Ein Schatz im Osten Kretas: Pachia Ammos

Wer #Kreta bereist und an den östlichen Küstenstreifen gelangt, findet in Pachia Ammos ein Dorf, das wie ein Fenster in Vergangenheit und Gegenwart wirkt.
Von HB-Redakteur Diemtar Thelen

Reisen – Das kleine Dorf an der schmalsten Stelle der Insel empfängt seine Besucher mit einem warmen Lächeln, dem Geruch nach Salz und frischem Fisch und dem Gefühl, an einem Ort gelandet zu sein, an dem die Zeit langsamer vergeht. Wenn sich am Abend die Sonne über dem Golf von Mirabello senkt, färbt sie den Himmel in leuchtende Orange- und Rottöne, während Fischerboote im kleinen Hafen schaukeln. Es ist ein Ort voller Geschichten, Erinnerungen und Geheimnisse, die bis weit in die Antike zurückreichen.

Der Name Pachia Ammos bedeutet „dichter Sand“ und verweist auf den breiten Strand, der heute Sonnenanbeter und Familien anzieht. Doch lange bevor hier Urlauber ihre Handtücher ausbreiteten, diente der Küstenabschnitt als bedeutender Umschlagplatz. Archäologische Funde belegen, dass der Ort in der Antike ein wichtiger Hafen war, von dem aus Waren über den Isthmus nach Ierapetra transportiert wurden – Kretas Tor nach Nordafrika. So umging man die gefährliche Umrundung der Ostküste. In unmittelbarer Nähe wurde auch das antike Minoa lokalisiert, was die geschichtliche Bedeutung der Region zusätzlich unterstreicht.

Foto: Schuppi, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

Pachia Ammos selbst ist ein Dorf mit rund 574 Einwohnern, das durch seine Authentizität besticht. Hier leben die Menschen noch im Rhythmus des Meeres. Zwar ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle, doch einige Dorfbewohner widmen sich weiterhin dem Fischfang und der Landwirtschaft. Ein Stück Filmgeschichte schrieb der Ort, als hier Szenen des schwedischen Films Tsatsiki – Tintenfische und erste Küsse (1999) gedreht wurden. Besucher lieben den kleinen Fischerhafen im Osten des Dorfes, dessen Einfahrt von Westen her erfolgt und der bis heute als maritimes Herz des Ortes gilt.

Die Geschichte von Pachia Ammos ist untrennbar mit archäologischen Entdeckungen verbunden. Bereits 1903 grub die amerikanische Archäologin Harriet Ann Boyd in der Nähe und legte den Keller eines 42 Meter langen Gebäudes frei, vermutlich ein griechisch-römisches Händlerlager. Daneben entdeckte sie Zisternen und Teile eines Aquädukts – ein beeindruckendes Zeugnis vergangener Zivilisationen. Ein Jahrzehnt später, nach einem Unwetter im Jahr 1913, kamen zufällig minoische Krüge zum Vorschein. Dies führte zu weiteren Ausgrabungen, bei denen Richard Berry Seager 1915 einen großen Friedhof aus früh- bis spätminoischer Zeit freilegte. Besonders faszinierend sind die mehr als 200 Gefäßbestattungen, bei denen die Toten in Hockstellung unter großen Vorratskrügen beigesetzt wurden. Die kunstvolle Bemalung der Gefäße – oft mit Tropfmustern verziert – hat sich im feuchten Erdreich erstaunlich gut erhalten und gewährt heute Einblicke in die rituellen Bräuche der Minoer.

Auch außerhalb des Dorfkerns gibt es viel zu entdecken. Gleich beim Hafen beeindruckt die Kreuzkuppelkirche Agia Fotini mit ihrer schlichten, aber eindrucksvollen Architektur. In der Umgebung begegnen Reisende auf Schritt und Tritt der Antike: In Vasiliki, einem Nachbardorf, wurden Vasen im charakteristischen Vassiliki-Stil gefunden, während im Westen von Pachia Ammos die Ausgrabungsstätte von Gournia Einblicke in das Leben der Minoer bietet. Von Monastiraki aus gelangt man in die imposante Cha-Schlucht, deren steile Felswände nicht nur Wanderer, sondern auch Geschichtsforscher anziehen, denn dort liegt Katalymata, eine minoische Fluchtburg. Südwestlich schließen sich die Ruinen von Halasmenos an – stille Zeugen einer längst vergangenen Epoche.

Doch Pachia Ammos ist nicht nur Geschichte, sondern auch Gegenwart. Es ist das Meer, das hier die Sinne fesselt: das Glitzern der Wellen, der Duft von frischem Oktopus, der in den Tavernen am Strand serviert wird, das Lachen der Kinder, die Muscheln sammeln. Von hier aus lohnt sich ein Bootsausflug zur kleinen, unbewohnten Insel Konida, die wie ein grünes Tupferchen knapp einen Kilometer vor der Küste liegt, oder zur geheimnisvollen Insel Psira, die schon in der Bronzezeit besiedelt war. (dt)

Foto: Schuppi, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org