strategien, um ihre Schwierigkeiten zu kompensieren: sie sind leistungsbereit, organisiert nach außen hin und passen sich stark an Erwartungen an. Diese Kompensationsleistungen können über Jahre hinweg funktionieren – mit dem Preis einer hohen inneren Belastung.

Nicht wenige Frauen erhalten eine ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter. Häufig geschieht dies im Zusammenhang mit einem Burnout, massiven Stressreaktionen oder dem Gefühl, den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen zu sein. Andere werden über lange Zeit wegen Angststörungen, Depressionen, Ess- oder Schlafstörungen oder Suchterkrankungen behandelt, ohne dass die zugrunde liegende ADHS erkannt wird. Die eigentliche Ursache der Schwierigkeiten bleibt dann unbehandelt, während die Betroffenen sich weiterhin fragen, warum ihr Leben als komplizierter empfunden wird als das ihrer Altersgenossinnen.

Die sozialen und persönlichen Folgen können erheblich sein: Probleme im Berufsleben, instabile Beziehungen, ein geringes Selbstwertgefühl und chronische Überforderung sind keine Seltenheit. Fachleute betonen deshalb die Bedeutung einer frühen und korrekten Diagnose sowie einer individuell angepassten Behandlung. Voraussetzung dafür ist ein besseres Verständnis der Symptome und ihrer Auswirkungen – sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Gesellschaft insgesamt.

Um genau dieses Bewusstsein zu stärken, wurde die europäische Initiative „ADHS und Frauen“ ins Leben gerufen. Dank eines Grants der European Federation of Neurological Associations (EFNA) konnte eine spezielle Internetseite zur Sensibilisierung für ADHS bei Frauen und Mädchen realisiert werden. Die Plattform ist unter https://adhd-women.eu/de/ erreichbar und richtet sich an Betroffene, Fachkräfte und Interessierte in ganz Europa. Sie stellt Informationen bereit, beleuchtet typische Lebensverläufe und thematisiert die besonderen diagnostischen Herausforderungen bei weiblichen Betroffenen.

ADHS Deutschland e. V. unterstützt diese Initiative mit seiner langjährigen Erfahrung aus der Selbsthilfearbeit. Der Verein bringt Perspektiven aus der Praxis ein und trägt dazu bei, dass wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und alltagsnah vermittelt werden. Dabei steht nicht nur die medizinische Dimension im Vordergrund, sondern auch die gesellschaftliche: Wie beeinflussen Rollenbilder und Erwartungen die Wahrnehmung von ADHS? Warum werden Mädchen mit ähnlichen Schwierigkeiten anders beurteilt als Jungen? Und welche strukturellen Veränderungen sind nötig, um eine gerechtere Diagnostik zu ermöglichen?

Die Internetseite versteht sich als Baustein einer umfassenderen Aufklärungsarbeit. Sie ergänzt bestehende Angebote und schafft einen Raum, in dem die bislang oft übersehene Perspektive von Frauen mit ADHS sichtbar wird. Für viele Betroffene kann dies der erste Schritt sein, die eigenen Erfahrungen einzuordnen und gezielt Unterstützung zu suchen. (cs)

Foto: Lucija Rasonja/Pixabay