Es gibt Gestalten in der griechischen Mythologie, deren Geschichten sich wie ein leuchtender Faden durch die Erzählungen von Heldentum, Verrat und göttlicher Bestimmung ziehen. Amphiaraos, Seher des Zeus und Feldherr aus Argos, ist eine solche Figur.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker
Götter & Gelehrte – Seine Geschichte ist erfüllt von Visionen, dramatischen Kämpfen und einem Schicksal, das ihn nicht nur zum Helden, sondern schließlich auch zum verehrten Gott machte. Wer heute das alte Griechenland bereist, begegnet ihm in Legenden, in Tempelanlagen und in geheimnisvollen Orakeln, die seine mythische Gegenwart bis heute lebendig halten.
Amphiaraos entstammte dem Haus der Melampiden und wurde als Sohn des Oikles und der Hypermnestra geboren, doch manche Überlieferungen nannten auch Apollon als Vater – eine Erklärung für seine seherischen Fähigkeiten. Schon früh trat er in bedeutenden Mythen in Erscheinung. Bei der Jagd nach dem Kalydonischen Eber kämpfte er Seite an Seite mit den größten Helden seiner Zeit. Auch die Argonautensage führt ihn in manchen Überlieferungen auf, doch die Erzählungen, die sein Schicksal am stärksten prägten, waren die um den Krieg der Sieben gegen Theben.
Als Ehemann der Eriphyle war Amphiaraos in die Machtspiele von Argos verwoben. Seine Schwäger Adrastos und Polyneikes drängten auf Krieg gegen Theben, doch der Seher erkannte die Katastrophe, die dieser Feldzug bringen würde. Er versuchte, sich zu verweigern, doch durch den verhängnisvollen Einfluss des Halsbands der Harmonia, mit dem Polyneikes seine Frau bestochen hatte, musste er gegen seinen eigenen Willen teilnehmen. Amphiaraos kämpfte mit Mut und Weitsicht, doch sein Schicksal war besiegelt. Als das Heer in die Flucht geriet, öffnete Zeus selbst die Erde, um den Seher samt Wagen und Pferden vor einem unrühmlichen Tod durch die Hand seiner Feinde zu bewahren. Der Erdschlund verschlang ihn – und erhob ihn so in die Sphäre der göttlichen Unsterblichkeit.
Nach seinem Tod verehrte man Amphiaraos nicht nur als Helden, sondern auch als Gott. In Oropos, an der Stelle, an der die Erde ihn aufgenommen haben soll, entstand das berühmte Amphiareion, ein Heiligtum mit einem Traumorakel, das Pilger aus ganz Griechenland aufsuchten. Besucher legten sich dort zum heiligen Schlaf nieder, um im Traum Antworten von dem göttlichen Seher zu erhalten. Auch in Argos und Theben gab es Tempel, die ihm geweiht waren, und Quellen, deren Wasser mit seiner Kraft in Verbindung gebracht wurde. Sein Kult verband Weissagung, Heilung und die tiefe Ehrfurcht vor einem Helden, der zwischen Menschenwelt und Götterreich wandelte.
Amphiaraos’ Name blieb auch in den großen panhellenischen Spielen lebendig. Ihm wurden Siege im Wagenrennen und Diskuswerfen zugeschrieben, die seine Vielseitigkeit als Athlet und Feldherr betonten. Kunstwerke, Darstellungen von Kämpfen und literarische Erwähnungen bewahren bis heute das Bild eines Mannes, der trotz tragischem Schicksal zur zeitlosen Figur der griechischen Mythologie wurde. Wer auf den Spuren Amphiaraos reist, begegnet nicht nur einem mythischen Helden, sondern einem Sinnbild für das Ringen zwischen Schicksal und freiem Willen, zwischen menschlicher Stärke und göttlicher Bestimmung. (nb)





